Anschlag

Ermittler identifizieren Verdächtigen auf Videobildern

Bostoner Polizei dementiert jedoch Berichte über eine Festnahme. Gift in Brief an Obama gefunden

Das FBI hat offenbar einen Verdächtigen des Bombenattentats auf den Boston-Marathon identifiziert. Der Mann soll auf Videobildern des Anschlags zu sehen sein, hieß es aus Sicherheitskreisen. Entgegen ersten Medienberichten vom Mittwochabend hat es offenbar aber noch keine Festnahme gegeben. Das teilte die Bostoner Polizei mit, nachdem der TV-Sender CNN und der „Boston Globe“ entsprechende Meldungen veröffentlicht hatten. Mehrere Medien hatten unter Berufung auf Behördenkreise berichtet, ein Verdächtiger sei in Gewahrsam genommen worden. CNN hatte gemeldet, dass die Bundespolizei mit Hilfe von Videoaufnahmen einen Verdächtigen identifiziert und festgenommen habe.

Die Zeitung „Boston Globe“ berichtete, dass den Ermittlern Bilder eines Verdächtigen vorlägen, der eine schwarze Tasche zum Tatort getragen haben soll. Einzelheiten wollte das FBI am späten Mittwochabend bei einer Pressekonferenz bekannt geben. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe hatte die Pressekonferenz noch nicht begonnen. Zuvor hatten die FBI-Agenten Beweismaterial und Reste der Sprengsätze sichergestellt: Sie fanden Überreste von Schnellkochtöpfen und schwarze Nylonrucksäcke in der Nähe des Tatorts, dann stießen sie auf eine weitere Spur: Auf einem Hausdach nahe dem Zielbereich der Bostoner Marathonstrecke stellten sie den Deckel zu einem der Sechs-Liter-Töpfe sicher, der zur Bombe umfunktioniert worden war. Gezündet wurden die Bomben wohl mit Eieruhren.

Am Abend wurde außerdem ein Gerichtsgebäude in Boston wegen einer Bombendrohung geräumt. Erst nachdem die Behörden das Gebäude überprüft hatten, durften Mitarbeiter wieder in das Gericht zurückkehren.

Mehrere Tausend Hinweise und erste Spuren helfen unterdessen den FBI-Agenten bei der Klärung der Frage: Wer verübte den Bombenanschlag, der drei Menschen tötete und mindestens 183 zum Teil schwer verletzte? Präsident Barack Obama lässt sich permanent über neue Erkenntnisse informieren. Er wird an der Trauerfeier für die Opfer und ihre Hinterbliebenen, die Donnerstag in Boston stattfindet, teilnehmen. Noch am Nachmittag hieß es, es gebe keine heiße Spur. Die Ermittler wüssten nicht, ob es sich um das Werk von Terroristen oder Psychopathen handelt, ob sie nach einem Netzwerk oder einem Einzeltäter suchen.

„Nicht Monate, aber Wochen kann es dauern, bis wir die Täter finden“, sagt ein Sicherheitsexperte am Vormittag. Die Schnellkochtöpfe und der dazugehörige Deckel könnten den zentralen Ansatzpunkt für die weitere Fahndung liefern. Die Ermittler kennen die Marke und das konkrete Modell des Haushaltsutensils. Auch wenn sie mutmaßlich bar bezahlt wurden und sich Verkäufer kaum an das Gesicht des Kunden erinnern werden, kann dies zu einem Bewegungsprofil führen. Schnellkochtöpfe wurden in „Inspire“, dem Online-Magazin von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, als Behältnis für improvisierte Bomben beworben. Die Homeland Security warnte bereits 2004 in einem Bulletin „für den Dienstgebrauch“ vor dieser Technik. Sie wurde bei zum Teil vereitelten Anschlägen in Nepal, Frankreich, Indien, Pakistan und Schweden eingesetzt. Aber „Inspire“ ist englischsprachig, jeder kann derartige Bastelanleitungen dort oder an anderer Stelle finden. Die Schnellkochtöpfe werden zumeist mit dem Sprengstoff TNT und metallischen Gegenständen gefüllt.

Am Mittwochnachmittag wurde bekannt, dass in Washington Briefe mit dem tödlichen Gift Rizin, unter anderem an Präsident Barack Obama, abgefangen wurden. Das bestätigte die Bundespolizei FBI. Bereits am Dienstag wurde demnach ein „verdächtiges Paket“ im Senat entdeckt. Mehrere Büros seien daraufhin geräumt worden. Ersten Ermittlungen zufolge gibt es jedoch keine Verbindungen zum jüngsten Terroranschlag beim Marathon in Boston.