Tag danach

„Ein dumpfer Knall, ein zweiter. Schreie“

Anschlag: Am Tag nach der Bombenexplosion stehen die Menschen unter Schock. US-Präsident Barack Obama sprichtvon einem Terrorakt und verspricht, die Täter zu fassen. Das jüngste Todesopfer ist erst acht. Zahlreiche Schwerverletzte liegen noch in den Kliniken

Auf dem Weg in die Boylston Street, Downtown Boston. 14:15 Uhr. Es ist Patriot Day, ein Feiertag, außerdem Tax Day, Stichtag für die Einkommenssteuererklärung, und natürlich Marathon Day. In den breiten Parallelstraßen zur Boylston Street, auf der das Rennen endet, drängen sich um diese Zeit die Marathonläufer, welche die 42 Kilometer bereits hinter sich haben.

Zumeist in blauen Sportjacken und Medaille um den Hals, stolz und erschöpft. Helfer in gelben Windjacken, Polizisten und Sicherheitsmänner säumen die Straße. Ich bahne mir einen Weg durch die Läufer jeden Alters und die vielen, die kamen um sie zu unterstützen. Dann plötzlich ein dumpfer-metallischer Knall. Kurz darauf ein zweiter. Schreie. Polizisten brüllen: „Straße freimachen!“ Sirenen. Krankenwagen rasen vorbei. Ich habe gerade die Saint James Street passiert und bin von der Clarendon in die Boylston Street eingebogen, um den City-Sports-Laden betreten.

„Auf den Boden legen!“

Ich bin vielleicht 200 Meter vom Ort der Explosion entfernt. Menschen hinter mir geraten in Panik, drücken mich in das Sportgeschäft. Sie schreien: „Auf den Boden legen!“ – „Explosions!“– „Shootings!“. Ein „Amoklauf“, glaubt jemand. Die Türen werden verriegelt. Draußen vor dem Schaufenster rennen jetzt Hunderte von Menschen vorbei, einige klopfen wild an die Scheiben, um hineingelassen zu werden. Kurz darauf ist die Straße plötzlich fast leer. Nur noch wenige Menschen hasten vorbei –sich permanent umblickend.

Es erschütternd, Menschenmassen in Panik zu sehen. Seltsamerweise spüre ich keine Angst. Das Geschehen kommt mir unwirklich vor. Als fast kaum noch jemand mehr auf der Straße zu sehen ist, verlasse ich den Laden und gehe in die Newbury Street, eine Parallelstraße zur Boylston Street, auf der sich die Explosionen ereigneten. Dort stehen kleine Gruppen beisammen, daneben einzelne Menschen, verwirrt, geschockt und orientierungslos wie ich selbst. Einige stehen um den Wagen eines Straßenhändlers herum und verfolgen die Nachrichten im Radio.

Je weiter ich gehe, umso mehr Menschen sehe ich, die aufeinander zulaufen und sich umarmen, Entsetzen in den Augen. Auf den Tischen der Terrassen der Restaurants entlang der Newbury Street stehen noch die Teller mit dem Essen. An den Stühlen hängen noch Jacken und Taschen. Niemand scheint eine Richtung zu haben. Nur die Feuerwehr, die Beamten des ATF (das Büro für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen, eine Bundespolizeibehörde) und des FBI scheinen sich in ihren beschrifteten Jacken zielgerichtet zu bewegen.

Auf der parallel verlaufenden Commonwealth Avenue sehe ich Küchenpersonal und Kellner zusammenstehen. Daneben Verletzte. Jeder fragt jeden, was geschehen ist. „Explosionen“, höre ich immer wieder. Die mehr gesehen haben, scheinen nicht zu reden. Eine Frau unter Schock, ihr Gesicht von Glas zerschnitten, sagt, ihr Mann sei verletzt, man habe ihn ins Massachusetts General Hospital gebracht. Sie ist fremd in der Stadt. Jemand bietet ihr umgehend Hilfe an. Läufer erzählen, sie seien von einem Polizisten auf der letzten Meile gestoppt worden. Zunächst hieß es nur, es habe eine Explosion gegeben.

Dann sagte ihnen ein weinender Streckenposten, dass zwei Bomben in der in der Nähe der Ziellinie gezündet wurden. Einige Läufer brachen daraufhin in Tränen aus, denn sie wussten, dass dort ihre Angehörigen und Freunde warteten. Eine Frau aus Paris, bleich im Gesicht, die ihren Koffer und zerrissene Tasche hinter sich herzieht, erzählt, sie habe an jenem Ort nahe der Ziellinie gestanden, wo die erste Explosion alles verwüstet hat. Sie sei gerade wieder zurück in ein Café gegangen, als direkt nebenan die Bombe explodierte. Sie habe Freunde beim Militär, aber auf so etwas habe sie niemand vorbereiten können. Sie habe die Druckwelle gespürt, die Verletzten gesehen, die Panik. Die Eltern, dessen Kind am Bein schwer verwundet wurde.

Zusammen gehen wir die Commonwealth Avenue hinauf. In ihrem Schock erzählt sie mir fast ihr ganzes Leben, dass sie eigentlich hier ist, um Unterstützung für ihr Bildungsprojekt in Afrika einzuwerben: „Quer durch die Welt legt man Ölpipelines aber eine die Wasser zu den Ärmsten führt, baut keiner.“

Zum Abschied eine Umarmung

Sie sieht eine zierliche Frau, die einen Magnolienbaum in dieser Allee fotografiert: „Zumindest kann sich noch jemand an dieser Schönheit erfreuen.“ Die Frau, die die Magnolie fotografiert, sagt mit russischem Akzent, sie habe allen Grund sich zu freuen: Sie habe ebenfalls in unmittelbarer Nähe zu einer Explosion gestanden und dann nichts mehr gehört. Nichts. Bleich ist auch sie, aber sie lächelt. Die Frau aus Paris und ich gehen noch ein Stück weiter bis zum Massachusetts General Hospital, das knapp zwei Kilometer nordöstlich vom Tatort an der Charles Street liegt. Wir umarmen uns zum Abschied. „Ich gehe jetzt weinen“, sagt sie.

Ich fahre mit der T, der Bostoner U-Bahn, nach Hause über den Fluss nach Cambridge. Dort erst erfahre ich von den drei Toten und den über 140 Verletzten.

Der Autor promoviert an der Humboldt-Universität Berlin und an der Harvard University in Cambridge bei Boston im Fach Germanistik. Der 33-Jährige ist Stipendiat des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks. Den Anschlag in Boston erlebte er aus nächster Nähe.