Geschichte

Meinungsfreiheit auf dem Scheiterhaufen

Es war, als wollte der Himmel protestieren. Sturzbachartig schüttete es am Abend des 10.Mai 1933 auf Berlins Mitte. „Der niedergehende starke Regen schlug eine Bresche in die wartende Menge auf dem Opernplatz“, berichtete die liberale „Vossische Zeitung“, verlegt vom deutsch-jüdischen Pressehaus Ullstein. Allerdings füllten sich diese Lücken rasch wieder, denn es gab Tausende Gaffer, die ein seit Langem in Berlin unbekanntes Ereignis miterleben wollten: eine rituelle Bücherverbrennung, angeblich gegen den „undeutschen Geist“.

Die Organisatoren hatten sich gut vorbereitet: In der Mitte des Platzes zwischen Staatsoper, Dresdner Bank und juristischer Fakultät stand ein mächtiger Scheiterhaufen aus Holz. Eine Tribüne war aufgebaut worden, für braune Prominenz. Für Mitternacht hatte der NSDAP-Gauleiter von Berlin und Propagandaminister Joseph Goebbels sein Kommen und eine Rede angekündigt. Sie gipfelte in den Worten: „Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende.“

Kästner sah seine Bücher brennen

Auch 80 Jahre danach steht die nächtliche Aktion für die ultimative Kulturbarbarei, die zum Auftakt für das Menschheitsverbrechen Holocaust wurde. Schon 1821 hatte der Dichter Heinrich Heine in seiner Tragödie „Almansor“ über ein ähnliches Ritual in Spanien weise formuliert: „Das war ein Vorspiel nur! Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Genau so kam es: Vom Scheiterhaufen für Druckwerke auf dem Opernplatz führte ein direkter Weg zu den Leichenöfen von Auschwitz.

Unter den vielen Tausend Zuschauern am späten Abend jenes Mittwochs war auch Erich Kästner. Er gehörte zu den als „undeutsch“ geschmähten Schriftstellern, deren Werke in Flammen aufgingen, und verfolgte das grausame Spektakel als einziger von ihnen unmittelbar. Nach dem Untergang des Dritten Reichs erinnerte er sich: „Im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Oper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend beim Namen.“

Die Bücherverbrennung war so wenig spontan wie andere „Ausbrüche des Volkszorns“ in Hitlerdeutschland. Im Gegenteil: Fünf Wochen lang hatten Funktionäre des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds die Aktion gründlich vorbereitet.

Konzipiert wurde sie bereits kurz nach der Reichstagswahl Anfang März 1933. Die Köpfe der Deutschen Studentenschaft, Gerhard Krüger und Hans Karl Leistritz, erkannten den propagandistischen Wert einer symbolischen „Reinigung“ durch Flammen. Am 2.April 1933 verschickten sie ein vierseitiges Konzept, das zur Blaupause der Bücherverbrennung werden sollte. Der „Sinn der Aktion“ sollte sein, den „jüdischen Geist, wie er in der Welthetze in seiner ganzen Hemmungslosigkeit zum Ausdruck“ komme, „auszumerzen“.

Die Bücherverbrennung sollte der Höhe- und Endpunkt einer vierwöchigen Phase der „Reinigung“ sein. Dafür wurden zwölf Thesen veröffentlicht, die antisemitische Vorurteile und NS-Ideen knapp zusammenfassten. Die vierte These etwa lautete: „Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude und der, der ihm hörig ist“, in der siebten hieß es: „Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.“

Ab dem 26.April 1933 wurden Institutsbibliotheken „gesäubert“ – gestützt auf eine Liste eines Berliner Bibliothekars mit etwa 170 Autorennamen. Allerdings lief dieser Teil der Aktion in Berlin schleppender als andernorts in Deutschland. In mehreren Institutsbibliotheken hatten die Leiter gefährdete Bestände beiseiteräumen lassen. Zusätzlich stürmten uniformierte Studenten am 6.Mai das ihnen verhasste Institut für Sexualwissenschaft im Spreebogen. Sein Gründer Magnus Hirschfeld, der als Jude, Homosexueller und Linker gleich dreifach dem Feindbild der Nazis entsprach, lebte schon seit 1931 im Exil. Die Bibliothek wurde geplündert und verwüstet, eine Büste Hirschfels gestohlen – sie sollte bei der eigentlichen Verbrennung noch eine besondere Rolle spielen.

Am 10.Mai schließlich, als „Begräbniswetter“ (Erich Kästner) über der Stadt hing, sollte die „Reinigung“ der Universitäten von „undeutschem Geist“ ihren Höhepunkt erreichen. Am frühen Abend fand eine Kundgebung der Studentenschaft statt, im Anschluss versammelten sich mehrere Tausend uniformierte NS-Aktivisten auf dem Hegelplatz und bildeten einen Fackelzug. Sie marschierten über die Oranienburger Straße zum Haus der Studentenschaft, wo sich ihnen die wartenden Lastwagen mit den Büchern anschlossen.

Tausende johlten am Straßenrand

Über die Reinhardtstraße, damals Karlstraße, ging es zum Spreebogen. An der Spitze des Zugs liefen einige Studenten, die Hirschfelds Büste vor sich hertrugen – eine symbolische Hinrichtung. Vor dem ausgebrannten Reichstagsgebäude gab es eine weitere Kundgebung, dann zog der Fackelzug trotz strömenden Regens durchs Brandenburger Tor Richtung Opernplatz.

Entlang der Strecke johlten Zehntausende Schaulustige; sicher aber gab es auch einige Berliner, die das Schauspiel abstoßend fanden. Gegen 23 Uhr trafen die Lastwagen und die Aktivisten am Scheiterhaufen ein. Doch der Dauerregen hatte das gestapelte Holz durchfeuchtet – die Fackeln zündeten den Scheiterhaufen nicht. Erst als die Feuerwehr mit reichlich Benzin aus Kanistern nachhalf, loderten die Flammen.

Nach einer weiteren Rede, diesmal des Jurastudenten Herbert Gutjahr, begann die sorgfältig choreografierte Verbrennung. Neun Studenten in Uniform traten nacheinander mit jeweils einem Stapel Büchern vor und sprachen einen vorformulierten Satz. Der erste dieser „Feuersprüche“ etwa lautete: „Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky!“

Schon der zweite Student hatte Bücher von Erich Kästner in den Händen und rief dazu: „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“ So ging es weiter, flogen Bücher stapelweise in den Scheiterhaufen. Insgesamt wurden auf dem Opernplatz etwa 25.000 Bände von mindestens hundert Autoren verbrannt – wahrscheinlich sogar noch mehr.

Öffentliche Kritik an diesem archaischen Gewaltakt blieb in Deutschland selbst weitgehend aus – die Redaktionen der Zeitungen waren entweder eingeschüchtert oder auf führenden Positionen schon mit NS-Parteigängern besetzt. Auch die „Vossische Zeitung“, einst mit dem größten deutschen Blatt, der Berliner Morgenpost, und der schnellsten Zeitung der Welt, der „B.Z. am Mittag“ sowie dem „Berliner Tageblatt“ das Aushängeschild der Pressemetropole, wagte nur am Ende ihres Berichts und verklausuliert eine Distanzierung: „Die Träger der Revolution sind jetzt die Träger der Staatsgewalt geworden. Ein Revolutionär muss aber ebenso groß sein im Niederreißen von Werten wie im Aufbau.“

Dann folgte ein nach zehn Woche Nationalsozialismus ungewöhnlich offenes Wort: „Wenn die deutschen Studenten sich heute das Recht nehmen, unethische und undeutsche Schriften dem Feuer zu übergeben, dann erwächst ihnen daraus auch die Pflicht, anstelle dieser Werke deutsche Werke zu schaffen.“