Nach dem Anschlag

Geisel Dannys Kampf um sein Leben in Boston

Der junge Chinese war in der Hand der Attentäter

Danny hatte seinen neuen Mercedes SUV gerade am Bordstein der Bostoner Brighton Avenue geparkt, um eine Nachricht auf seinem Handy zu tippen. Vorschriftsmäßig, ahnungslos. Plötzlich wurde er Teil des Albtraums rund um den Marathonlauf in der amerikanischen Ostküstenmetropole. Eine alte Limousine kam gegen 23 Uhr am vergangenen Donnerstag hinter seinem Geländewagen zum Stehen. Danny ließ die Scheibe herunterfahren. Ein Fehler. Der Mann langte in den Fahrerraum, öffnete die Tür und hielt dem jungen Chinesen eine Waffe unter die Nase. Danny hatte die Fahndungsfotos der Ermittlungsbehören gesehen. Deshalb wusste er auch, wer da mit einer Waffe vor ihm stand. „Ich habe das getan, Mann“, sagte der Mann, der später als Tamerlan Tsarnaev identifiziert werden sollte. „Und ich habe gerade einen Polizisten in Cambridge erschossen.“ So berichtet es „Boston Globe“-Reporter Eric Moskowitz, der exklusiv mit dem womöglich wichtigsten Zeugen in einem zukünftigen Terrorprozess gesprochen hatte. Nicht gegen Tamerlan, denn der wurde ja auf der Flucht erschossen. Aber gegen seinen 19-jährigen Bruder Dzhokhar Tsarnaev, der inzwischen in das Gefängniskrankenhaus von Devens 60 Kilometer westlich von Boston verlegt worden ist.

Zeuge schließt Erkenntnislücke

Tamerlan lässt seinen Bruder zusteigen und übernimmt das Lenkrad. Der Beginn einer schmerzhaft langen Odyssee durch die Dunkelheit, mit der ständigen Furcht Dannys, diese Nacht nicht zu überleben. Mit seinen Aussagen schließt Danny, der nur seinen amerikanischen Spitznamen gedruckt wissen will, einen großen Teil der bisherigen Erkenntnislücke.

Der erfolgreiche Kleinunternehmer mit dem geleasten 50.000 Dollar teuren Wagen, gab vor den beiden Brüdern den chinesischen Studenten mit der hohen Leasingrate und den Sprach- und Integrationsschwierigkeiten des zugezogenen Mitgliedes einer ethnischen Minderheit. Nach einer zermürbenden Zickzackfahrt ergibt sich für Danny plötzlich die Chance zur Flucht. An der Shell-Tankstelle am Memorial Drive muss der jüngere Bruder in den Shop gehen, um zu bezahlen.

Tamerlan legte seine Waffe in die Seitentürablage und fingert am Navigationsgerät herum. Danny sprintet in einem Winkel von seinem Mercedes weg, der es Tamerlan unmöglich macht, auf ihn zu schießen. Dannys Flucht, sein geistesgegenwärtiger Notruf und seine Beschreibung erlauben es den US-Fahndern, den Mercedes zu orten und die Brüder zu stellen. Der junge Mann half, ein Drama zu beenden, das im 350 Kilometer entfernten New York seine mörderische Fortsetzung hätte finden sollen. „Ich fühle mich nicht als Held, ich will keine Aufmerksamkeit. Ich habe nur versucht, mein Leben zu retten“, sagt Danny, der große Angst davor hat, dass sein chinesischer Name öffentlich wird. Irgendwann wird er das. Spätestens dann, wenn Danny gegen Dzhokhar Tsarnaev aussagt.