Homo-Ehe

„Hollande, dein Gesetz, das wollen wir nicht!“

Heutige Abstimmung über die Homo-Ehe spaltet Frankreich in zwei Lager. Drohbrief an den Parlamentspräsidenten

Am Sonntag waren es 45.000. Oder 270.000. Es kam wieder einmal darauf an, wer zählte. Die Polizei wollte es mit lediglich 45.000 Gegnern der Homo-Ehe zu tun gehabt zu haben. Die Organisatoren gaben sich überzeugt, dass es mehr als eine viertel Million waren, die vom Platz Denfert-Rocherau auf die große Freifläche vor dem Invalidendom gezogen waren. „Hollande, dein Gesetz, das wollen wir nicht!“, riefen sie, „kümmer dich um die Arbeitslosigkeit, nicht um die Ehe!“, oder „Pas de fiction pour la filiation!“ – was man sinngemäß übersetzen kann mit: „Mach aus dem Familienstammbuch keine Fiktion.“

Der Slogan drückt die Furcht der Gegner vor dem Verschwimmen traditioneller Abstammungslinien und der Auflösung von Familienstrukturen aus, die sie durch die Legalisierung der Möglichkeit zur Adoption für homosexuelle Paare gegeben sehen. Mehr noch allerdings befürchten sie eine baldige Erweiterung der Reform um das Recht auf künstliche Befruchtung oder den Einsatz von Leihmüttern. Die Proteste sollen weitergehen, auch wenn die sozialistische Mehrheit in der Nationalversammlung das Gesetz nun wohl endgültig am Dienstag verabschieden wird. Eine erste Abstimmung im Parlament und eine weitere im Senat sind bereits vor Wochen erfolgt.

In Umfragen geben weiterhin 58 Prozent der Franzosen an, dass sie das Gesetz zur Einführung der Homo-Ehe befürworten. Adoptionsrechte für Homosexuelle jedoch lehnen 53 Prozent der Franzosen ab. Die französische Gesellschaft ist bei diesem Thema erkennbar gespalten, und deshalb wollen die Gegner nicht nachlassen. Sie wollen Beschwerde vor dem Verfassungsrat einreichen. Am 26. Mai schließlich soll es zu einer erneuten nationalen Großkundgebung in Paris kommen. Die Hoffnung der Gegner: dass der Widerstand die Verabschiedung des Gesetzes überdauert und sich als soziale Bewegung etabliert, deren Wucht die Regierung nicht mehr ignorieren kann. Im Regierungslager hofft man unterdessen stark darauf, dass sich das leidige Thema mit der Abstimmung am Dienstag möglichst zügig in Luft auflöst.

Je länger der Widerstand schwelt, desto mehr müssen die Sozialisten befürchten, dass die Debatte auch noch die im kommenden Jahr anstehenden Kommunalwahlen zu ihrem Nachteil beeinflusst. Zudem schwant den Regierenden inzwischen, dass sich in dieser Protestbewegung eine Unzufriedenheit artikuliert, die sich längst nicht nur allein an dem Gesetzentwurf über die sogenannte „mariage pour tous“ (Ehe für alle) entzündet. Frankreich erlebt nämlich gerade eine Art ethisch-moralisches Stuttgart21. Die Auseinandersetzung nimmt stellenweise Züge eines Kulturkampfes an, in dem sich beide Seiten regelmäßig mit Faschismusvorwürfen überziehen. Viele Befürworter des Gesetzes halten die Gegner im Kern für „homophobe Faschos“, welche ihre Homophobie nur mühsam mit rosa Bildchen der längst nicht mehr heilen Kernfamilie zukleistern. Die Gegner hingegen schrecken nicht davor zurück, François Hollande als „Diktator“ zu verunglimpfen, da dieser den Termin für die Verabschiedung des Gesetzes in der Nationalversammlung kurzerhand vorverlegen ließ.

Die mediale Frontfigur der Bewegung der Gegner, die unter dem politischen Aktions-Künstlernamen Frigide Barjot die Demonstrationen organisiert, hatte sich einige Tage zuvor zu der Äußerung hinreißen lassen, „François Hollande will Blut sehen, er wird es bekommen“, nachdem die Polizei mehr als 60 Demonstranten in Untersuchungshaft gesteckt hatte, die vor der Nationalversammlung eine Sitzblockade durchgeführt hatten. Barjot entschuldigte sich wenig später für die überhitzte Formulierung.

Kurz vor der letzten Abstimmung über das Gesetz erhielt der Vorsitzende der Nationalversammlung, Claude Bartolone, einen mit Schießpulver gefüllten Drohbrief. Darin wird die sofortige Absage des Votums gefordert. „Unsere Methoden sind radikaler … als die Demonstrationen. Ihr wolltet den Krieg, nun habt ihr ihn“, droht eine Gruppe mit dem Namen „Interaktion der Ordnungskräfte“.