Christian Wulff

„Man freut sich, wenn man unter Freunden ist“

Locker, gebräunt, gut gelaunt: Ex-Bundespräsident Wulff kehrt auf vertrautes Terrain zurück

Es ist alles wieder so, wie es früher einmal war. Mikrofone recken sich, von oben, von unten, von der Seite, von hinten. Kameraleute und Fotografen schieben, drängeln sich um die besten Plätze. Sicherheitsbeamte drücken ihr Kreuz durch. Reporter versuchen, doch noch eine Frage zu platzieren: „Haben Sie selbst auch Fehler gemacht, Herr Wulff?“ „Streben Sie wieder ein politisches Amt an?“

Tja, was soll er dazu nun sagen. Christian Wulff, 54, Bundespräsident a. D., an diesem Freitagmorgen Ehrengast bei der Jahrestagung des Verbandes der Deutsch-Japanischen Gesellschaften. Einer der wenigen öffentlichen Auftritte, die er sich zugetraut hat nach dem Rücktritt vor bald 15 Monaten. Der erste überhaupt, nachdem Niedersachsens Staatsanwälte gegen den Ex-Ministerpräsidenten ihres Landes Anklage wegen Bestechlichkeit erhoben haben. Hannover, Rathaus, Hodlersaal, Niedersachsens Landtag liegt gleich um die Ecke. Vertrautes Terrain.

Souverän, gelassen, die linke Hand immer wieder ganz locker in der Hosentasche seines dunklen Anzugs versenkend besteht Wulff den ersten, den offiziellen Teil dieser öffentlichen Probe. Seinen Vortrag über die Potenziale der deutsch-japanischen Beziehungen hat er ordentlich in sechs Schritte gegliedert. Sie führen ihn von den gemeinsamen demografischen Problemen beider Länder über die Notwendigkeit von Integration und Innovation zu Energiewende und Staatsverschuldung bis hin zu den „geostrategischen Veränderungen“, denen Deutschland wie Japan ausgesetzt seien.

Auch das ist vertrautes Geläuf für einen, der schon als Ministerpräsident, erst recht als Bundespräsident versucht hat, das Ganze in den Griff zu nehmen. Schon als Regierungschef hat Wulff Japan zwei Mal einen Besuch abgestattet, auch eine seiner wenigen großen Reisen als Bundespräsident führte ihn in das damals von der Fukushima-Katastrophe aufgewühlte Land. Wulff sei „ein wahrer Freund Japans“, loben entsprechend seine Gastgeber. „Und einen richtigen Freund“, zitiert der Vorsitzende der deutsch-japanischen Gesellschaft den alten Römer Cicero, „erkennt man erst in unsicherer Lage.“ Mit Blick auf Wulffeine vielfältig interpretierbare Äußerung.

Einen anderen Vortrag, Ende dieses Monats in Luzern geplant, hat Christian Wulff dagegen um mindestens ein Jahr verschoben. Das Thema „Politik und Medien“, dem er sich beim „Swiss-Media-Forum“ widmen wollte, schien ihm nach der Anklageerhebung offenbar zu heikel. Den Umgang mit diesem nicht im Ausland siedelnden Teil seiner Zukunft muss er sich erst noch aneignen. Es ist ja auch noch nicht entschieden, wie das große Wulff-Drama am Ende tatsächlich ausgeht. Mit einem öffentlichen Verfahren vor dem Landgericht, mit einer Verurteilung gar wegen Bestechlichkeit im Amt. Oder vielleicht mit einem Freispruch allererster Klasse, der ihm den Weg erst so richtig frei machen würde für das offene Wort in eigener Sache.

„Wie geht es Ihnen?“, feuert schließlich ein Reporter seine letzte Frage aus dem Pulk der Mikrofone und Kameras. Christian Wulff, schlank, braungebrannt, immer noch gelassen, immer noch gefasst, immer noch sehr kontrolliert, zögert für einen Moment. „Gut“, antwortet er dann und: „Man freut sich, wenn man unter Freunden ist.“