Krise

„Pjöngjang bewegt sich sehr nahe an gefährlicher Linie“

USA warnen Kim Jong-un. Moskau unterstützt den Westen. Deutsche Touristen reisen trotz Kriegsrhetorik ins stalinistische Nordkorea

Im Nervenkrieg um Nordkoreas Kriegsdrohungen ziehen der Westen und Moskau an einem Strang. Die sieben wichtigsten westlichen Industriestaaten und Russland (G 8) wollen gemeinsam den Druck auf Nordkorea erhöhen, um das stalinistische Regime von seinem Eskalationskurs abzubringen. Gleichzeitig warnen die USA Nordkorea vor weiteren Maßnahmen wie dem Start ballistischer Raketen.

US-Präsident Barack Obama sagte nach einem Treffen mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, Nordkorea müsse sein kriegerisches Handeln unverzüglich beenden. Die USA würden „alle notwendigen Schritte“ ergreifen, um ihr Volk zu schützen, betonte er. Pjöngjang bewege sich „sehr nahe an einer gefährlichen Linie“, sagte auch US-Verteidigungsminister Chuck Hagel in Washington. Nach Einschätzung des südkoreanischen Militärs bereitete sich Nordkorea auf das Abfeuern mehrerer Raketen vor, darunter eine oder zwei Mittelstreckenraketen. „Ihre Taten und ihre Worte haben nicht geholfen, eine entflammbare Situation zu entschärfen“, sagte Hagel. Die USA seien vorbereitet, auf jede Eventualität zu reagieren.

Die Außenminister Russlands, der USA, Kanadas, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens, Japans und Deutschlands(G 8) wandten sich in London gegen Kriegstreiberei in Korea. „Ausschlaggebend ist, dass aus der Rhetorik kein heißer Krieg wird“, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) am Donnerstag. „Das ist nicht nur eine Gefährdung für die koreanische Halbinsel und für die Nachbarländer, sondern es ist auch eine Gefährdung der Stabilität, der Sicherheitsarchitektur global.“

Scud- und Nadong-Raketen

Russlands Außenminister Sergej Lawrow hatte am Rande des Londoner Treffens am Mittwoch mit seinem US-Kollegen John Kerry gesprochen. „Es gibt keine Meinungsverschiedenheiten mit den USA über Nordkorea“, sagte Lawrow anschließend laut der US-Delegation. An diesem Freitag wird Kerry in Seoul zu Gesprächen mit seinem südkoreanischen Amtskollegen Yun Byung-se über den Konflikt erwartet.

Südkorea rief seinen nördlichen Nachbarn trotz der jüngsten Kriegsdrohungen am Donnerstag zu Gesprächen über die Zukunft des gemeinsamen Industrieparks in Nordkorea auf. Die Produktion dort steht seit Dienstag still. „Pjöngjang sollte sofort zum Verhandlungstisch kommen“, sagte Vereinigungsminister Ryoo Kihl-jae in Seoul. Nordkorea hatte zuvor alle rund 53.000 Nordkoreaner abgezogen, die dort zuletzt für 123 Unternehmen aus Südkorea gearbeitet hatten. Auch droht Nordkorea mit der kompletten Schließung des Komplexes.

Südkorea, die USA und Japan brachten Zerstörer, Radar- und Raketenabwehrsysteme in Stellung, um anfliegende Raketen abzufangen, falls sie eine Gefahr für die Länder darstellen. Die Raketenabwehrsysteme Patriot seien in der Lage, jede nordkoreanische Rakete in Schussweite abzufangen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Seoul.

In Südkorea wird erwartet, dass Nordkorea eine oder zwei Musudan-Raketen mit Reichweiten von schätzungsweise 3000 bis 4000 Kilometern testen will, um im Konflikt über sein Atomprogramm Stärke zu demonstrieren. Südkoreas Außenminister Yun Byung-se hatte am Mittwoch gesagt, Nordkorea könne eine Musudan jederzeit starten. Die Rakete gilt als unerprobt.

Nordkoreas Streitkräfte bewegten entlang der Ostküste mehrere mobile Startrampen, berichteten südkoreanische Medien unter Berufung auf Militärkreise. Es könnten auch Scud-Raketen mit Reichweiten von 300 bis 500 Kilometern und Nodong-Raketen abgefeuert werden, die über 1300 Kilometer weit fliegen.

Es wurde vermutet, dass Nordkorea die Tage um den 101. Geburtstag des früheren Staatschefs und als Republikgründer verehrten Kim Il-sung am 15. April für die Raketenstarts nutzt. Neben Feierlichkeiten gebe es auch Anzeichen für eine große Militärparade in Pjöngjang, berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap. Die Lage auf der Halbinsel gilt seit dem dritten Atomtest in Nordkorea im Februar als extrem gespannt. Pjöngjang hatte angesichts der Ausweitung von UN-Sanktionen und südkoreanisch-amerikanischer Militärmanöver den Waffenstillstandsvertrag von 1953 aufgekündigt, den USA einen atomaren Präventivschlag angedroht und den „Kriegszustand“ mit Südkorea ausgerufen.

Nordkorea hält nach eigenen Angaben „mächtige Angriffswaffen“ zum Abschuss bereit. Die Koordinaten der Ziele seien bereits programmiert, erklärte das nordkoreanische Komitee für die friedliche Wiedervereinigung des Vaterlandes am Donnerstag. Was das genau bedeute, erläuterte das Komitee nicht.

Die Sicherheitslage auf der Halbinsel stand auch im Mittelpunkt eines Treffens von Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen mit dem südkoreanischen Außenminister in Seoul. Beide hätten über Nordkoreas Atomwaffenprogramm und das Konzept einer neuen „Vertrauenspolitik“ der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye gesprochen, sagte eine Sprecherin von Yuns Ministerium. Es ist der erste Besuch eines Nato-Generalsekretär in Südkorea.

Trotz der Kriegsdrohungen des Landes reisen nach Angaben des Korea-Reisedienstes noch immer deutsche Touristen nach Nordkorea. Bisher hätten nur wenige Gäste ihre Touren storniert, erklärte der in Hannover ansässige Reisevermittler am Donnerstag auf Anfrage. Von nordkoreanischer Seite gebe es immer noch das Signal, dass Touristen willkommen seien und jeden Tag kommen könnten. Zu Feierlichkeiten zum 101. Geburtstag des verstorbenen Staatsgründers Kim Il-sung am Montag fliegen nach Angaben des Reisedienstes auch deutsche Touristen nach Pjöngjang.

Keine Panik im Süden

Der Korea-Reisedienst bezeichnet sich als Pionier bei der Entwicklung des nordkoreanischen Tourismus. Er arbeitet eng mit dem staatlichen Reiseveranstalter des kommunistischen Landes zusammen. Insgesamt reisten zuletzt etwa 600 bis 700 Deutsche pro Jahr nach Nordkorea.

In Südkoreas Hauptstadt Seoul, die gerade einmal 50 Kilometer von der schwer bewachten Grenze mit Nordkorea entfernt liegt, nahm das Leben gleichwohl weitgehend seinen normalen Lauf. Anzeichen von Panik gab es keine. Die Börse verbuchte den dritten Tag in Folge Gewinne. Präsidentin Park Geung-hye versicherte ausländischen Geschäftsleuten, dass ihr Land sicher sei. Auch dem Tourismus nach Südkorea schien die Krise nichts anzuhaben. Im März kamen Regierungsdaten zufolge knapp zwölf Prozent mehr Ausländer in das Land als vor einem Jahr, für April wurde ebenfalls mit einem Anstieg gerechnet. Luxushotels meldeten eine stabile Auslastung.