Kommentar

Trotziges Aufbegehren

Daniel Friedrich Sturm über den Auftritt des SPD-Kanzlerkandidaten und die Wahlchancen im Herbst

Verunsichert und verzagt ist die SPD gut fünf Monate vor der Bundestagswahl. Das Imageproblem ihres Kanzlerkandidaten legt selbst den Berufsoptimisten in ihren eigenen Reihen Sorgenfalten auf die Stirn. Ratlosigkeit dominiert die Partei. Dabei sind es nicht die diversen realen und vermeintlichen Pannen Peer Steinbrücks, die die eigenen Leute deprimieren, sondern dessen weitgehend aufgezehrte Glaubwürdigkeit.

Konsterniert stellen die Sozialdemokraten fest: Zwar teilt eine Mehrheit der Deutschen viele ihrer Forderungen von einem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn über eine rechtliche Gleichstellung Homosexueller bis hin zu Steuererhöhungen. Diese inhaltliche Übereinstimmung aber spiegelt sich bisher nicht in der Wertschätzung für die SPD, was wiederum viel mit ihrem Kandidaten zu tun hat. Zweierlei nämlich hat sich nach Steinbrücks Fettnäpfchen-Dauerlauf in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt: Der Kandidat hat einst Millionen verdient, und, noch schlimmer, er hält das Gehalt des Kanzlers für zu gering. Beides hat aus dem vage erhofften Steinbrück-Bonus einen echten Steinbrück-Malus gemacht.

Geschlossen wie selten war die SPD in den vergangenen Monaten trotz dieses Gegenwinds, den der Kandidat erzeugt hat. Loyal zeigte sie sich, manchmal bis zur Selbstverleugnung. Am Sonntag übte die SPD diese Disziplin abermals, und ihr Kandidat machte es ihr diesmal leicht mit seiner kämpferischen und sehr sozialdemokratischen Rede, vorgetragen rhetorisch gekonnt wie eh und je. Noch einmal hat Steinbrück seine Partei, deren Geduld er schon so oft strapazierte, motiviert. Die SPD, die an seine Kanzlerschaft nicht recht glauben mag, hat gleichwohl Lust, wieder zu regieren in Berlin. Das aber erfordert im Zweifel, den ungeliebten Kandidaten zu tragen, zu ertragen. In den kommenden Wochen wird die SPD auf ihre Disziplin stärker angewiesen sein als in den vergangenen dreieinhalb Jahren in der Opposition. In dieser Zeit hat sie bei zwölf Landtagswahlen zwölfmal eine Regierungsbeteiligung erreicht. Nur noch in drei Ländern regiert Schwarz-Gelb. Aber auch diese Erfolge vermag die SPD nicht auf ihr Ansehen im Bund übertragen.

Und doch ist die Bundestagswahl beileibe nicht gelaufen. Gegen allzu selbstsichere Wetten auf den Wahlausgang spricht die Erfahrung, vor allem aber der Respekt vor dem Souverän. Das Volk trifft bei alldem seine Entscheidung immer öfter erst in den letzten Tagen vor der Wahl. Hinter dieser Zuversicht der SPD verbirgt sich aber gleichzeitig die Angst vor einer fehlenden Machtperspektive. Längst erwarten etliche Sozialdemokraten eine große Koalition nach dem 22. September. Eine solche Aussicht indes würde die eigenen Anhänger frustrieren und demobilisieren. Mit dem Ausruf „Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden“ gleich zu Beginn seiner Rede gab sich Steinbrück selbstbewusst. Dankbar, geradezu befreit applaudierte die Partei. Dieser Beifall aber entspricht keiner aufrichtigen Begeisterung für Steinbrück. Die SPD demonstrierte sich damit vielmehr ihren eigenen Stolz. Beharrlich und ein wenig trotzig.