Terror

Bostoner Täter planten weitere Anschläge

Polizei findet Bomben, Granaten, Gewehre und Munition in der Wohnung der Brüder. Beamte vernehmen Attentäter in Klinik

Am Montag um 14.50 Uhr sollte Boston für eine Minute stillstehen. Exakt eine Woche nach dem Bombenanschlag auf den Marathon gedachten die Stadt und mit ihr die Nation in einer Schweigeminute der Opfer eines Verbrechens, das auch nach dem Tod des einen und der Verhaftung des zweiten Täters viele offene Fragen zurücklässt. Aber sieht so ein „feindlicher Kämpfer“ aus? Ein spindeldünner, blasser Junge im Krankenbett. Ein schmaler Lockenkopf zwischen Schläuchen und Geräten. Am Bett wachen seine Ermittler. Sie bangen um Dzhokhar Tsarnaevs Leben. Denn sie gehen davon aus, dass nur er ihnen noch helfen kann, Licht in die Hintergründe des fatalen Bombenanschlags auf den Boston-Marathon zu bringen.

Der 19-Jährige kam am Sonntagabend im Bostoner Beth Israel Deaconess Medical Center wieder zu Bewusstsein. Am Montag bestätigten die Behörden, dass der mit Handschellen gefesselte Mann schriftlich mit den Ermittlern kommuniziere und einzelne Fragen beantwortet habe. Der angeschlagene Teenager kann sie derzeit nur auf Papier kritzeln, sofern er sie überhaupt geben kann. Tsarnaev kann wegen einer Schusswunde im Nacken und im Kehlkopfbereich nicht sprechen. Sie könnte durch Polizeikugeln oder durch einen missglückten Selbstmordversuch in seinem letzten Versteck verursacht worden sein.

Immer mehr deutet darauf hin, dass Dzhokhar von seinem großen Bruder zu der Tat geleitet wurde, die aus einem typisch amerikanischen „Kid“ einen extremistischen Terrorverdächtigen machte. „So, wie wir die beiden kannten, sieht es aus, als sei der ältere Bruder der Kopf dieser Geschichte“, sagte Luis Vasquez, ein Freund der Tsarnaev-Brüder, dem TV-Sender CNN. „Er hat immer geführt, und der Bruder folgte ihm.“ Und Tamerlans Boxtrainer John Curran sagte dem Sender NBC: „Der jüngere Bruder folgte dem älteren wie ein Hündchen.“ Dzhokhar liebte sein Skateboard, Rapmusik und Sandwich-Dressing. Er ging auf Partys, hatte Freunde und fühlte sich wohl in seiner neuen Heimat – weit weg von den Konflikten der Kaukasusregion, in der er geboren war. „Er war immer ein nettes Kind“, sagte Cam Blauchner, der mit Tsarnaev in die achte Klasse ging. Niemals habe er seine Religion erwähnt. „Ich wusste nicht mal, dass er ein Muslim ist.“

Attentäter hat keinen Anwalt

Gegen Dzhokhar Tsarnaev wurde noch am Montag Anklage erhoben. Vor Gericht droht dem 19-Jährigen die Todesstrafe. Einen Anwalt hat er nicht. Denn Justizminister Eric Holger erwägt, dem jungen Mann den Status eines Kriegsgegners zu geben. Menschenrechtler und Politiker schlagen bereits Alarm. Sie protestieren gegen die Möglichkeit, den Überlebenden der beiden Tsarnaev-Brüder als „feindlichen Kämpfer“ einzustufen. Damit würde ihm die Chance auf geltendes US-Recht geraubt: in erster Linie auf einen Anwalt. „Es gibt für einen solchen Status keine Grundlage“, so der demokratische Senator Carl Levin in der „New York Times“. Es gebe derzeit keine Hinweise, dass Tsarnaev „Teil einer organisierten Gruppe ist, die al-Qaida oder den Taliban angegliedert ist“. Und nur auf diese Gruppierungen treffe die Ausnahmeregelung zu, die die Regierung von Präsident Barack Obama vor zwei Jahren ohne nennenswerte Proteste durchsetzte.

Bei dem Bombenanschlag wurden drei Menschen getötet, darunter der achtjährige Martin Richard, und über 180 zum Teil schwer verletzt. Später erschossen die Täter den Polizisten Sean Collier. Möglicherweise wurde auch der ältere der Brüder, der 26-jährige Tamerlan Tsarnaev, vom jüngeren getötet, als der ihn auf der Flucht mit dem gestohlenen Auto überfuhr. Und wie der Radiosender „NPR“ am Sonntag auf seiner Webseite berichtete, verlor das frisch verheiratete Ehepaar Patrick Downes and Jessica Kensky Downes durch den Anschlag jeweils gleichen Teil des linken Beins. Freunde und Sympathisanten sammelten für die beiden in den vergangenen Tagen rund eine halbe Million Dollar.

Während zwei der Bombenopfer, die 29-jährige Krystle Campbell und die 23-jährige Chinesin Lü Lingzi, am Montag beigesetzt wurden, verdichteten sich die Hinweis auf eine islamistische Weltanschauung insbesondere von Tamerlan Tsarnaev. So beschimpfte er im Januar einen Redner in einer Moschee der Islamischen Gesellschaft in Boston als „Kafir“ (Ungläubigen). Das sagte Jusufi Vali, ein Sprecher der Moschee, dem „Boston Globe“. Bereits im November unterbrach Tsarnaev wütend einen anderen Redner, der sagte, es sei für Muslime in Ordnung, das amerikanische Thanksgiving-Fest oder den Nationalfeiertag 4.Juli in gleicher Weise wie den „Geburtstag des Propheten“ zu feiern.

Dem Älteren wird von Freunden ein maßgeblicher Einfluss auf den jüngeren Bruder nachgesagt. Als nach der Übersiedlung der Familie 2002 in die USA, wo die Eltern Asyl erhielten, der Vater nach Russland zurückkehrte, sei Tamerlan offenkundig eine Art Ersatzvater für den sieben Jahre Jüngeren geworden. Allerdings verlinkte auch Dzhokhar aus dem vorwiegend russischsprachigen Netzwerk VKontakte zu islamistischen Websites. Dort bezeichnete er zudem „Islam“ als seine „Weltsicht“ und forderte die Unabhängigkeit Tschetscheniens.

Die Ermittler prüfen, ob die Brüder weitere Anschläge geplant hatten. Sie ließen in ihrer Wohnung ein ganzes Waffenarsenal zurück, darunter weitere selbst gefertigte Bomben, Granaten, Gewehre und mehrere Hundert Schuss Munition. Deshalb gebe es Grund zur Annahme, „dass sie weitere Personen attackieren wollten. Das ist meine derzeitige Einschätzung“, sagte Kommissar Ed Davis von der Bostoner Polizei am Sonntag. Offen ist, ob ausländische Terroristen in die Tat verstrickt sind. Entsprechende Gruppierungen aus dem Nordkaukasus dementieren Kontakte zu den Brüdern. Am Sonntag erklärte die Führung der Mudschahedin von Dagestan, sie „führen keinen bewaffneten Kampf mit den USA“, sondern nur mit Russland. Die USA sollten prüfen, ob „russische Geheimdienste“ am Anschlag beteiligt waren. Obwohl Moskau 2011 eine Anfrage ans FBI wegen Tamerlan schickte, verhalten sich die russischen Geheimdienste nun distanziert. Ein Vertreter der Sicherheitsorgane erklärte der Nachrichtenagentur Interfax, russische Geheimdienste hätten keine Informationen über die Verbindungen von Tamerlan zu den Terroristen der Gruppe Kaukasus-Emirat.

Vergebliche Anfrage des FBI

Der Sekretär des dagestanischen Sicherheitsrates, Magomed Baatschilow, sagte, er habe keine Informationen darüber, dass Tsarnaev von Terroristen angeworben wurde, als er 2012 in Dagestan war: „Die Brüder Tsarnaev sind Bürger der USA, denen vorgeworfen wird, auf US-Territorium ein Verbrechen begangen zu haben. Ich glaube, dort muss man auch nach den Quellen suchen.“ Aus dem FBI ist zu hören, man habe seinerzeit nach der Anfrage der russischen Seite zu Tamerlan um weitere Informationen gebeten. Diese seien jedoch nie geliefert worden. Dagestans Behörden sagten am Montag, Tamerlan habe 2012 einen neuen russischen Pass beantragt, weil er den alten in Boston verloren habe. Allerdings habe er den neuen Pass nie abgeholt.

Russische Medien machen US-Geheimdienste dafür verantwortlich, dass sie den Anschlag nicht verhinderten. Der halbstaatliche Erste Kanal des russischen Fernsehens gab am Sonntag Verschwörungstheorien breiten Raum. Es sei verdächtig, dass die Brüder ohne Hilfe sieben Sprengsätze an verschiedenen Orten gelegt und ihre Gesichter nicht versteckt hätten. Zudem seien am Explosionsort Männer aus privaten Sicherheitsfirmen gesehen worden.