Kommentar

Weiterlaufen, jetzt erst recht

Hajo Schumacher über den Anschlag auf den Marathon in Boston und die Konsequenzen

Berlin, ein Sonntag im September, erschöpfte Läufer, Helfer, unruhige Zuschauer dicht gedrängt auf der Straße des 17. Juni. Plötzlich ein Knall, Schreie, Blut überall. Könnte in der deutschen Hauptstadt geschehen, was beim Marathon in Boston passierte? Ja. Idioten gibt es überall. Und kaum eine Großveranstaltung ist so schwer zu schützen wie ein Stadtmarathon.

Genau hier aber liegt der Wert, die größere Botschaft des City-Marathons. Freie Menschen bewegen sich in freien Städten. Es herrscht die stillschweigende Übereinkunft aller, dass jeder die Belange des anderen berücksichtigt. Der Marathon ist Sinnbild für eine offene, freie Gesellschaft. Jeder kann mitmachen, jeder kann zuschauen. Und manche ärgern sich, weil hier und da ein Stau entsteht. Die stillen Helden im Auto ertragen den Auflauf stoisch. Marathon, das ist gelebtes Vertrauen, eindrucksvoller Beweis, dass die überwiegende Anzahl der Menschen mault, aber nichts Böses im Schilde führt.

Terrorismus will Freiheit mit Angst zerstören und Offenheit durch Misstrauen. Wer offenbar einen Sprengsatz mit Kugellagerkugeln inmitten von Menschen in Bodennähe zündet, der will gezielt menschliche Gliedmaßen zerstören, der führt Krieg gegen den Marathon als Symbol der freien Gesellschaft. Der norwegische Premierminister Stoltenberg hat nach dem Massaker auf der Ferieninsel Utoya mit großer Besonnenheit davor gewarnt, der Logik des Terrors zu folgen und allerlei aktionistische Sofortmaßnahmen zu ergreifen. Das Gegenteil ist richtig: Man kann die Freiheit nicht gleichzeitig einschränken und bewahren. Ein Marathon wird immer eine verletzliche Veranstaltung bleiben, gegründet auf Vertrauen. Laufen im Hochsicherheitstrakt ist paradox: Denn Laufen ist Freiheit, vielleicht die universellste, die der globale Alltag bietet.

Die elementarste aller Sportarten kann nahezu überall auf der Welt praktiziert werden, von nahezu jeder Altersgruppe, jeder Religion, jeder Kultur. Laufen ist eine Weltsprache, die Regeln global verständlich: Wer kann schneller, länger, weiter? Wer läuft, der lernt Respekt vor den Leistungen anderer. Laufen ist eine urdemokratische Angelegenheit, denn Siege kann man nicht kaufen oder herbeiwerben oder mit Atomwaffen erzwingen. Wer über den Zielstrich rennt, muss zuvor was geleistet haben, ob im Slum oder im Steuerparadies. Wer läuft, der vertraut der Welt. Wer läuft, hat Respekt für andere, vielleicht bessere Athleten.

Laufen ist das Gegenteil von Terror: offen und ehrlich, mit klaren Regeln: Achte Deine Gegner, spiele fair, renn‘ so schnell Du kannst, aber benimm Dich. Nirgendwo wird die freiheitliche Dimension des Laufens deutlicher als beim City-Marathon: Jeder kann kostenlos zuschauen, jeder kann ein T-Shirt mit Parole tragen, allein, als Gruppe.

Jedes Jahr kommen Zehntausende Läufer nach Berlin, weil diese Strecke durch die historischen Teile der Stadt den Inbegriff von erlaufener Freiheit bedeutet. Hier werden Träume wahr, nicht nur sportliche. Und das wird so bleiben. Die Botschaft von Boston lautet: weiterlaufen, jetzt erst recht.