Gewalt

Motiv: Wut auf Politiker

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Bei der Vereidigung des Kabinetts verübt ein Mann ein Attentat. Deutschstämmige wird Ministerin

Zeitgleich zur Vereidigung der neuen italienischen Regierung kam es in Rom zu einer Schießerei: Vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten in Rom verletzte am Sonntag ein Mann zwei Polizisten und eine Passantin. Laut einer ersten Einschätzung der Regierung handelt es sich bei dem sofort festgenommen Täter um einen frustrierten Arbeitslosen mit Selbstmordabsichten, der keine eindeutigen politischen Motive hatte.

Die Tat ereignete sich einen Kilometer vom Quirinalspalast entfernt, wo zur selben Zeit der neue Regierungschef Enrico Letta und seine Minister vereidigt wurden. Innenminister Angelino Alfano berichtete, der 49 Jahre alte Italiener habe sechsmal geschossen und sich dann umbringen wollen, jedoch keine Patronen mehr gehabt. Ein Fernsehreporter der Nachrichtenagentur AP sah beide angeschossene Polizisten auf der Straße liegen, einer mit einer stark blutenden Wunde am Hals. Der Schütze, in Anzug und Krawatte, wurde direkt auf dem Platz von anderen Polizisten zu Boden geworfen und festgenommen. Als geschossen wurde, brach auf dem Platz Panik aus. Die neuen Kabinettsmitglieder blieben kurzzeitig im Quirinalspalast, als sie nach ihrer Vereidigung von den Schüssen erfuhren.

Der mutmaßliche Täter sagte später bei der Polizei aus, er habe eigentlich Politiker angreifen wollen. Die Staatsanwaltschaft nannte das Motiv „Wut auf Politiker“. Bei dem Mann handelt es sich nach Polizeiangaben um einen 49-jährigen Arbeitslosen aus dem süditalienischen Kalabrien. Italiens neue Justizministerin und vorherige Innenministerin, Anna Maria Cancellieri, sagte, die Tat sei dem Anschein nach von einem „unausgeglichenen Mann“ verübt worden. Auch Innenminister Alfano sprach von der „tragischen Handlung eines Arbeitslosen“. Der Sender Sky TG24 TV zitierte den Bruder des mutmaßlichen Angreifers, welcher von dessen Jobverlust und Eheproblemen berichtete.

Erst am Vortag hatte der neue Ministerpräsident Letta eine Koalition aus seiner linksliberalen Demokratischen Partei, dem konservativen Block Silvio Berlusconis und der kleinen Zentrumspartei von Mario Monti geschmiedet. Berlusconi und Monti werden dem Kabinett aber beide nicht angehören. Zuvor war die Führung des Landes zwei Monate lang ungeklärt, nachdem die Parlamentswahl im Februar keine mehrheitsfähige Regierung für das kriselnde Euro-Land hervorgebracht hatte. Letta hatte Sonnabendabend in nüchternem Ton erklärt, er sei mit der Regierungsmannschaft und ihrer Kooperationsbereitschaft zufrieden. Berlusconis Parteifreunde der konservativen PdL (Volk der Freiheit) hatten zuletzt auf der umstrittenen Forderung beharrt, die ungeliebte Grundsteuer abzuschaffen, die als Instrument zur Regulierung des Haushaltsdefizits von seinem scheidenden Nachfolger Mario Monti eingeführt worden war. Dem 46-jährigen Letta eilt ein Ruf als moderater Brückenbauer voraus. Zudem ist er der Neffe eines langjährigen Beraters von Berlusconi, Gianni Letta. Die familiäre Verbindung galt Beobachtern als wichtiges Element bei den Vermittlungsbemühungen zwischen den künftigen Koalitionspartnern.

Trotz seines verhältnismäßig jungen Alters blickt Letta auf eine lange politische Karriere zurück. 1998 wurde er im Alter von 32 Jahren unter Regierungschef Massimo D’Alema Minister für Europapolitik. Seine Kindheit verbrachte Letta in Straßburg. Derzeit lebt der studierte Jurist und dreifache Vater im römischen Stadtteil Testaccio. Mit Bildung der neuen Regierung ist nun auch die deutschstämmige Ex-Kanutin und Olympiasiegerin Josefa Idem Mitglied im Kabinett. Sie kann es wohl selbst kaum fassen. „Mir haben die Hände gezittert“, schreibt Idem, 48, auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. „Ich spüre die Verantwortung, aber ich fürchte sie nicht. Ich kremple mir die Ärmel hoch und stürze mich in die Arbeit im Dienste des Landes.“ Idem, geboren in Goch in Nordrhein-Westfalen, Olympiasiegerin im Kanu, wurde am Sonntag mit den anderen 20 Ministern des Kabinetts vereidigt. „Ich habe davon nichts gewusst“, sagt sie gegenüber italienischen Medien. „Das ist aber richtig so, auch ich hätte das für mich behalten.“

Die Olympionikin mit deutschen Wurzeln steht stellvertretend für die neue Regierung Italiens: Sie ist jung, weiblich und international. Und Idem ist nicht die einzige Ministerin, die nicht in Italien geboren wurde. Mit Cécile Kyenge Kashetu, 49, nominierte Letta die erste dunkelhäutige Ministerin, sie wird Ministerin für Immigration. Die Augenärztin aus dem Kongo war bisher zuständig für Immigrationspolitik der Sozialdemokraten.