Opfer

Achtjähriger Martin stirbt vor den Augen seiner Eltern

Blut, Scherben und abgetrennte Gliedmaßen auf der Laufstrecke, Panik unter Zuschauern und Läufern.

Im Boston Common, dem Park nahe der Ziellinie, irrten am Montag Läufer ziellos über die Wiesen, riefen nach Angehörigen, sanken schluchzend zu Boden. Andere brüllten über dem Dröhnen der Helikopter und dem Heulen der Sirenen verzweifelt in ihre Handys, doch keiner ihrer Anrufe kam durch.

Durch die beiden fast zeitgleichen Explosionen nahe der Ziellinie waren mindestens drei Menschen getötet worden. Einen von ihnen identifiziert der „Boston Globe“ als Martin Richard. Er wurde nur acht Jahre alt. Er ist der Sohn einer Familie aus dem Vorort Dorchester. Mutter Denise war mit Martin und seinen beiden Schwestern zum Marathon gefahren, um Vater Bill zu unterstützen, der wenige Minuten vor der ersten Explosion über die Ziellinie lief. Der kleine Junge lief zu seinem Vater und gratulierte ihm mit einer Umarmung. Dann ging Bill geradeaus weiter, Martin lief zurück zu seiner Mutter auf dem Bürgersteig. Dort erfasste ihn die Bombe.

Einer seiner Schwestern wurde nach Informationen des „Globe“ ein Bein abgerissen, sie und auch Mutter Denise sind mit „schrecklichen“ Verletzungen im Krankenhaus. Allein die zweite Tochter und Vater Bill sind unversehrt.

Der Berliner Student JulianA. Friedrich befand sich in einem Laden, 200 Meter vom Unglücksort entfernt. „Dann ein dumpfer, metallischer Knall. Ein zweiter. Schreie. Polizisten brüllen: ,Straße frei machen!‘“, berichtet der 33-Jährige. „Eine Frau aus Paris, bleich im Gesicht, die ihren Koffer und eine zerrissene Tasche hinter sich herzieht, erzählt, sie habe nahe der Ziellinie gestanden. In ihrem Schock erzählt sie mir fast ihr ganzes Leben. Wir umarmen uns zum Abschied. ‚Ich gehe jetzt weinen‘, sagt sie.“

Bill Iffrig riss die Explosion kurz vor der Ziellinie von den Beinen. „Es war eine riesige Explosion, es hörte sich wie eine Bombe an, die direkt neben mir explodierte“, sagte Iffrig. „Die Schockwellen haben meinen ganzen Körper erfasst. Meine Beine fingen an zu zittern, aber ich habe keinen Schmerz verspürt.“ Er fiel zu Boden. Der 78-jährige Marathonveteran ist einer von 17.000 Läufern, die das Ziel des Boston Marathon trotz der Bombenanschläge erreichten. 6000 waren noch unterwegs, als die beiden Sprengsätze detonierten. Eine von ihnen: Kristen McGuinness. Die 37-Jährige war noch einen Block von der Ziellinie entfernt, als sie die erste Explosion hörte. „Es war wie in einem Kriegsgebiet“, erzählt sie. „Ich habe einfach geschrien.“ Und dann war da Carlos Arrendo, 52, der Mann mit dem Cowboyhut. Er zählt schon jetzt zur Ikonografie des Bostoner Anschlags. Ein Foto in der „Washington Post“ zeigt Arrendo an der Seite eines jungen Mannes im Rollstuhl, einen Riemen zum Abbinden des rechten Beines haltend. Carlos Arrendo, ein Einwanderer aus Costa Rica, erlebt am Montag in Boston die dritte Katastrophe. Die ersten beiden brachten ihn fast um: Im Jahr 2004 fiel sein Sohn, Marineinfantrist im Irak; sieben Jahre danach wählte sein Sohn Alexander Brian den Freitod nach Jahren der Depressionen und Drogenabhängigkeit. Als der Vater erfuhr, dass sein Sohn tot war, übergoss er sich mit Benzin und zündete sich an. Er wurde gerettet. Zehn Monate verbrachte er im Krankenhaus mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf einem Fünftel seines Körpers. Man versteht, warum Carlos Arrendo keine Angst mehr hat.