Crystal Meth

Deutschland hat ein neues Drogenproblem

Kampf gegen das Aufputschmittel Crystal Meth ist bisher erfolglos

Als Roland Härtel-Petri in Berlin ankommt, hat er sein kleines rotes Fahrrad, eine Tasche voller Unterlagen und eine eindringliche Warnung im Gepäck. Zum ersten Mal tritt der Arzt aus Bayern als Sachverständiger im Bundestag auf. „Endlich“, wie er sagt. Der 45-Jährige ist Leiter des Suchtbereichs im Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Und es gibt im gesamten Land wohl kaum jemanden, der sich besser mit den Folgen jener Droge auskennt, die sich nun ausbreitet. „Crystal Meth ist zum überregionalen Problem geworden“, sagt Härtel-Petri. Den Abgeordneten im Gesundheitsausschuss berichtet er, dass seine Patienten selbst aus Berlin kämen.

Wenn man mit Härtel-Petri zusammensitzt, kann man erschreckende Geschichten hören. Wer bei ihm als Patient in der Klinik landet, ist bereits abgestürzt. In den vergangenen 15 Jahren hat er rund 800 Crystal-Abhängige behandelt. Der Mediziner erzählt von einer Frau, die im Leben erfolgreich war, schließlich vor ihrer Scheidung stand – und dann mit Methamphetamin anfing. Absturz, schwere körperliche Schäden und Verwahrlosung folgten. Oder er beschreibt den Fall eines Handwerkers, der die Droge nahm, um den körperlichen Schmerz zu unterdrücken. Er wollte Überstunden ansammeln, um damit mehr Geld zu verdienen.

Das Rauschgift, dessen Name sich von N-Methylamphetamin ableitet und das zunächst aussieht wie Kandiszucker, etablierte sich in den 90er-Jahren bereits in den USA. Meist wird das Aufputschmittel geschnupft. „Crystal ist schwerer zu kontrollieren als fast alle anderen Drogen“, warnt Härtel-Petri. Für viele Konsumenten sei neben dem großen Kick der extrem niedrige Preis ausschlaggebend: „Sie können sich am Freitag für fünf Euro Crystal kaufen und sind bis Sonntag wach.“

Härtel-Petri gilt als „Mann an der Front“. Seine schlimmsten Prognosen seien übertroffen worden. Das sagt Bernhard Kreuzer, stellvertretender Leiter des Sachgebiets für synthetische Drogen beim LKA Bayern. Er berichtet von illegalen Laboren, die sich entlang der Grenze auf tschechischer Seite reihten. Auch in Deutschland würden immer wieder Drogenküchen ausgehoben. Gesteuert werde der Handel vor allem von Vietnamesen. Auf den Grenzmärkten in Tschechien werde der Stoff unter der Hand verkauft.

Der Mediziner Härtel-Petri lobt zudem den Einsatz der jeweiligen Drogenbeauftragten der Bundesregierung in den vergangenen Jahren – auch wenn sich Härtel-Petri wünscht, dass mehr über Präventionsmaßnahmen geforscht wird. Ähnliche Signale kommen aus Sachsen: „Um sich gegen das Problem zu stemmen, reichen repressive Mittel allein nicht aus“, Jörg Michaelis, Präsident des LKA Sachsen. „Wir brauchen auch eine umfassende Prävention.“

Der Kampf gegen Crystal verläuft bisher jedoch relativ erfolglos – und das, obwohl es eine ungewöhnlich breite Front gegen das Rauschgift gibt. Die bisherige Umsetzung der Gesetze in Tschechien nennt Kreuzer lediglich „ausbaufähig“. Härtel-Petri, der politisch ansonsten eher wenig mit der CSU am Hut hat, lobt den Bundesinnenminister für seinen Einsatz gegen Crystal. „Wir werden das nur zusammen schaffen“, sagt er – bevor er bald schon wieder im Zug sitzt, zurück zu seiner Klinik. Nach Bayreuth – jenem Ort, der mittlerweile schon den Spitznamen „Kristallstadt“ trägt.