Gedenken

Im Zentrum Bostons steht die Zeit still

Am Tag nach dem Bombenattentat auf den Marathon suchen die Bürger nach Antworten

Friedlich ist Boston am Tag nach der Katastrophe, zutiefst und unwirklich friedlich. Die Sonne scheint, langsam wird es Frühling, auch hier oben in Massachusetts, wo die Winter hart und kalt sind. Dass nicht alles ganz so friedlich ist, bemerkt man erst, wenn man am Hotel „Taj“ in der Nähe des Boston Public Garden vorbeischlendert. Der Public Garden ist ein idyllischer, grüner Park, aber am Hoteleingang steht ein uniformierter Mann mit Maschinenpistole. Und dann sieht man noch einen Polizisten und noch einen. Ein Kastenwagen hält, ein älterer Mann in Tarnfarben springt heraus, er geht auf den Uniformierten mit der Maschinenpistole zu. Die beiden wechseln ein paar Worte, viele Abkürzungen, als Außenseiter versteht man nichts.

Der Tatort wurde mit tragbaren Gittern umzäunt. Ein junger schwarzer Polizist mit Sonnenbrille hat sich hinter der Absperrung aufgepflanzt und versucht, undurchdringlich zu blicken; aber als er seine Sonnenbrille abnimmt, fällt auf, dass er gerötete Augen hat, und für einen Augenblick wirkt sein Gesicht ganz nackt. Die Marathonläufer haben sich entlang der Boylston Street bewegt, normalerweise eine breite, geschäftige Straße. Am Tag danach ist sie leer. Nein, man sieht kein Blut mehr. Aber Plastiktüten und anderer Abfall liegen an den Straßenrändern herum; manchmal wird er müde vom Wind gezaust. Plötzlich ist dieser Müll kein Müll mehr. Plötzlich handelt es sich um Indizien.

Passanten knipsen Unglücksort

Die Kollegen vom Fernsehen haben sich eine Ecke des Boston Public Garden erobert, mit Planen bedeckt, Stative aufgestellt. Alle Kameraobjektive richten sich auf die menschenleere Straße, als gäbe es von dorther etwas zu erwarten. Eine Antwort vielleicht. Aber selbstverständlich wissen die Uniformierten, die hier herumlaufen, auch nichts; und wenn sie etwas wüssten, würden sie es gerade uns nicht sagen. Gelegentlich bleiben Passanten stehen, die um die Ecke biegen, halten ihre Handys hoch, knipsen in die Boylston Street hinein. Dann gehen sie hastig weiter.

Vor dem Restaurant „Stephanie’s on Newbury“ wurde der Augenblick der Katastrophe eingefroren. Tische stehen dort draußen, auch Stühle, die Tischtücher sind verrutscht, Decken liegen auf dem Boden herum, Gläser und Flaschen wurden chaotisch zusammengeschoben, und plötzlich kann man sich die Szene ein bisschen zu gut vorstellen: den Knall, die Gäste, die Schreie, die laufenden Füße. Jemand hat vergessen, drinnen im Restaurant den Fernseher abzustellen; hinter dem Fenster läuft stumm eine Pressekonferenz. Der Polizeichef von Boston bewegt die Lippen, die Untertitel melden, der Tatort sei jetzt nur noch zwölf Häuserblocks lang und werde weiter reduziert, damit die Leute ohne Umwege in ihre Häuser zurückkönnen. Im Weitergehen studieren wir auf dem iPhone die jüngsten Gerüchte: der junge, dunkelhäutige Mann mit dem fremden Akzent, der dort gesichtet wurde, wo kurz danach die erste Bombe hochging (Besondere Kennzeichen: Rucksack und Sweatshirt). Die Durchsuchung der Wohnung in Revere, das liegt im Norden von Boston. Ein junger Saudi, der mit Studentenvisum hier lebt. Er hat die Durchsuchung nicht verweigert. Ein anderer Saudi wurde am Bein verletzt, liegt unter Polizeibewachung im Krankenhaus. Befindet sich aber nicht in Haft. Sämtliche Vereinigungen amerikanischer Muslime distanzieren sich von dem Anschlag. Der saudische Botschafter äußert diplomatisches Entsetzen. Waren es zwei oder vier Bomben, von denen die Hälfte nicht explodiert ist?

Erst hieß es zwei, dann vier, jetzt haben sich zwei der angeblichen Sprengsätze bei näherer Untersuchung doch als harmlos erwiesen. Nebel, das Hin und Her der Meinungen, Falschmeldungen. Alle stimmen darin überein, dass es sich hier um Terrorismus handle. Bitte, um was denn sonst? Plötzlich hören wir hinter uns Hebräisch auf der Straße, ein junges israelisches Paar. Zufällig ist heute Jom Ha’Atzmaut, der israelische Unabhängigkeitstag. Nein, die jungen Israelis waren gestern nicht hier. Zurück am Boston Public Garden. Vor der Arlington Church stehen ein paar kleine Tiere aus Holz herum, bunt bemalte Laubsägearbeiten: eine Giraffe, eine Ente, ein Hund. Kinder haben sie gefertigt, auf einem Schild daneben heißt es, sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass die Schöpfung ihnen am Herzen liege.

US-Präsident Barack Obama, der zunächst zurückhaltend von einer „Tragödie“ gesprochen hatte, wurde am Dienstag dann deutlicher und bezeichnete das Blutbad von Boston als einen „Terrorakt“. Zu Ehren der Opfer ordnete er an, die Flaggen am Weißen Haus und an allen öffentlichen Gebäuden im Land auf halbmast wehen zu lassen. Bei dem Täter kann es sich – ungeachtet der Formulierung Obamas – sehr wohl um einen Einzelgänger handeln. Natürlich kommt ein islamistischer Gewalttäter infrage, der auf eigene Faust handelte oder im Auftrag eines internationalen Terrornetzwerks. „Wir wissen noch nicht, wer dies tat und warum. Und niemand sollte Schlussfolgerungen ziehen, bevor wir alle Fakten kennen. Aber täuschen Sie sich nicht – wir werden alles gründlich aufklären. Und wir werden herausfinden, wer das war; wir werden herausfinden, warum sie das taten. Alle verantwortlichen Personen, alle verantwortlichen Gruppen werden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen“, sagte der Präsident.

Videos werden ausgewertet

Für Obama hängt viel von einer lückenlosen und zumindest zeitnahen Aufklärung ab. Sollten die Urheber lange Zeit im Dunkeln bleiben, würde dies Zweifel an der Fähigkeit des Präsidenten vermitteln, die Sicherheit der USA zu gewährleisten. Zwar fand unter George W. Bush die Attacke vom 11. September 2001 statt. Aber so unpopulär seine Kriege inzwischen sind, er reagierte immerhin mit aller Härte, als er im Oktober al-Qaida in Afghanistan angriff. Finden die Ermittler jetzt keine Spur, kann Obama nicht handeln. Sollten Islamisten als Drahtzieher des Anschlags identifiziert werden, dürften die Republikaner Obama und seine Demokraten als gefährliche Naivlinge attackieren. Jetzt werden Überwachungsvideos und Smartphone-Aufnahmen vom Rennen ausgewertet, Anwohner befragt. Amerika verlangt von ihrem Präsidenten schnelle Erfolge.