Wahlen

Der reuige Heilsbringer

Legendärer Cricketspieler, umworbener Playboy – und jetzt geläuterter Muslim. Pakistans Jugend könnte Imran Khan zum Wahlsieger machen

Der Mann im blauen Krankenhaushemd hat die größte Menschenmenge angelockt: 25.000 Fans warteten am Donnerstagabend an der riesigen Kreuzung D-Chowk in Islamabad wie Groupies auf einen Popstar. Dabei war ihr Kandidat, der ehemalige Cricketstar und Pakistans potenzieller Premierminister Imran Khan, gar nicht persönlich anwesend bei der letzten großen Kundgebung seiner Partei vor der Parlamentswahl am Samstag.

Pakistans selbst ernannter Heilsbringer richtete sich per Videobotschaft vom Hospitalbett in Lahore an seine Anhänger. Ausgestattet mit neuem Heldenruhm und der goldenen Aura des Märtyrers, denn Khan war am Dienstagabend bei einer Wahlkampfveranstaltung kopfüber aus fünf Meter Höhe von einer provisorischen Hebebühne gestürzt. Der Unfall hat dem 60-Jährigen einen zusätzlichen ungeahnten Sympathieschub verschafft. Aber selbst wenn Khans Partei nicht zur stärksten Kraft wird – er ist das Phänomen, das diese historische Wahl prägt: Es ist das erste Mal in der Geschichte Pakistans, dass ein demokratisches Parlament nach einer vollen Legislaturperiode erneut gewählt wird.

Im Abenddunst wogt ein Meer von rot-grünen Fahnen, den Farben seiner „Bewegung für Gerechtigkeit“, der Tehreek-e-Insaf (PTI). Auf der breiten Straße herrscht aufgeregte Partystimmung, doch als Khan live auf den riesigen Bildschirmen erscheint, wird es mucksmäuschenstill. Gebannt lauschen die Menschen seinen Worten: „Gott wird mich nicht aus dieser Welt nehmen, bevor nicht ein neues Pakistan errichtet wurde!“, ruft Imran Khan den Menschen zu und legt sich immer wieder seine große Hand aufs Herz. Als er schließt, erfüllt donnernder Jubel die Straßen der Hauptstadt.

„Wir lieben Dich, Imran Khan!“ steht auf den handgeschriebenen Plakaten und inmitten von Blumen an der Krankenhausmauer in Lahore. „Werde schnell gesund!“, schreiben die Fans, und: „Wir versprechen zu wählen!“ Hier erholt sich der 60-Jährige von seinen Verletzungen. Neun Brüche an Wirbelsäule und Brust hatte sich Khan zugezogen. Doch er hatte Glück. Schon am Mittwoch durfte Khan die Intensivstation verlassen. Seine kugelsichere Weste, erklärte er später, hatte seine Wirbelsäule vor schweren Verletzungen geschützt.

Wieder einmal bangte die Nation um Imran Khans Fitness. So war es schon früher. Denn zum Nationalhelden wurde er als Cricket-Spieler, und unsterblich machte ihn der Weltmeistertitel, den die Nationalmannschaft 1992 unter seiner Führung holte. Er kam aus einer wohlhabenden Familie von Paschtunen, jener konservativen Ethnie, die den Norden Pakistans und den Süden Afghanistans bewohnt und aus der die meisten Taliban stammen.

In der Schule war der junge Imran nie besonders gut. Als Absolvent des elitären Aitchison Colle in Lahore schaffte er es zwar an die Universität von Oxford, doch seine Abschlüsse dort waren mäßig. Nur im Cricket war er schon als Teenager ein Ausnahmetalent. Und als er zum Nationalspieler aufstieg, bewies er noch andere Starqualitäten. Er galt in den 90er-Jahren als internationaler Playboy und charismatischer Sexgott, der nachts in den Londoner Klubs und tagsüber in den Klatschspalten zu finden war. Die Frau an seiner Seite, Jemima geborene Goldsmith, verkörperte Weltoffenheit – Tochter eines Lords aus jüdischer Familie. Die Ehe zerbrach nach ein paar Jahren, und seit dem Krebstod seiner Mutter gibt sich Khan als geläuterter Muslim. Mit dem Image eines „reuigen Sünders“, wie er sich selbst einmal nannte, engagierte er sich sozial, dann politisch und packt seinen Feldzug gegen die Korruption in eine betont islamische Rhetorik.

Das macht ihn erfolgreich. Imran Khan reitet auf der Welle des Überdrusses gegen eine politische Klasse, die sich selbst bereichert und das Land verarmen lässt. Eine Energiekrise lähmt die südasiatische Nuklearmacht, Gasmangel und permanente Stromausfälle plagen die Wirtschaft. Imran Khan setzt dem seinen Traum einer „sozioökonomischen Revolution“ entgegen. „Wir müssen die Einkünfte anheben“, sagt er am Rande einer Wahlveranstaltung, „damit wir auf eigenen Füßen stehen können. Nicht indem wir die Steuern erhöhen, sondern indem wir die Reichen besteuern, die noch nie Steuern gezahlt haben.“

Aber auch Khans nächster Punkt trifft den Nerv der Menschen in Pakistan: „Wir müssen mit dem Terrorismus in Pakistan fertigwerden. Solange wir hier keine Lösung finden, wird kein Investor kommen.“ Und wie das geschehen soll, weiß er auch: „Wir müssen uns vom Krieg der USA lösen. Denn in dem Moment, wo wir uns davon losmachen, wird es keinen Dschihad mehr geben. Und wenn es keinen Heiligen Krieg mehr gibt, werden wir keine Selbstmordattentäter mehr haben und die Motivation hinter den Militanten wird verschwinden.“ Dass er in puncto Sicherheit immer wieder die USA angreift, zu Untaten der Taliban aber meist schweigt, hat Khan den Verdacht eingetragen, zumindest passiv von radikalen Sympathien profitieren zu wollen.

Doch im Moment fliegen ihm Herzen zu. Der zahm gewordene Playboy kommt besonders bei den jungen Leuten gut an. Und davon gibt es viele in Pakistan: Mehr als die Hälfte aller Wähler, 58 Prozent, sind unter 40 Jahre alt. Außerdem kommen 20 bis 30 Millionen neue Wähler hinzu, weil das Wahlalter auf 18 herabgesetzt wurde.

Doch die besten Aussichten, Premier zu werden, hat ein Veteran der pakistanischen Politik: Nawaz Sharif. Der von Saudi-Arabien unterstützte Politiker hatte den Posten schon zweimal inne, und unter seiner Herrschaft grassierte die Korruption. Trotzdem segeln der „Tiger des Punjab“ und seine Muslimliga PML-N ebenfalls auf der Welle der Wut über die Vetternwirtschaft und Unfähigkeit der PPP-Regierung. Ein Jahrzehnt, nachdem er vom späteren Militärdiktator Pervez Musharraf gestürzt und ins Exil gezwungen wurde, gilt er nun als heißer Favorit.