Militär

Die Toiletten-Krise

Bericht des Wehrbeauftragten über Missstände beim Patriot-Einsatz bringt deutsche Soldaten und türkische Gastgeber gleichermaßen auf

Ein kleines Stück Papier, ausgestellt unter Glas in einer stadtbekannten Eisdiele, ist für Marcus Ellermann der Beweis, dass die Sache ausgestanden ist. Dass es mit der deutsch-türkischen Freundschaft immer noch funktioniert, auch im Bundeswehreinsatz an der Grenze zu Syrien. Ellermann sitzt im „Yasar Pastanesi“ im Zentrum der Stadt Kahramanmaras und tippt auf die Glasplatte eines Tisches. Ein Zeitungsartikel liegt darunter, mit einem Foto von ihm und dem Chef des Hauses.

„Letzte Woche war das“, sagt der 45-jährige Offizier – Brille, kurze Haare, dunkelgrün-gefleckter Anzug – und lehnt sich zurück. Vor sechs Tagen hat er in diesem Café mit türkischen Journalisten gesessen. Sie haben ihn gefragt, was denn nun dran sei an der „Toilettenkrise“ in der Gazi-Kaserne; ob sich seine Soldaten tatsächlich so unwohl fühlten, wie es in deutschen Medien zu lesen sei. Ellermann erklärte, beteuerte, beschwichtigte. Am Ende waren die Reporter versöhnt. Und der Artikel aus der „Sabah“, einer der größten Tageszeitungen im Land, liegt nun im „Yasar“ unter Glas.

Eine sensible Gegend

Oberst Ellermann ist der Kommandeur der beiden Raketenabwehrstaffeln, mit denen Deutschland die Türkei vor Beschuss aus dem Nachbarland Syrien schützen will. Die Patriot-Systeme stehen in der Gazi-Kazerne in Kahramanmaras, einer 400.000-Einwohner-Stadt in Ostanatolien. Viele Kurden leben hier. Eine sensible Gegend. Da kann es an vielen Dingen haken: an unterschiedlichen Kulturen und Erwartungen, Sprachbarrieren.

„Alles ist vergessen, jetzt gucken wir nach vorn“, sagt Ellermann an diesem sonnigen Vormittag im April. Er wirkt erleichtert. Hinter ihm liegen schwierige Wochen: als ranghoher Bundeswehrvertreter in der Türkei, als Vorgesetzter von rund 300 Soldaten und als Diplomat in Uniform. Seit in der Heimat ein Mängelbericht des Wehrbeauftragten publik geworden ist, hat er so einige Gespräche geführt, Vorgesetzte empfangen, Stellungnahmen verfasst. Und Briefe hat er geschrieben, zum Beispiel an die Hotels, in denen seine Soldaten wohnen, bis die Räume in der Kaserne fertig sind. Um zu versichern: „Wir fühlen uns wohl bei euch.“ Die türkischen Gastgeber hatten da zwischenzeitlich einen anderen Eindruck.

Die Zusammenarbeit mit der türkischen Seite werde „überwiegend als problematisch empfunden“, heißt es in einem Bericht, den der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus am 1. März an den Verteidigungsausschuss des Bundestags geschickt hat. Königshaus hatte die Soldaten in Kahramanmaras Ende Februar für vier Tage besucht. Nach Gesprächen notierte er 24 teils erhebliche Missstände, die seiner Ansicht nach längst hätten behoben sein müssen: unklare Absprachen mit den Gastgebern, pöbelnde Generäle, unangemessene Unterkünfte, eintöniges Mittagessen, schlammige Joggingstrecken, langsame Feldpost, dreckige Dixi-Klos.

Die Zustände im Sanitärbereich seien „unhaltbar“, befand Königshaus. Gerade dieser Vorwurf traf offenbar die Seele der Türken, die sich in ihrer Rolle als Gastgeber beleidigt fühlten. In den Lokalzeitungen war schnell von der „Toilettenkrise“ die Rede. Selbst „Hürriyet“, die größte Zeitung des Landes, berichtete über bilaterale Spannungen. So entwickelte sich eine Liste mit 24 Problemen binnen weniger Tage quasi zu einem Staatsproblem. Eines, von dem Offiziere in Berlin behaupten, es hätte um ein Haar die deutsch-türkischen Beziehungen belastet, die militärischen wie die außenpolitischen. „Von uns Soldaten wird immer verlangt, dass wir kulturelle Sensibilität in Einsätzen zeigen. Diejenigen, die das fordern, sollten so etwas aber auch selbst an den Tag legen.“

Der „Fall Türkei“ ist symptomatisch für die wachsenden Spannungen zwischen dem Wehrbeauftragten und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU). Der und viele seiner Mitarbeiter wirken zunehmend genervt von der „wandelnden Defizitanalyse“, wie ihn der frühere Ressortchef zu Guttenberg einmal bezeichnete. Königshaus fühlt sich als „Hilfsorgan des Bundestags“, was er laut Gesetz ist, bedingungslos dazu verpflichtet, die Grundrechte der Soldaten zu verteidigen. Sein jährlicher Bericht, vorgestellt im Januar, wird am Freitag noch einmal Thema im Parlament sein.

De Maizières Mitarbeiter werfen ihm vor, er fühle sich für zu viele Probleme zuständig und er suche zu oft die große Bühne. Im „Fall Türkei“ hätten sie sich gewünscht, die Schwierigkeiten nicht „unter dem Brennglas der Öffentlichkeit“ lösen zu müssen, auch um die türkischen Gastgeber nicht bloßzustellen. Parallel zum Einsatz „Active Fence“ baut die Bundeswehr 800 Kilometer weiter, in Trabzon am Schwarzen Meer, gerade einen Umschlagplatz für Material aus Afghanistan auf. Dabei ist sie auf die Hilfe der türkischen Regierung angewiesen.

Über jenen Mängelbericht sind inzwischen auch viele Soldaten nicht gerade glücklich. In ihren Augen ist dadurch ihr eigentlicher Auftrag, die Abwehr von Raketen, in den Hintergrund geraten. „Alles, was in Deutschland von diesem Einsatz ankommt, sind jetzt dreckige Dixis“, sagt ein junger Offizier im Patriot-Leitstand, einem mit Tarnnetz bedeckten Container am Rande der Kaserne. „Wir sehen täglich, wie wichtig unsere Anwesenheit hier ist.“ Leider sei das ist in der Diskussion über den Wehrbeauftragtenbericht komplett untergegangen. Nun ist de Maizières Staatssekretär persönlich zur Dienstaufsicht da: Thomas Kossendey (CDU) will die Kritik Punkt für Punkt abhaken. Schließlich hat Königshaus vor, in absehbarer Zeit wieder nach Kahramanmaras zu reisen.

„Atmosphäre ist nicht gut“

Rund sieben Wochen nach seiner Reise muss sich Hellmut Königshaus beim Stichwort Türkei noch immer zusammenreißen. Der Wehrbeauftragte sitzt in seinem Besprechungszimmer in Berlin, und wenn man ihn nach dem Verhältnis zum Verteidigungsminister fragt, formuliert er seine Antwort mit Bedacht: „Die Atmosphäre ist nicht gut, das muss man so hinnehmen.“ Wenn er nun hört, dass sein Bericht die Sache für die Soldaten letztlich erschwert hat statt verbessert, sagt er: „Ich bin betrübt, dass das auf diese Weise an die Öffentlichkeit gelangt ist.“ Manche Dinge seien dadurch so aufgeplustert worden, dass das eigentliche Thema überdeckt worden sei, „nämlich die schlechte Vorbereitung dieses Einsatzes“. Bestimmte Missstände hatte bereits das Vorkommando gemeldet. „Wenn aber zwei Monate nach Ankunft der ersten Soldaten immer noch nichts passiert, ist das unzumutbar“, sagt Königshaus. Nach seinem Bericht habe sich dann plötzlich binnen einer Woche etwas getan.