Auszeichnung für Helmut Schmidt

„Wir waren in Schuld verstrickt“

Helmut Schmidt bekommt den Schleyer-Preis. Der Sohn des RAF-Opfers zeigt Verständnis

Drei Dinge, sagt Helmut Schmidt heute, hätten ihn bis in die Grundfesten seiner Existenz erschüttert. Der Tod seiner Frau. Sein Besuch in Auschwitz viele Jahrzehnte davor. Und die „monatelange Kette von mörderischen Ereignissen, die mit Hanns Martin Schleyers Namen verbunden bleiben“.

Es war der 5.September 1977. Schmidt regierte seit gut drei Jahren als SPD-Bundeskanzler die Republik. Um 17.28 Uhr entführte die RAF Hanns Martin Schleyer, den damaligen Arbeitgeberpräsidenten. Die Terroristen erschossen Schleyers Fahrer und drei Polizeibeamte.

Er sei sich klar bewusst, dass er „trotz aller redlichen Bemühungen am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin“, sagt Schmidt heute. „Denn theoretisch hätten wir auf das Austauschangebot der RAF eingehen können.“ Diese Sätze sind Auszug aus der Rede, die der Altkanzler am Freitagabend in Stuttgart hielt. Schmidt erhielt den Preis der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung. Es ist auch die Geschichte einer Versöhnung zwischen einem Kanzler und einer Familie.

Die RAF wollte mit der Entführung ihre Gründermitglieder aus dem Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim freipressen. Noch am Abend des 5. September 1977 hielt Helmut Schmidt eine Fernsehansprache: „Der Staat muss darauf mit aller notwendigen Härte antworten.“

Die Regierung unter Schmidt wollte den Forderungen der Entführer nicht nachgeben. Doch Schleyers Sohn Hanns-Eberhard verhandelte selbst mit Unterhändlern der Terroristen, kämpfte bis zuletzt darum, dass die Bundesregierung den Forderungen der RAF nachkommt. Und damit vielleicht das Leben seines Vaters rettet. Am 15. Oktober 1977 ging die Familie per Eilantrag vor das Karlsruher Verfassungsgericht und forderte, dass die Regierung auf die Erpresser eingeht. Das Gericht lehnte den Antrag ab.

Schmidt habe die Klage gut verstehen können, sagt er in Stuttgart. „Wir, die Verantwortlichen in Bonn, konnten dagegen nicht abermals zulassen, dass freigepresste Verbrecher ihre mörderische Tätigkeit fortsetzen. So waren wir in Schuld und Versäumnis verstrickt.“ Die RAF tötete Schleyer, nachdem die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Mogadischu von der GSG 9 beendet wurde. Der Sohn Schleyers selbst war es, der Altkanzler Schmidt jetzt für den Preis der Stiftung seines Vaters vorgeschlagen hatte. Würde seine Mutter noch leben, wäre eine solche Entscheidung schwer gewesen. Vielleicht unmöglich, sagt er.