Kommentar

Das Geld muss an die Schulen

| Lesedauer: 3 Minuten

Joachim Fahrun über die skandalös hohe Zahl von Mädchen und Jungen auf Hartz IV

Irgendwie hat man es ja schon einmal gehört, dass Berlin die Hauptstadt der Armut ist. Aber dennoch ist es schockierend, sich die neuesten Zahlen vor Augen zu führen. Jedes dritte Kind in Berlin lebt von Hartz IV. Nur in krisengebeutelten Orten wie Bremerhaven, Gelsenkirchen oder Halle an der Saale ist die Lage noch katastrophaler.

Aber sind wir nicht eine wachsende Hauptstadt mit guten Zukunftsaussichten? Ein Sehnsuchtsort für die Jugend dieser Welt? Geht es nicht bergauf mit der Berliner Wirtschaft, auch wegen all der scharfen Start-ups, die weltweit Geschäfte machen? Und ist nicht sogar die Arbeitslosigkeit zurückgegangen? Ja, all das stimmt. Aber die 145.000 von Jobcentern und Grundsicherungsämtern alimentierten Kinder und deren Eltern bilden die dunkle Seite der glitzernden Metropole.

Dahinter steht auch eine Zweiteilung im Lager der Arbeitslosen. Die Vermittler konzentrieren sich jetzt auf die Fitten, Motivierten, einigermaßen Qualifizierten. Tatsächlich schaffen viele den Sprung auf den Arbeitsmarkt, der anders als in den vergangenen Jahren eben auch wieder Jobs bietet. Der Wirtschaftsaufschwung wirkt für diese Gruppe besser gegen Arbeitslosigkeit als all die vielen Programme von Senat und Jobcentern, mit denen lange auch viel Unsinn bezahlt und die Sozialindustrie gepäppelt worden ist.

Auf der Verliererseite bleiben diejenigen, für die es aus verschiedenen Gründen eben keine leichte „Eingliederung“ gibt – und vor allem deren Kinder. Bezeichnend, dass ein in Berlin seit 2005 mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 anhaltendes Wirtschaftswachstum nicht dazu geführt hat, die Zahl der von Sozialtransfers abhängigen Kinder nachhaltig zu senken. Das Leben auf Hartz IV mag nicht so unzumutbar sein, wie das gelegentlich dargestellt wird. Aber interessante Urlaubsreisen und schicke Klamotten sind in dem Budget für Kinder ebenso wenig drin, wie spannende Hobbys oder lehrreiche Ausflüge.

Erst allmählich versucht die Politik auszugleichen, was mit der Verwaltung der Eltern durch die Jobcenter nicht gelingt. Die Chancen des Nachwuchses direkt und ohne Umweg über bisweilen schwierig zu motivierende Haushaltsvorstände zu verbessern. Leider ist das Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung ein bürokratisches Monster. In Berlin funktioniert es besonders schlecht da, wo eben jene Eltern Anträge schreiben müssen, um Sportvereine, Musikunterricht oder Nachhilfestunden zu besorgen. Läuft es hingegen direkt über die Schulen, profitieren die Kinder offenbar deutlich besser von der neuen Leistung.

Auch wenn das Vielen nicht einleuchten mag: Das Geld muss raus aus der Gießkanne der Familienförderung und den Sozial-Reparaturbetrieben und stattdessen direkt in die Schulen. Sie brauchen Ganztagsangebote, die Hartz-IV-Kindern ebenso zugute kommen wie Sprösslingen aus besser situierten Verhältnissen. Wir brauchen eine verbindliche Betreuung in den Kitas. Nur so lässt sich verhindern, dass in Berlin und vielen anderen deutschen Großstädten die nächste verlorene Generation heranwächst.