Anschlag

Zwischen Tränen und Trotz

Boston sucht nach den Anschlägen den Weg zurück in den Alltag. Doch Schrecken und Trauer sind noch allgegenwärtig

Nach einer Weile wird man zum Spezialisten im Unterscheiden der Uniformen: das satte Blau der Polizei von Boston, die breitkrempigen Hüte der State Troopers, das Schwarz der Spezialteams, das helle Grau-Braun-Grün der Nationalgardisten; dann sind da natürlich auch noch die verdeckt ermittelnden Beamten. Vor uns geht ein Mann, der mit einem langen Stock den Müll aufspießt, seine orangefarbene Stadtreinigungskluft ist frisch gewaschen und gebügelt, plötzlich räuspert sich krachend sein Walkie-Talkie, das er wohl vergessen hat auszuschalten.

Wer nach dem Bombenattentat durch Boston spaziert, der könnte einen Film drehen: „Stadt im Ausnahmezustand“. Darin wären die vier bulligen Männer in Schwarz zu sehen, die sich breitbeinig mit Maschinengewehren vor dem Eingang einer Bank aufgepflanzt haben, den Finger am Abzug; die militärisch Uniformierten im Inneren der South Station, Bostons wichtigstem Bahnhof; die Polizisten mit den Hunden in der geschäftigen Fußgängerzone, die zwischen den Geschäften und Restaurants Patrouille gehen. Ungeachtet dessen aber hat der Polizeichef von Boston Wort gehalten: Er lässt gleich am ersten Tag nach dem Anschlag das Untersuchungsgebiet schrumpfen. Morgens war die Absperrung noch in der Arlington Street, am frühen Nachmittag ist sie einen Block weitergerückt. Die Boylston Street – das ist die geschäftige Straße, auf der die Marathonläufer rannten – ist jetzt also wieder teilweise geöffnet. Und die Bürger von Boston tun automatisch das einzig Richtige: Sie erobern sich den öffentlichen Raum zurück. Um vier Uhr sieht man schon Paare, auch Familien mit Kindern die Boylston Street entlangflanieren, als sei nichts geschehen. Bliebe der Tatort weiter menschenleer, hätten die Terroristen gewonnen.

Plastiksäcke mit Nummern

Das „Schloss“ beim Plaza Park an der Kreuzung von Columbus Avenue und Arlington Street ist ein braunes Gebäude, das tatsächlich Zinnen hat. Beim Eintreten müssen wir unsere Tasche für eine Kontrolle öffnen; ein vierschrötiger schwarzer Polizist schaut hinein, sagt „Awright“, wir dürfen rein. Drinnen eine große Halle: vielleicht hundert gelbe Plastiksäcke mit Nummern liegen auf dem Boden, die persönlichen Habseligkeiten der Marathonläufer, die sie in der Panik liegen gelassen haben. Hier können sie das Zeug abholen.

Die Leitung des Marathonlaufs hat beschlossen, dass dieses Jahr jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin eine Medaille bekommen, ganz gleich, ob er oder sie die Ziellinie überquert hat. Ein älterer, groß gewachsener weißer Mann hält das runde goldene Ding hoch, das er an einem bunten Band um den Hals trägt: „This means closure“, sagt er. „Closure“, ein Wort, das sich schwer ins Deutsche übersetzen lässt. Eigentlich heißt es nur „Abschluss“, aber im Psychogebrabbel unserer Tage hat die Vokabel eine tiefere Bedeutung angenommen: Frieden, Erlösung, Heilung. Ein anderer Mann in diesem seltsamen Schloss in Boston erzählt, wie ihm nach dem Rennen kalt war und ein Wildfremder ihm seinen Pullover anbot. Solche Szenen, sagt er, habe es viele gegeben nach den zwei Explosionen: Leute, die einander mit Handys aushalfen etwa. Nicht, dass das etwas gebracht hätte, denn das Telefonnetz war vorübergehend zusammengebrochen. Nein, er habe nichts gesehen, zum Glück nicht. Keine Gliedmaßen, die abgerissen wurden, kein Blut, das auf den Asphalt floss.

Irgendwann sehen wir einen Arzt, der vor die Fernsehkameras tritt. Er hat einen schwarzen Haarkranz, ist unrasiert, hat einen Akzent, der schwer einzuordnen ist, er strahlt pure, nüchterne, ungefilterte Kompetenz aus. Er habe eine bessere Prognose als noch am Morgen, sagt der Arzt. Es werde wohl keine weiteren Todesopfer geben. Sie hätten Amputationen vornehmen müssen. Alle an den unteren Gliedmaßen, alle unterhalb vom Knie. Sie hätten nur die hässliche Arbeit vollendet, die die Bombe angefangen hätte. Dann macht der Arzt seinen Patienten ein Kompliment: „Sie sind guter Dinge“, erzählt er. „Ich sah Leute aus der Narkose aufwachen, die froh waren, am Leben zu sein. Sie sagten tatsächlich: Da habe ich noch einmal Glück gehabt – obwohl sie gerade amputiert worden waren. Das nenne ich Zähigkeit.“ Er sei als Arzt auf der Unfallstation schlimme Verletzungen gewöhnt. Das Wichtigste in seinem Beruf sei: Vorbereitung. Man müsse auf alles vorbereitet sein, besonders auf das Unerwartete. Einer seiner Kollegen sei im Irak und in Afghanistan gewesen, dort habe er ähnliche Verletzungen behandelt: die berühmten „roadside bombs“, die Bomben im Straßengraben, die so vielen amerikanischen Soldaten zum Verhängnis wurden. Am Schluss fragt ein Fernsehreporter den Arzt nach seinen persönlichen Gefühlen. „Natürlich habe ich Gefühle“, antwortet er, „aber die trenne ich von mir ab, wenn ich meine Arbeit tue.“

Schweigeminute für die Opfer

Wer diesen Anschlag verübt hat, das kümmert am Tag danach vor allem die Fahnder. Das stärkste Wort, das bei einer Pressekonferenz fällt, wenn von den Tätern die Rede ist, lautet „idiots“. Die Idioten, die das hier angerichtet haben. Der Sprecher der Feuerwehr von Boston bittet um eine Schweigeminute für die Opfer. Ehe er das Haupt senkt, bekreuzigt er sich schnell, mit geübten Fingern, als er wieder aufschaut, schlägt er zum zweiten Mal das Kreuzzeichen. Boston ist eine sehr katholische Stadt; katholisch und irisch. In den 70er-Jahren gab es hier große Sympathien für die Provisional IRA, in manchem Pub ging der Hut herum, wenn für „die Jungs“ dort drüben auf der Insel gesammelt wurde, die Briten waren nicht amüsiert.

Wir kennen die Namen von zwei der drei Opfer. Da ist Krystle Campbell, eine hübsche junge Frau mit einem offenen Gesicht und Sommersprossen; da ist Martin Richard, ein Achtjähriger mit einem gewinnenden Zahnlückenlächeln. Es gibt ein Foto, da hält der kleine Junge ein Schild hoch, auf dem steht: „No more hurting people“. Niemandem möge mehr wehgetan werden. Und ganz groß das Wort „Peace“, Frieden, umrahmt von zwei blutroten Wachskreideherzen. Es ist ein bisschen schwierig, dieses Bild anzuschauen. Martins Schwester musste ein Bein amputiert werden, seine Mutter trug Hirnschäden davon. Drittens war da noch eine chinesische Studentin der Wirtschaftswissenschaften. Die Angehörigen und die chinesische Botschaft bitten um Anonymität.

Abends steht immer noch eine Menschentraube vor der Absperrung, die den Tatort vom Rest der Stadt trennt. Hinter der Absperrung stehen vier Angehörige der Nationalgarde. Ein Kamerateam ist auch hier geblieben, der Kollege vom Fernsehen stellt sich mit Mikrofon in Positur – ein bisschen zur Seite gedreht, Kinn nach oben – und probiert seinen Aufsager. Vor dem Absperrgitter haben Passanten Blumensträuße abgelegt. Und in das Absperrgitter wurden mehrere amerikanische Flaggen geknotet; außerdem der „First Navy Jack“, die Flagge der amerikanischen Marine im Unabhängigkeitskrieg. Neben den Flaggen drei T-Shirts mit der Aufschrift „Boston, Massachusetts“. Plötzlich fegt ein Windstoß die Boylston Street hinunter, er fängt sich in den Flaggen und den T-Shirts und bläht sie wie Segel, das Absperrgitter droht zu kippen. Ein Dutzend Hände schießt nach vorn und richtet es wieder auf.