Geschichte

Das erste Leben der Angela Merkel

Ein neues Buch beleuchtet die DDR-Zeit der Kanzlerin. War sie Reformkommunistin?

Kennen die Deutschen ihre Kanzlerin wirklich? Angela Merkel sagt selbst: „Man weiß in den alten Bundesländern über 35 Jahre meines Lebens kaum etwas.“ Ihre Zeit in der DDR, ihre Jugend, die Studienjahre und vor allem ihre Zeit als Physikerin an der Akademie der Wissenschaften der DDR liegen weitgehend im Dunkeln. Warum ist das bis heute immer noch so, mehr als 20 Jahre nach der deutschen Einheit? Und vor allem: Was könnte sich in diesem Dunkel verbergen?

All diesen Fragen gingen Morgenpost-Redakteur Günther Lachmann und der „Bild“-Redakteur Ralf Georg Reuth nach. Die Ergebnisse ihrer Recherchen füllen ein ganzes Buch: „Das erste Leben der Angela M.“, das am 14. Mai im Piper-Verlag erscheint. Anhand von neuen Dokumenten und Gesprächen mit Zeitzeugen erzählen die Autoren das erste Leben der Kanzlerin neu und zeigen, dass das Bild, das bislang von ihren 35 Lebensjahren in der DDR verbreitet wird, nicht stimmig ist. Weder war sie eine unpolitische Wissenschaftlerin, noch schlug ihr Herz für die deutsche Einheit. Vielmehr gehörte die ehrgeizige und systemkonforme Physikerin der sowjetisch geprägten Wissenschaftselite des SED-Staates an und trat 1989 für einen demokratischen Sozialismus ein – eine erstaunliche Ausgangsposition für die spätere Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende.

Die Autoren belegen, dass Angela Merkel ihren politischen Ehrgeiz nicht erst nach der Wende entdeckte. Ihren Recherchen zufolge war sie im weitesten Sinne eine Reformkommunistin, die unter dem Eindruck von Gorbatschows Glasnost und Perestroika für einen demokratischen Sozialismus in einer eigenständigen DDR eintrat.

Auch stand die heutige Bundeskanzlerin dem DDR-System näher als bislang bekannt. So war sie den Recherchen zufolge an ihrem Institut an der Akademie der Wissenschaften beispielsweise im Jahr 1981 FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. Angela Merkel selbst bestreitet dies bis heute. Außerdem saß sie in der Betriebsgewerkschaftsleitung.

Bislang herrscht die unter anderem auf Aussagen der Kanzlerin zurückgehende Auffassung vor, Merkel sei erst im Dezember 1989 zum Demokratischen Aufbruch (DA) gestoßen, als dieser bereits für die Wiedervereinigung eintrat. Das stimmt den Recherchen der beiden Autoren zufolge aber so nicht. Auch Merkel selbst sei vielmehr für einen eigenständigen demokratischen Sozialismus eingetreten.

Das Buch untersucht auch den unglaublichen Aufstieg Merkels in nur wenigen Monaten von der unbekannten DA-Aktivistin zur Bundesministerin im wiedervereinigten Deutschland. Immerhin fand sie sich innerhalb eines Jahres im Kabinett des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) wieder. Dieser Aufstieg sei maßgeblich bestimmt worden von ihren Förderern in der Wendezeit, schreiben die Autoren. Dazu gehörten der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Wolfgang Schnur, und später dann der letzte Regierungschef der DDR, Lothar de Maizière, von der Ost-CDU. Beide wurden von der Stasi als Inoffizielle Mitarbeiter geführt.

Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann hätten die Kanzlerin gern persönlich zu all den neuen Erkenntnissen befragt, doch Angela Merkel lehnte ab. Über ihren Regierungssprecher ließ sie den beiden ausrichten, dass sie zur Beantwortung der von ihnen eingereichten Fragen keine Zeit habe. In ihrem Buch schildern die Autoren den zeitgeschichtlichen Kontext, in dem sich Angela Merkel bewegte und ohne den ihr erstes Leben nicht erschlossen werden kann. Sie zeigen aber auch, wie dieses erste Leben ihr zweites als Bundeskanzlerin mitbestimmt – bis heute.