Anschlag

Boston: FBI zeigt Fotos von zwei Verdächtigen

Amerika unter Schock: US-Präsident Barack Obama verspricht bei der Trauerfeier, die Attentäter zu finden. FBI fahndet nach zwei Männern

Vier Tage nach dem Bombenanschlag auf den Marathonlauf hat Barack Obama am Donnerstag in Boston der Stadt Trost zugesprochen und zugleich den ungebrochenen Mut der Nation betont. Der von First Lady Michelle begleitete Präsident gedachte in einem überkonfessionellen Gottesdienst in der Kathedrale des Heiligen Kreuzes der drei Toten und sagte den 180 Verletzten Hilfe zu. „Wir beklagen die Opfer“, sagte Obama, „aber wir zeigen auch, dass der Geist der Stadt und der Nation ungebrochen ist. Wir stehen an eurer Seite.“ Er lobte Mediziner, Passanten und Sportler, die Erste Hilfe leisteten, Blut spendeten und ihre Türen öffneten. „Das ist wahre Stärke.“ 2014 werde es wieder den Marathon geben, mit mehr Teilnehmern und schnelleren Läufen: „Wettet darauf!“ Die noch unbekannten Täter warnte Obama: „Ja, wir werden euch finden. Und ihr werdet euch verantworten müssen“, rief Obama unter dem Beifall der 2000 Trauergäste aus. Es werde den Tätern nicht gelingen, die Stadt oder das Land zu terrorisieren oder die Werte der Nation ins Wanken zu bringen.

Derweil hat die penible Auswertung von Überwachungskameras und Privataufnahmen zwei Verdächtige ausgemacht. Die US-Bundespolizei FBI hat die Fahndung nach zwei Männern bestätigt und veröffentlichte am Donnerstag auf einer Pressekonferenz Fotos von den beiden Verdächtigen, die am Montag am Tatort des Anschlags aufgenommen wurden. „Heute nehmen wir die Hilfe der Öffentlichkeit in Anspruch, um diese Verdächtigen zu identifizieren“, sagte der leitende FBI-Agent Rick DesLauriers.

Die Männer sind auf den Bildern zu sehen, wie sie mit Rucksäcken hintereinander auf dem Bürgersteig gehen. Ein Verdächtiger trägt eine schwarze, der andere eine weiße Baseball-Kappe. Die Fahndung nach den beiden Männern habe „die höchste Priorität“, sagte DesLauriers. Einer der beiden Männer, die auf den Bildern zu erkennen sind, soll eine schwarze Tasche an der Stelle des zweiten Sprengsatzes kurz vor der Detonation platziert haben. Am Tatort hatten die Ermittler Fetzen von schwarzen Nylontaschen gesichert, in denen möglicherweise die beiden Sprengsätze verborgen waren.

Allerdings bedeutet die Identifizierung von Verdächtigen noch nicht ihre Überführung als Schuldige. So war zunächst ein saudischer Student, der selbst Verletzungen erlitt, in Medien als „Verdächtiger“ bezeichnet und in Internetforen namentlich identifiziert worden. Das FBI stellte nach einer Hausdurchsuchung bei dem 20-Jährigen inzwischen klar, er sei neben anderen als Zeuge befragt worden, aber gänzlich entlastet.

Weiterhin wissen die Ermittler nicht, was das Motiv für den Anschlag war. Selbstbezichtigungsschreiben religiöser oder politischer Extremisten gingen bislang nicht ein. Die in Boston angewendete Technik, Schnellkochtöpfe zu improvisierten Sprengsätzen (IED) umzufunktionieren, wurde von al-Qaida propagiert und von Dschihadisten angewendet. Aber auch Terroristen anderer Couleur gingen nach diesem im Internet zu findenden Rezept vor.

Dabei hatte es am Mittwoch nach einem Durchbruch ausgesehen. Die Nachrichtenagentur AP vermeldete die Verhaftung eines Täters, und der Sender CNN ergänzte, es handele sich um einen „dunkelhäutigen Mann“, der bereits einem Bundesrichter vorgeführt worden sei. In beiden Fällen handelte es sich um rasch dementierte Enten. Das FBI kritisierte am Abend die Veröffentlichung derartiger Fehlinformationen.

Die Schnellkochtöpfe in Boston waren mit Nägeln, Schrotkugeln und Kugellagern gefüllt. Das richtete verheerende Verletzungen an. Vielen Überlebenden mussten Gliedmaßen amputiert werden. „So etwas habe ich in meinen 25 Jahren hier nicht gesehen“, sagte Alasdair Conn, Chef der Notaufnahme beim Massachusetts General Hospital. „So ein Blutbad unter Zivilisten. Das ist etwas, was wir in einem Krieg erwarten.“ Jeff Baumann, Vater eines 27-jährigen gleichnamigen Sohnes, dem beide Beine amputiert werden mussten, sagte: „Ich kann nicht verstehen, was los ist mit Menschen, die Menschen so etwas antun.“

Schärferes Waffenrecht gestoppt

Die Bemühungen Obamas zur Verschärfung des Waffenrechts in den USA erlitten derweil einen empfindlichen Rückschlag. Am Mittwoch scheiterte ein Gesetzentwurf im Senat, der eine Ausweitung der Überprüfungen von Waffenkäufern vorgesehen hatte. Der Präsident sprach von einem „Tag der Schande“, die Eltern der erschossenen Kinder von Newtown an Barack Obamas Seite schworen unter Tränen, den Kampf für vernünftige Waffengesetze nicht aufzugeben: So präsentierte sich die Allianz der Besiegten Minuten nachdem der Senat sich gegen die Wünsche der Amerikaner dem Willen der Waffenlobby NRA gebeugt und eine (milde) Verschärfung der Gesetze niedergestimmt hatte. Vier Senatoren der Demokraten sorgten mit 40 Republikanern dafür, dass es auch künftig keine Überprüfung geben wird. Der Bann für Kriegswaffen und eine Begrenzung von Magazinen auf zehn Schuss scheiterten ebenfalls. Der Triumph der National Rifle Association, die jede Reform als Angriff auf Grundrechte und die Entwaffnung braver Bürger durch ein diktatorisches Regime brandmarkt, ist vollkommen.

Die Niederlage ist bitter für Obama, der nach dem Schulmassaker am 14. Dezember in 13 Ansprachen überall im Land für Waffenkontrolle geworben und Vizepräsident Joe Biden für Verhandlungen mit der NRA wie dem Kongress beauftragt hatte. Noch bitterer ist sie für 90 Prozent der Wähler, die sich in Umfragen für Checks bei Online-Käufen und Waffenmessen aussprechen. Selbst die Mitglieder der NRA sind mehrheitlich für Maßnahmen, die es wenigstens für Vorbestrafte und psychisch Kranke schwerer machen würden, Waffen zu erwerben. Der Schützenverein und seine verbündeten Senatoren behaupten, anständige Waffenbesitzer würden kriminalisiert. Doch nebenparanoiden Fantasien verblasst der Alltag, zu dem mehr als 3800 durch Schüsse getötete Amerikaner seit Newtown zählen.