Gesundheit

Stress macht die Deutschen krank

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Christin Bohmannund Hans Evert

Die Arbeitswelt wandelt sich radikal. Viele Angestellte klagen über seelische Leiden. Bringt eine Anti-Stress-Verordnung Hilfe?

Vor einem halben Jahr bekam Ulrich B. von seinem Körper das Stoppsignal. Es passierte spät abends in einer dieser Wochen, wo B.’s Schichten wieder nicht richtig zueinander passten, wo der Schlafrhythmus vergeblich versuchte, dem Dienstplan zu folgen. Während einer Arbeitspause am Abend legt Ulrich B., Heilerziehungspfleger von Beruf, erschöpft seinen Kopf auf den Tisch. Er hört das Blut in seinen Ohren rauschen, sein Herz schlägt, als wäre er auf der Flucht. B. misst seinen Blutdruck. Das Gerät zeigt 180 zu 100, schon ein Wert von 140 zu 90 gilt als kritisch. „Ich habe nur noch gedacht: ‚Wenn du so weiter machst, machst du den Job nicht mehr lange‘“, sagt er. Der 30-Jährige zog die Reißleine.

Gehetzt, unter Termindruck und ständig das Gefühl, Wichtiges unerledigt gelassen zu haben: Stress hinterlässt Wundmale in deutschen Arbeitnehmerseelen und macht viele körperlich krank. Einer Umfrage im Auftrag der IG Metall zufolge, kommt jeder vierte Befragte beim Arbeiten an die Grenzen seiner körperlichen und seelischen Belastbarkeit. Bei 42 Prozent verursacht der Stress hin und wieder Leid. 30 Prozent halten sich für psychisch stabil. Insgesamt erwarten 88 Prozent von ihren Arbeitgebern mehr Schutz vor Stress und Seelenpein, fast 70 Prozent sehen den Gesetzgeber in der Pflicht. Lässt sich Stress per Verordnung vermeiden? Oder ist Stress genauso wie der allgegenwärtige Burn-out eine Modediagnose geworden, wie manche argwöhnen?

Oft psychische Erkrankungen

In den Gesundheits- und Sozialstatistiken, an denen es in Deutschland nicht mangelt, belegen Erkrankungen der Seele längst vordere Plätze. 40 Prozent der Frühverrentungen werden aufgrund von psychischen Erkrankungen vorgenommen, wie eine Erhebung der Deutschen Rentenversicherung zeigt. Im Gesundheitsreport von Deutschlands größter gesetzlicher Krankenkasse, der Barmer GEK, rangieren psychische Leiden mittlerweile auf Platz zwei jener Krankheiten, die für Fehltage sorgen. Wer an der Seele erkrankt, ist zudem am längsten krankgeschrieben: durchschnittlich 42,9 Tage sind es laut Barmer-GEK-Report.

Mazda Adli ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychologie der Berliner Charité und Experte für psychische Belastungen am Arbeitsplatz. Adli deutet die vielfache Klage Stressgeplagter in Büros und Werkhallen als Begleiterscheinung einer gewaltigen Umwälzung im Arbeitsleben, angetrieben von Digitalisierung und Globalisierung (siehe Interview). Es verändert und beschleunigt die Art der Kommunikation, verdichtet Arbeit, erhebt die parallele Erledigung mehrerer Projekte zur Notwendigkeit.

Folgt man Adli, dann nimmt der Arbeitnehmer des Jahres 2013 an einem Experiment teil. „Wir sind gerade erst dabei herauszufinden, wie viel Kommunikationstechnologie wir vertragen können, mit wie vielen Unterbrechungen unserer Arbeit wir umgehen können“, meint Adli. Festzuhalten sei aber: „Es ist nicht gut, wenn Flexibilität die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischt, wenn durch Verdichtung der Zeitdruck steigt, wenn viele Aufgaben parallel erledigt werden sollen und wenn man ständig durch Anrufe oder E-Mails beim Arbeiten unterbrochen wird.“

Mit Flexibilität hat Ulrich B., der Heilerziehungspfleger aus Berlin, so seine Erfahrung. Der ständige Wechsel bestimmt seinen Job. Seit sieben Jahren arbeitet der Berliner in einer Wohngruppe für geistig behinderte Senioren in Frankfurt (Oder). Er hilft ihnen früh beim Aufstehen und bringt sie abends ins Bett. Er unterstützt sie, wenn Formulare ausgefüllt werden müssen. Er verbringt mit ihnen ihre Freizeit und auch ihren Urlaub. Betreuung rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Auf acht Bewohner kommen sechs Diakonie-Mitarbeiter, die in Früh- und Spätschichten deren Betreuung übernehmen. Jeweils zwei Angestellte pro Schicht. „Wir haben auch verhaltensauffällige Bewohner. Wenn einer aggressiv wird, ist man erst einmal komplett beschäftigt“, sagt er. Doch der normale Alltag bringt schon Stress genug.

Fällt einer der Kollegen wegen Krankheit aus oder ist im Urlaub, wird es mit der Betreuung knapp. Zwei Wochenenden im Monat muss sowieso jeder von ihnen arbeiten, dazu kommen die abwechselnden Dienste. Bei B. sind es in dieser Woche zwei Spätdienste ab 15 Uhr, anschließend zwei Nachtschichten und am Wochenende wieder Frühdienst ab sieben Uhr. Anrufe an freien Tagen kommen öfter vor, als ihm lieb ist. Ob er für die kranke Kollegin einspringen könne? Und dann ist da noch sein langer Arbeitsweg von Berlin nach Frankfurt. Zugfahrten, die pro Tag drei Stunden seiner Freizeit verschlingen. Alles muss er zu Beginn einer Woche durchplanen: Einkaufen, putzen, Freunde treffen. „Die Schichten sind schon belastend“, sagt B.

Mehr Maßnahmen gefordert

„Wenn wir mehr Anstrengungen gegen Stress fordern, dann ist das kein Lamento darüber, dass alles schlecht sei“, sagt Hans-Jürgen Urban, Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der IG Metall. Die IG Metall rückt derzeit auf einem Kongress in Berlin das Thema Stress in den Vordergrund und trommelt für eine Anti-Stress-Verordnung auf Bundesebene. „Geht es um klassische Gefährdungen und körperliche Belastungen, dann haben wir im Arbeitsschutz schon viel erreicht“, sagt Urban. „So wie es zum Schutz gegen Lärm eine Verordnung gibt, benötigen wir auch ein solches Instrument gegen Stress“, fordert Urban. Das Arbeitsschutzgesetz hält Urban für die neuen Leiden der Arbeitnehmer für „zu abstrakt“. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) müsse die Verordnung endlich liefern. Danach müsse, angepasst an Betrieb und Branche, die Umsetzung in den Firmen erfolgen. „Unter dem Strich würde es auch den Arbeitgebern helfen: durch motivierte Mitarbeiter und weniger Fehltage infolge von Krankheit“, sagt Urban. In der Politik hegen SPD und Teile der CDU Sympathie für eine Anti-Stress-Verordnung. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will die Krankenkassen auf mehr Präventionsangebote in Zusammenarbeit mit den Betrieben verpflichten. Es tut sich also etwas.

Der Psychiater Adli glaubt, dass der Bund mit einer Anti-Stress-Verordnung vor allem ein Problembewusstsein für psychische Belastungen der neuen Arbeitswelt verankern kann. Deswegen befürwortet er es. „Aber eine Verordnung allein schafft das Problem nicht aus der Welt“, sagt er. Vieles sei schlicht noch zu wenig erforscht. Weswegen auch niemand in der Republik einen Plan hat, wie man Stress, den jeder unterschiedlich empfindet, wirksam bekämpfen kann.

Manchmal hilft auch ein klares „Nein“. Bei Ulrich B. war das so. Seit dem Erlebnis in der Spätschicht tritt er kürzer. Am Anfang sei es anstrengend gewesen, spontane Dienste auch mal abzulehnen. „Die Kollegen fragen ja nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil es nötig ist.“ Doch die ständige Bereitschaft ließ ihn nicht mehr abschalten an freien Tagen. Noch immer mache ihm der Erwartungsdruck zu schaffen. „Auch ‚Nein‘ sagen, ist anstrengend“, sagt Ulrich B. Stress lässt sich nicht vollständig aus dem Arbeitsleben entfernen.