Wirtschaft

Land der begrenzten Möglichkeiten

Indien hat die Erwartungen seines Handelspartners Deutschland nicht erfüllen können

Angela Merkel musste es eigens erwähnen: Ihre Minister seien unterwegs; in diesem oder jenem Land, schwer beschäftigt mithin, entschuldigt also. Die Bilder, die die Fotografen von den zweiten deutsch-indischen Regierungskonsultationen am Donnerstag in Berlin gemacht haben zeigen also, wie deutsche Staatssekretäre ihre Unterschrift unter bilaterale Absichtserklärungen und Verträge setzen, während Indiens Regierungschef Manmohan Singh zuständige Minister und die Botschafterin des Landes aufgeboten hatte. Nur Forschungsministerin Johanna Wanka (CDU) vertrat das Bundeskabinett auf Augenhöhe.

Indien wird von deutscher Seite nicht mehr so wichtig genommen. Die schiere Größe des Landes spiegelt sich eben nicht automatisch in wirtschaftlichem und politischem Gewicht wieder. Zwar ist Deutschland innerhalb der EU für Indien der wichtigste Handelspartner, aber die Potenziale sind längst nicht ausgeschöpft. Die Erwartungen der Staaten aneinander waren offenbar zu hoch. Als die Kanzlerin 2007 nach Indien gereist war, nahmen sich die Länder vor, in fünf Jahren das Handelsvolumen von zehn Milliarden 2006 auf 20 Milliarden Euro zu steigern. Schon diese Zahl wirkt in Anbetracht der Einwohnerzahl Indiens von 1,2Milliarden nicht sonderlich hoch gegriffen. Erreicht wurde sie dennoch nicht. „Die Hoffnung, dass Indien den Anschluss an die Dynamik in China finden könnte, hat sich nicht erfüllt“, sagte Asien-Experte Friedolin Strack vom BDI der Berliner Morgenpost. Es mangle vor allem an Verbesserungen der Infrastruktur. Aufgrund der Bürokratie sowie des rigiden Arbeitsrechts sei das Geschäftsklima schwierig. So halten sich deutsche Firmen mit Investitionen zurück. Auch der Austausch der Menschen funktioniert nicht wie gewünscht. So studieren derzeit etwa 6000 Inder in Deutschland.

In Anbetracht dieser eher ernüchternden Zahlen bemühten sich die Politiker gar nicht groß um Schönfärberei. Singh beteuerte, das Wachstum nach knapp fünf Prozent im vergangenen Jahr schnell wieder auf 7,5 bis acht Prozent steigern zu wollen. Fünf Prozent, das klingt für deutsche Ohren noch immer gewaltig; der Wert steht jedoch für die geringste Dynamik der vergangenen zehn Jahre. Fünf Millionen Arbeitsplätze müsste Indien jedes Jahr schaffen, um seine junge Bevölkerung zu beschäftigen.

Viel verspricht sich die Kanzlerin von einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien. Überall, wo ein solches Abkommen geschlossen worden sei, habe sich der Handel belebt. „Es gibt jetzt eine Situation, in der ein solches Abkommen erreichbar scheint. Aber wir haben noch nicht alle Probleme überwunden“, sagte Merkel. Vor allem Pharmafirmen kämpfen mit indischen Gerichten. Es geht um Patentrechte und den Zugriff auf den riesigen indischen Markt. „Patentstreitigkeiten haben dem Ruf Indiens international sehr geschadet“, sagte BDI-Experte Strack.