Extremismus

Das mörderische Leben der Beate Zschäpe

Die Frau im NSU-Trio ist ein Rätsel. Doch auf einem Ausflug gibt die rechtsextreme Terroristin Polizisten einen Einblick in ihr Innenleben

„Ausantwortung“: was für ein seltsames Wort für einen Häftlingstrip. Ein Gefangener geht auf eine Art Ausflug in einen fremden Knast, sagt der Begriff – in der Regel, um dort eine Aussage zu machen. Eher selten, um einen Besuch zu ermöglichen. Beate Zschäpe, in dieser Woche wegen zehn Morden, zwei Attentaten und schwerer Brandstiftung vor Gericht, durfte solch eine Reise machen, von der Untersuchungshaft in Köln in die JVA Gera und zurück, um ihre Großmutter zu sehen.

Die der Berliner Morgenpost vorliegenden Gesprächsnotizen von dieser Fahrt im Sommer 2012, von zwei BKA-Beamten sorgfältig auf zwölf Seiten dokumentiert, liefern einen eindrücklichen, ja den bisher unmittelbarsten Blick auf diese undurchsichtige Frau, die sich zwar selbst gestellt hat, zu ihren Taten aber sonst beharrlich schweigt.

Sie ist die Topangeklagte im größten Terrorprozess seit den Zeiten der Rote-Armee-Fraktion. Mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, den beiden mittlerweile toten Rechtsextremisten, hat sie als Mitglied der Zwickauer Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) eine Blutspur durch Deutschland legen helfen, so der Vorwurf. Vielen, die Zschäpe in den vergangenen 13 Jahren als Lisa Dienelt, Mandy Struck, Sylvia Pohl oder unter einem anderen Tarnnamen kennenlernten, erscheint das schier unglaublich. Lisa/Mandy/Sylvia beschreiben alle als nett, höflich, hilfsbereit, tier- und kinderlieb, stets gut gelaunt, immer mit offenem Ohr und offener Brieftasche für Geschenke.

Glücksgefühl trotz Fußketten

Der Trip nach Gera offenbarte neue, fremde Seiten von Zschäpe, auch wenn sich die gelernte Gärtnerin selbstbewusst gab: Sie werde nichts äußern, das nicht aufgeschrieben werden dürfe. Der Ausflug machte sie happy. „Wie Urlaub“, freute sie sich nicht nur, weil sie endlich ihre kranke Oma wiedersehen würde. Die mit Fußketten gesicherte Ostdeutsche war auch zufrieden, dass sie an diesem 25.Juni 2012, einem Montag, in Köln-Ossendorf den Suppentag verpassen würde. Suppe mag Zschäpe nicht. Sie hoffte, dass die JVA-Kantine von Gera Thüringer Bratwürste servieren würde. Die kann Zschäpe auf den ersten Biss erkennen. Es gab dann Königsberger Klopse.

Vielleicht lag es an diesem Glücksgefühl, dass die heute 38-Jährige so munter mit den beiden Aufpassern schwatzte auf der Fahrt von Köln nach Gera und zurück. Vielleicht ist Beate Zschäpe aber auch tatsächlich jene Plaudertasche, als die sie viele frühere Nachbarn und Urlaubsbekannte erlebten. Bei dem Ausflug nach Gera gab sie, die fast immer arbeitslos war, vieles von sich preis. Etwa, wie eitel sie ist und wie stolz auf ihr Aussehen: ihre langen, dunklen Haare. Die Knastfriseurin muss regelmäßig ihre Mähne nachdunkeln, dabei kostet das zehn der nur 43 Euro, die Zschäpe pro Monat zur Verfügung hat. Aber für jene Männer, die ihr deshalb Liebesbriefe in die Zelle schickten, hat sie nur beißenden Spott übrig.

Sie ist eine Frau, die offenbar automatisch, instinktiv lügt: Obwohl der Öffentlichkeit seit Monaten bekannt war, dass Zschäpe mit ihren Terrorkollegen Böhnhardt und Mundlos regelmäßig Campingurlaub auf Fehmarn machte, behauptete sie, noch nie auf der Ostseeinsel gewesen zu sein. Das Taktieren, Falschspielen ist der Frau nach 13 Jahren im Untergrund offenkundig zur zweiten Natur geworden.

Filme von Sexy Cora

Erstaunlich klare Vorstellungen hatte sie zu diesem Zeitpunkt aber von ihrer Zukunft. Den Prozess schien sie zu verdrängen. Lieber dachte sie an das Danach: Ein ganz normales Leben will sie führen und mit einem Allerweltsnamen in der Masse untertauchen, als Susanne Schmidt oder Müller oder so. In Köln den Dom besichtigen und Karneval feiern. Ausgerechnet Köln: Dort hat die NSU-Terrorzelle laut Anklage eine Nagelbombe und einen Sprengsatz hochgejagt. 23 Menschen wurden zum Teil so schwer verletzt, dass sie ihr Leben lang an den Folgen zu leiden haben. Reue oder auch nur Einsicht klingt anders. Zschäpe fantasiert lieber in bunten Farben, wie sie am Rhein spaziert und in einem Biergarten ein Radler trinkt.

Ist das vorgetäuschte Sorglosigkeit oder echte Verdrängung? Eine Beurteilung durch einen psychiatrischen Gutachter hat Zschäpe abgelehnt. Doch beim gesamten Prozess wird ein Experte die Haltung und Mimik der Angeklagten und die Beweise beurteilen.

Im Untergrund war sie auch freundlich zu Ausländern, dem griechischen Wirt im Erdgeschoss ihrer Zwickauer Wohnung etwa, dem letzten Unterschlupf, den sie schließlich in Brand setzen sollte. Als sich das Trio, das im ersten Stock fünf Zimmer bewohnte, eine neue Kühltruhe anschaffte, gab es die alte dem Restaurantbetreiber. Der revanchierte sich mit dem einen oder anderen Ouzo, den man gemeinsam trank. Die 500 Seiten lange Anklageschrift bezeichnet dies als reine Tarnung, errichtet, um dahinter verachtenswerte Morde und Attentate zu planen. Ausführende waren zwar die Rechtsextremisten Böhnhardt und Mundlos. Der Bundesanwalt glaubt aber, dass ohne Zschäpes Tarnung all das nie möglich gewesen wäre.

Beate Zschäpe kam am 2.Januar 1975 als Beate Apel zur Welt. Der heutige Nachname stammt von der zweiten Ehe ihrer Mutter, mit der sie nie gut auskam. Das schlechte Verhältnis mag dazu geführt haben, dass das Mädchen früh auf der Straße herumhing. Mit 16 Jahren driftete sie nach rechts ab, wohl über die Beziehung zu Uwe Mundlos, mit dem sie einige Jahre liiert war. Später hat sie sich dessen Freund Böhnhardt zugewandt, ohne dass die Freundschaft zu Mundlos zerbrach.

Zschäpe neigt dazu, widersprüchlich zu handeln. Darauf gibt es viele Hinweise. Dieser zum Beispiel: Ihr Traumberuf soll immer Kindergärtnerin gewesen sein – doch auf ihrem Computer fanden die Fahnder Kinderpornos. Überhaupt Pornos: Die 38-Jährige surfte gern auf Pornoseiten oder informierte sich über das Leben ihres Lieblingsstars Sexy Cora, jener Frau, die bei einer Brustoperation sterben sollte. Währenddessen waren ihre beiden Uwes unterwegs, um Ausländer zu ermorden oder eine Bank zu überfallen. Und sie, ausgerechnet als Kind eines Rumänen und einer Ostdeutschen, hasste Ausländer offenbar inbrünstig und wollte die deutsche Rasse durch eine Mordserie reinhalten.

Zschäpe konnte offenbar in unglaublichem Tempo zwischen zwei Welten hin- und herschalten, fast wie auf Knopfdruck, wie von einem Fernsehkanal zum nächsten. In einer Minute führte sie ein konspiratives und kriminelles Leben, plante akribisch den nächsten Mord oder Banküberfall mit, so glaubt zumindest der Bundesanwalt. So auch am Tag, als ihre mutmaßlichen Komplizen sich nach einem missglückten Banküberfall erschossen. Keine halbe Stunde zuvor googelte Zschäpe in Zwickau nach „Unfällen in Sachsen“: Sie machte sich offenbar Sorgen, die beiden seien verunglückt. Doch als sie nichts fand, switchte sie flugs um auf Hausfrau. Der nächste Suchbegriff lautete: „biobauern zwickau“.