Jugendbotschafter

Der Kanzler-Bono

Irischer Sänger startet in Berlin seine neue Kampagne gegen Armut in Entwicklungsländern

So eine Delegation empfängt auch die Kanzlerin nicht alle Tage: 50 Jugendliche, angeführt von einem internationalen Rockstar, haben Angela Merkel (CDU) am späten Montagnachmittag ganz offiziell einen Besuch abgestattet. Im Gepäck hatten U2-Leadsänger Bono und seine „Jugendbotschafter“ keine neuen Songs, sondern eine knallharte Forderung: Deutschland soll zu seinem Versprechen stehen, das Geld für die Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2015 von derzeit 0,38 auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu erhöhen.

Dafür kämpft Bono mit der von ihm mitgegründeten Lobbyorganisation „One“. Am Montag stellte „One“ Deutschland die Kampagne „Ich schaue hin!“ zur Bundestagswahl vor. Sie soll die bisherigen Erfolge der Entwicklungshilfe zeigen und Druck auf die Politiker machen, auch während des Wahlkampfs die Ärmsten der Armen nicht aus den Augen zu verlieren. Deutschland spielt nach Ansicht von Bono unter allen Industrieländern eine Schlüsselrolle. Dieses Land habe die „merkwürdige Angewohnheit“, seine Versprechen einhalten zu wollen. „Wenn aber Deutschland die Latte reißt, können das alle tun.“

Mit von der Partie beim Kampagnenstart war auch Herbert Grönemeyer. Er richtete einen ganz persönlichen Appell an die Kanzlerin – von Protestant zu Protestant: „Wir Protestanten können uns nicht loskaufen von unseren Sünden“, sagte er. Man könne sich daher auch nicht einfach an seinen Versprechen „vorbeischleichen“. Er wolle deshalb, gemeinsam mit Tausenden anderen Unterstützern von „One“, „Druck ausüben“ auf die Politik. „Wir können wunderbar nerven“, sagte Grönemeyer. „Und das macht richtig Laune.“

Das Jahr 2015 gilt als wichtiges Jahr in der internationalen Entwicklungspolitik. Bis zu diesem Stichjahr hatten die Vereinten Nationen im Jahr 2001 ihre acht Millenniumsziele für die Entwicklungspolitik formuliert, darunter die Bekämpfung von Armut und Hunger und die Senkung der Kindersterblichkeit. Danach soll eine neue Entwicklungsagenda folgen. Im Jahr 2015 wird Deutschland zudem den Vorsitz der Gruppe der acht führenden Industrienationen G8 haben.

Seit 1990 ist es gelungen, die Zahl derjenigen Menschen, die in extremer Armut leben müssen, zu halbieren. Als „extrem arm“ gilt per Definition, wer mit weniger als einem Euro am Tag auskommen muss.

Doch der Bonner Entwicklungsforscher Joachim von Braun warnte: „Die nächste Hälfte wird schwieriger.“ Geld müsse „smarter“ und effektiver eingesetzt werden als bisher, um die Armut zu bekämpfen. „Ein Weiter-so reicht nicht“, sagte von Braun zum „One“-Kampagnenstart. Ein wichtiger Schlüssel für bessere Entwicklung sei die Landwirtschaft. Mit besserer Bewirtschaftung könne es zum Beispiel in weiten Teilen Afrikas gelingen, mehr Menschen zu ernähren. 80 Prozent aller absolut armen Menschen der Erde sind nach Informationen von Brauns in nur zehn Ländern zu finden, allen voran Indien und China. Deutschland könne hier besonders in Bereichen unterstützen, in denen es selbst gut ist: der Forschung und der Sozialpolitik. Als wichtige weitere Politikschwerpunkte nannte von Braun die frühkindliche Ernährung in den ersten 1000 Lebenstagen sowie Investitionen in Infrastruktur- und Bildungsprojekte.

Die Organisation „One“ fordert die Regierungen auch auf, die Ausgaben und die Ergebnisse ihrer Entwicklungszusammenarbeit noch transparenter zu machen als bisher. Zudem gelte es, stärker mit zivilgesellschaftlichen Akteuren in den Zielländern zusammenzuarbeiten. Außerdem sollen die lokalen Regierungen vor allem bei Rohstoffgeschäften zur Offenlegung von Handelspartnern und Preisen gezwungen werden, um die Korruption einzudämmen.