Denkmal

Für jedes Buch ein leerer Platz im Regal

Das Mahnmal des Künstlers Micha Ullman ist intelligent, aber unauffällig

Ein nahezu unsichtbares Denkmal ist ein Widerspruch in sich. Fast jeden Tag sieht man auf dem Bebelplatz heute Touristen nach dem Mahnmal für die Bücherverbrennung suchen – nur wenn die Sonne untergegangen ist und der Entwurf von Micha Ullman selbst leuchtet, finden die Besucher schnell den Weg dorthin.

Die Idee des israelischen Künstlers ist ebenso einfach wie bestechend: An verbrannte Bücher erinnert man am besten mit einer leeren Bibliothek. Fast genau auf authentischen Ort des Scheiterhaufens vom 10.Mai 1933 ließ Ullman 60Jahre später in die Rampe des einstigen Lindentunnels einen abgeschlossenen Raum einbauen, sieben Meter im Quadrat und fünf Meter hoch.

Die Wände bestehen aus weißen Betonregalen, allesamt leer. Ansonsten gibt es nur noch starke Strahler, deren Licht abends und nachts durch die 1,20 Meter im Quadrat messende Glasscheibe hinausdringt. Etwa 20.000 Bände hätten theoretisch Platz in den Regalen – etwas weniger, als tatsächlich an jenem Mittwochabend vor 80 Jahren in Flammen aufgingen. Zu dem Denkmal gehören zwei Bronzetafeln, auf denen in knappen Worten zusammengefasst ist, was für ein Kulturverbrechen ziemlich genau hier stattgefunden hat. Ansonsten verzichtet Ullman auf Erläuterungen.

Seine Grundidee überzeugte die Kommission, die 1993 über die Gestaltung des Denkmals zu entscheiden hatte, mehr als 23 weitere Entwürfe. Allerdings gab es auch Kritik: Man muss wissen, wonach man sucht, um das Mahnmal zu finden.

Weil Ullman außerdem die Glasscheibe zum Blick in seine leere Bibliothek bündig in den Boden einließ und Touristen ständig darauf treten, verkratzt selbst das harte Spezialglas schnell. Inzwischen muss die Scheibe etwa jedes halbe Jahr ausgetauscht werden – für immerhin jeweils rund 3000 Euro. Kurz vor dem Jahrestag war sie am Mittwoch fast undurchsichtig.

Das geht dank des verschließbaren Rahmens allerdings problemlos. Nur durch diesen nur höchst selten geöffneten Zugang kommen auch Techniker und Fotografen in die leere Bibliothek. An sich ist der Raum bis auf Belüftungsschlitze zur natürlichen Zirkulation hermetisch abgeschlossen.

Als vor etwa zehn Jahren eine große Tiefgarage unter dem Bebelplatz entstand, blieb das Denkmal in der Mitte unangetastet – war allerdings längere Zeit unzugänglich. Seit Dezember 2004 kann man es wieder besuchen.