Unglück

„Es war, als wäre eine Atombombe explodiert“

Gewaltige Explosion in einer Düngemittelfabrik erschüttert texanische Kleinstadt. 15 Menschen sterben im Flammeninferno

– Für die texanische Kleinstadt West ist es eine Katastrophe unfassbaren Ausmaßes. „Es war, als wäre eine Atombombe explodiert“, sagte Bürgermeister Tommy Muska nach der Explosion der örtlichen Düngemittelfabrik West Fertilizer und dem Feuerinferno danach. In seiner 2500-Einwohner-Stadt seien bis zu 80 Häuser dem Erdboden gleichgemacht worden. US-Seismologen verglichen die Explosion mit einem Erdbeben – von der Stärke 2,1. Auch eine Wohnanlage und ein Altenheim wurden zerstört, die Schule stand in Flammen. „Es war wie im Irak“, sagte Polizist D. L. Wilson.

Verunsicherung herrschte in der Kleinstadt etwa 100 Kilometer südlich von Dallas auch, weil die USA in den vergangenen Tagen durch den Bombenanschlag in Boston und mehrere Giftbriefe sich der Terrorgefahr wieder schmerzlich bewusst geworden sind. Sofort wurde darüber spekuliert, ob womöglich auch in West Terrorismus im Spiel gewesen sein könnte. Die Polizei erklärte allerdings, dafür gebe es keine Anhaltspunkte. Aller Wahrscheinlichkeit nach handele es sich um einen Industrieunfall. Bundesbehörden schickten Expertenteams nach West, um die Ursache der Explosion zu untersuchen. US-Präsident Barack Obama, der am Donnerstag an der Gedenkfeier für die Opfer des Bostoner Terroranschlags teilnahm, sicherte der Stadt Unterstützung zu.

„Es ist eine Szene der Zerstörung“, beschrieb Patrick Swanton von der Polizei im nahe gelegenen Waco die Lage in West. Es herrscht Chaos, den Behörden fehlt die Übersicht. Nach vorläufigen Schätzungen seien bis zu 15 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 160 weitere verletzt worden, teilte Swanton am Donnerstag mit. Die Zahl der Todesopfer könne aber weiter steigen. „Besonders in der einen Straße sieht es aus wie im Kriegsgebiet“, sagte Rettungsdienstchef George Smith. „Die Häuser sind eingestürzt, und es könnten noch Menschen drin sein. Die sind entweder schwer verletzt oder tot.“

30 Meter hoher Feuerball

In der Umgebung der Düngerfabrik wurde jedes Haus auf der Suche nach möglichen weiteren Opfern durchkämmt. Der lokale Fernsehsender KWTX berichtete zunächst unter Berufung auf die Behörden von 60 bis 70 Todesopfern. Auch ein Krankenhausmitarbeiter in Waco erzählte, ihm sei diese Zahl genannt worden.

Um kurz vor 20 Uhr Ortszeit ereignete sich am Mittwoch die Explosion, sagte der Feuerwehrsprecher von Waco, Don Yeager. Die Fabrik in dem Städtchen bei Waco hatte am Mittwochabend gegen 19.30 Uhr ein Feuer gemeldet. Gut 20 Minuten später zerriss eine Explosion Tanks auf dem Gelände der Fabrik, ein 30 Meter großer Feuerball stieg in den Himmel. Noch in 70 Kilometer Entfernung war die Explosion zu hören. Turmhohe Flammen ragten in den Nachthimmel. Auf den Videos der Schaulustigen wechselt das berauschte „Wow, was für ein Feuer!“ in blankes Entsetzen. Und immer wieder die gleichen Rufe: „Oh mein Gott! Oh mein Gott!“

Nach den Worten von Augenzeugen blieb von dem 2800-Seelen-Ort nur noch eine „Kriegszone“. Das Feuer sei inzwischen unter Kontrolle. Vorsichtshalber wurden in einigen Teilen der Stadt Strom und Gas abgestellt. Die Rettungsarbeiten waren nicht nur durch die Angst vor giftigen Gasen erschwert, die Helfer fürchteten vor allem auch weitere Explosionen. Das Feuer sollte zwar gelöscht werden, nicht aber um jeden Preis, sagte Polizist Wilson: „Wir kämpfen hier um Menschenleben, nicht um Güter.“ Überall in den Straßen lagen Scherben, Krankenwagen mühten sich an den verkohlten und fensterlosen Häuserfassaden vorbei, um die Verletzten zu versorgen. Die Behörden ließen Verletzte zum Teil auf einem Fußballfeld behandeln. Es gab einen regelrechten Ansturm auf die Notunterkünfte, erzählte Mark Felton vom Roten Kreuz.

Erick Perez spielte mit Freunden auf einem Schulhof Basketball, und zunächst dachte er sich nichts dabei, als er in der Ferne den Feuerschein sah. Doch dann änderte sich die Farbe des Qualms. Dann folgte ein riesiger Knall, der den 21-Jährigen und seine Begleiter zu Boden warf. Heiße Asche, Scherben und Trümmer regneten auf sie nieder. „Noch nie habe ich etwas gesehen wie diese Explosion“, sagte Perez später. „Diese Stadt hat es wirklich schlimm erwischt.“

US-Medien spekulierten darüber, dass bis zu 60 Menschen ums Leben gekommen sein könnten. Die Polizei sprach schließlich von fünf bis 15 Toten und mehr als 160 Verletzten – fügte aber hinzu, dass die Rettungsarbeiten noch nicht abgeschlossen seien. „Sie holen immer noch verletzte Leute raus und evakuieren Häuser“, sagte Swanton. Noch immer werde nach Menschen gesucht.

Nach Schätzung vor Ort waren rund 80 Gebäude rund um die Fabrik zerstört, ein nahe gelegener Wohnblock reduziert auf „ein Skelett“, wie ein Polizeibeamter sagte. Aus einem Altenpflegeheim im Ort mussten 133 Bewohner gerettet werden, einige davon im Rollstuhl. Von der Fabrik selbst blieb wenig mehr als ein rauchender Schutthaufen.

Der Chef des Hillcrest Baptist Medical Center in Waco, Glenn A. Robinson, sagte, seine Klinik habe mehr als 100 Opfer behandelt. Die Verletzten hätten Schnitte, Knochenbrüche und andere Wunden durch herumfliegendes Material erlitten. In einem weiteren Krankenhaus in Waco würden noch einmal 30 Leute behandelt, sagte Robinson weiter. Mehrere Verletzte seien in eine Spezialklinik für Brandwunden gebracht worden, zwei Kinder in eine Kinderklinik.

Unter den Toten sind auch Mitglieder der örtlichen freiwilligen Feuerwehr, die als Erste zu einem Feuer auf dem Werksgelände gerufen worden waren. Rund 20 Minuten später folgte die Detonation und traf den Stoßtrupp mit voller Wucht. Bürgermeister Muska, selbst Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, riss die Druckwelle den Helm vom Kopf. In seinem nahe gelegenen Haus flogen Scheiben und Türen heraus. Er bat die Öffentlichkeit, für die Menschen in West zu beten. Für die ums Leben gekommenen Feuerwehrleute wurde noch in der Nacht eine Facebook-Seite eingerichtet. „Der letzte Einsatz“ bekam innerhalb weniger Stunden etwa 5000 Sympathisanten, minütlich kämen Dutzende hinzu. Einige Feuerwehrleute wurden am Donnerstag noch vermisst.

Gerüchte über einen Anschlag

„Es war, als würde die ganze Straße hochgedrückt“, beschrieb Cheryl Marich auf CNN die Explosion. Auch ihr Haus wurde dabei zerstört. Jason Shelton sagte der Zeitung „The Dallas Morning News“: „Es explodierte wie die Bombe von Oklahoma City.“ Sein Vergleich mit dem rechtsradikalen Anschlag, bei dem am Freitag vor 18 Jahren fast 168 Menschen starben, kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich ist der Explosivstoff der gleiche: Das als Dünger verwendete Ammoniumnitrat ist in der Vergangenheit auch schon für Anschläge missbraucht worden, so zum Beispiel auch bei dem Terrorakt gegen ein Bundesgebäude in Oklahoma 1995. 2001 gab es in Toulouse in Frankreich eine Explosion in einer Düngerfabrik, bei der 31 Menschen getötet und mehr 2000 verletzt wurden. Damals war – im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11.September – ebenfalls gerätselt worden, ob Terroristen dahintersteckten. 2006 wurde dort festgestellt, dass Nachlässigkeit die Ursache gewesen sei.

Auch die Fabrik in West hatte 2006 schon einmal Schwierigkeiten mit der texanischen Umweltbehörde, eine nötige Genehmigung fehlte. Die Behörde hatte damals Beschwerden erhalten, weil es an der Fabrik nach Ammoniak stank.

Mutmaßungen über einen Anschlag in West gab es auch deshalb, weil sich am Freitag zum 20. Mal die Erstürmung des Geländes einer rechtsgerichteten Sekte in Waco jährt, bei der 76 Menschen starben. Doch auch wenn es keine Hinweise auf einen Anschlag in West gibt, steht der Ort unter Schock. „Die Dinge, die ich gehört und gesehen habe, sind unerträglich“, sagte eine Frau auf CBS. „Das ist ein kompletter Albtraum.“

Am Mittwochabend aber erwarteten die Bewohner von West von der Fabrik in ihrer Nachbarschaft ganz offensichtlich nichts Böses. Julie Zahirniako lief auf dem Schulhof einige Runden, während ihr Sohn Anthony auf dem Spielplatz mit einem Ball herumkickte. Die Explosion riss den Kleinen einen Meter in die Höhe, beim Aufprall brach er sich seine Rippen. „Das Feuer war so hoch“, sagte Julie. „Der Boden und alles schwankte.“ Stunden später irrten die beiden durch ihre dunkle Stadt, auf der Suche nach einem Ort für die Nacht.