Nach dem Anschlag

Boston – eine Stadt atmet auf

Amerika rätselt über die Beweggründe der Terrorbrüder Tsarnaev. Sie schienen gut in der Gesellschaft integriert

Die Brüder kamen aus der tschetschenischen Intelligenzija, liebten teure Autos, amerikanische Frauen und islamistische Videos. Der Ältere war ein begabter Boxer und Klassikpianist, er trug Krokoschuhe und Designerhemden, schmähte Tabak und Alkohol und verneigte sich fünfmal am Tag in Richtung Mekka. Der Jüngere war ein talentierter Ringer, der die Basecap mit dem Schirm in den Nacken trug. Er war intelligent, warmherzig, cool. Seine Lehrer und Freunde an der Uni mochten ihn. Als die Brüder Tamerlan, 26, und Dzhokhar Tsarnaev, 19, zwei Sprengsätze zündeten, waren sie Killer, die wahllos und wohl in Gottes Namen Amerikaner töten wollten.

Am Tag des Attentats verkündete Dzhokhar per Kurznachrichtendienst Twitter: „Es gibt keine Liebe im Herzen der Stadt, bleibt in Sicherheit.“ Ein weiterer zynischer Tweet wird ihm zugeschrieben: „LOL (laugh out loud) – die Leute sind gar gekocht.“ Kommentare des so „liebenswürdigen“ Dzhokhar, den sein Vater einen Engel nennt. Die eitle Zufriedenheit, mit der die beiden ihr monströses Werk in all dem Leid und dem Chaos um sie herum betrachteten, machte sie auf Überwachungsbildern auffällig.

Vom American Dream abgewandt

Noch ist ungewiss, ob die Anschläge auf den Marathonlauf das einzige Ziel waren oder ob sie den Beginn einer Terrorkampagne in Boston markieren sollten. Ebenso unklar ist, ob die Täter von Terrorgruppen im Ausland gesteuert wurden. Unzweifelhaft ist: Ein eingebürgerter Amerikaner, der seinem Gastland seit seinem achten Lebensjahr alles verdankte, und sein älterer Bruder, der Amerikaner werden und sich dafür im Boxring schlagen wollte, planten, so viele Amerikaner wie möglich zu ermorden. Die Nation wird aufstöhnen unter dieser Einsicht.

Am 15. April erlosch nicht nur die ein Jahrzehnt lang wachsende Illusion, Terroristen wagten es nicht mehr, Amerika auf seinem Staatsgebiet anzugreifen. Dutzende, teils nur mit Glück vereitelte Anschlagspläne änderten wenig an dieser irrealen Hoffnung, auf „9/11“ dürfe nichts mehr folgen. Je mehr über die Brüder Tsarnaev bekannt wird, desto blasser wird zudem die Überzeugung vieler Amerikaner, ihre Immigranten durch den American Dream zu Patrioten zu erziehen.

Beide Brüder hatten alles, was Amerika bietet: eine Collegeausbildung, Freiheit, Erfolg, Chancen. Es ist wahr, dass die Anpassung des Älteren zunehmend misslang. Eine Festnahme wegen häuslicher Gewalt verhinderte, dass aus dem Green-Card-Status eine Einbürgerung werden konnte. Dzhokhar wählte, aus Perfidie oder Stolz, ausgerechnet den 11. September 2012 für seinen ersten Schwur als Amerikaner.

Wie wird aus einem beliebten, coolen College-Kid ein Massenmörder? Dzhokhars Radikalisierung inmitten amerikanischer Freunde wird die Fahnder beschäftigen. Bei Tamerlan, der sich schwerer tat („Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund“) und sich zum religiösen Eiferer wandelte, scheint die Antwort leichter. Das FBI wird versuchen, jede Minute und jeden Kontakt während seines Russlandaufenthalts vom 1. Januar bis zum 27. Juli 2012 zu rekonstruieren. Tamerlan wäre beileibe nicht der erste junge Muslim in Amerika, der eines Tages eine große spirituelle Leere in sich spürt und seinen Frust zu einem Dschihad gegen den Westen wendet. Es scheint die Regel zu sein, dass Amerikas eigene Dschihadisten intelligent und gebildet sind.

Ruslan Tsarni, ein in Maryland lebender Onkel der Brüder, verfluchte vor den Kameras in atemloser Entrüstung ihre Tat. Er nannte sie „Verlierer“ und ihre religiösen Motive heuchlerisch. Beide verdienten den Tod, rief Tsarni aus. Und sein zorniges Gelöbnis, wie sehr er Amerika achte und liebe, tat der Volksseele wohl. Seine improvisierte Pressekonferenz wurde wieder und wieder gesendet, als Gegengift zur Fahndung nach dem noch flüchtigen Dzhokhar. Tsarni verteidigte auch den Ruf der Tschetschenen, die sich nun unter Generalverdacht wähnen.

Der in Russland lebende Vater der Brüder hält seine Jungs für unschuldig; wenn überhaupt, seien sie „von einer Organisation“ in eine Falle gelockt worden. Andere Verwandte, darunter eine Tante in Kanada, äußerten sich ähnlich skeptisch und deuten eine Behördenverschwörung an. Die Mutter Zubeidat Tsarnaeva traut ihren Buben nicht das mutwillige Abreißen einer Blume zu. Sie hätte davon gewusst, meint sie. Es heißt, Dzhokhar habe sich schon in der Highschool für seine Identität als Tschetschene interessiert. Da war er noch ein Musterschüler. Erst im Studium in den letzten beiden Jahren ließen seine Leistungen dramatisch nach. Tamerlan, verheiratet und Vater eines dreijährigen Kindes, hatte offenbar nur halbherzig Betriebswirtschaft studiert und abgebrochen. Im Jahr 2011 wurde er vom FBI einvernommen, nachdem eine ausländische Regierung nachgesucht hatte, eventuelle Kontakte zu Extremisten zu überprüfen. Tamerlan war stolz auf sein Image als harter Boxer. Seinen einzigen Kampf bei den National Golden Gloves in Salt Lake City im Mai 2009 verlor er. Wer weiß, ob er danach Profiträume begrub. „Ich mag die USA“, sagte Tamerlan gegenüber einem Lokalreporter 2004. „Du hast die Chance, hier Geld zu machen, wenn du bereit bist zu arbeiten.“

Die Brüder haben sich offenbar nie vollkommen auf ihr Leben in den USA eingelassen. Sie pflegten Kontakte nach Kirgisien und Tschetschenien und schrieben in sozialen Netzwerken auch auf Russisch. Dzhokhar Tsarnaev hatte eine Seite beim russischen sozialen Netzwerk Vkontakte. Seine Freunde dort waren junge Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, viele von ihnen studierten in den USA und beendeten irgendwann den Kontakt zu Dzhokhar, weil der damit begann, nur noch Russisch zu schreiben. Als Weltanschauung gab er „Islam“ an, als Lebensziele „Karriere und Geld“.

Sein älterer Bruder Tamerlan befasste sich intensiv mit Tschetschenien und dem radikalen Islam. Bei YouTube gab er zu verstehen, dass er die Diskussion zwischen Salafisten und den Anhängern des gemäßigten Sufismus verfolgt, die im Nordkaukasus geführt wird. Auch zwei Videobotschaften des dagestanischen Terroristen Abu Dudschana sind bei seinem YouTube-Account zu finden.

Wandel zu Dschihadisten

Jekaterina Sokirjanskaja, Nordkaukasus-Expertin der russischen Nichtregierungsorganisation Memorial, ist der Meinung, dass die Brüder keine Kampfausbildung im Kaukasus erhalten hätten. „Die Brüder sprengten sich nicht in die Luft wie Selbstmordattentäter. Sie versuchten zu fliehen, während die Kämpfer im Nordkaukasus den Tod suchen.“ Die tschetschenischen und dagestanischen Terroristen, die Anschläge in Russland verübten, kämpfen für die Unabhängigkeit Tschetscheniens und einen islamischen Staat. Vater Tsarnaev ist aber der Meinung, dass sich seine Söhne für diesen Kampf nie interessiert hätten.

Tatsächlich ergibt es auf den ersten Blick wenig Sinn, mit Attentaten auf amerikanischem Boden für die Unabhängigkeit Tschetscheniens zu kämpfen. Allerdings gerät der Untergrundkampf im Nordkaukasus immer stärker in das Umfeld eines „globalen Dschihads“. Islamistische Kämpfer aus Tschetschenien tauchen in Pakistan, Zentralasien oder Syrien auf. „Ungelöste Konflikte wie im Nordkaukasus liefern Träger von radikalen Ideologien“, sagt Sokirjanskaja. „Solche jungen Menschen können von den globalen Terrornetzwerken leicht benutzt werden.“

Wurden die Gebrüder Tsarnaev benutzt, indoktriniert, radikalisiert? In jedem Fall waren sie perfekt getarnt, American Boys mit einer tödlichen Agenda.