US-Politik

„Stimmt doch!“

Heiße Debatte: Durfte der amerikanische Präsident die Schönheit der kalifornischen Staatsanwältin preisen?

Da sind die Empörten, die nicht ganz sicher sind, worüber sie sich empören sollen: Hat Barack Obama der kalifornischen Generalstaatsanwältin Kamala Harris Intelligenz und berufliche Fähigkeiten abgesprochen, indem er ihr Aussehen lobte? Oder hat er alle anderen Staatsanwältinnen beleidigt, weil er sie indirekt auf die Plätze zwei bis hässlich seiner Schönheitsrangliste verwiesen hat?

Da sind die Zwei-plus-zwei-Logiker, die versuchen, Ordnung in den täglichen Nachrichtenstrom zu bringen und die Rationalität vermeintlicher Zufälle entlarven wollen: Hat der Präsident seiner First Lady Michelle eins reinwürgen wollen? Die hatte sich wenige Stunden zuvor in einem Interview als „alleinerziehende Mutter“ bezeichnet, um dann rasch zu korrigieren, das sei sie natürlich nicht, aber „manchmal, wenn du einen Ehemann hast, der Präsident ist, kann es sich ein wenig allein anfühlen“. Und natürlich sind da die Spaßvögel, die beispielsweise auf Twitter fragen, wie es sich wohl anhört, wenn ein Mann eine Frau anruft und sich dafür entschuldigt, sie schön genannt zu haben. Oder die, wie die Illustrierte „Vanity Fair“, ein neues Wort erfinden für „sexuelle Belästigung“: „sexual Harris-ment“ statt „sexual harassment“.

In den Bann gezogen

Die Frage zog politische Kommentatoren, feuilletonistische Sprachdeuter und die Benimmtrainer der Nation in ihren Bann: Beging Barack Obama am Donnerstag bei einem Lunch mit Spendern für die Demokratische Partei in Atherton im kalifornischen Küstenbezirk San Mateo eine Missetat? Dass er im Begriff war, vermintes Gelände jenseits der politischen Korrektheit zu betreten, wusste der Präsident offenkundig, als er die mit ihm seit Jahren befreundete Harris in dem kleinen, gleichwohl nicht streng privaten Kreis lobte. Denn er schickte dies voraus: „Vorsichtshalber muss man, vor allem anderen, sagen, dass sie brillant ist, und sie ist engagiert und sie ist stark, und sie ist genau das, was man sich von jedem erhofft, der das Recht anwendet und sicherstellt, dass jeder fair behandelt wird.“

Nach diesem Intro folgte die vielfach skandalisierte Passage: „Sie ist außerdem die mit Abstand bestaussehende Generalstaatsanwältin im ganzen Land: Hier ist Kamala Harris.“ In den einsetzenden Applaus schob Obama nach: „Stimmt doch! Na los!“ Als die Anwesenden zu lachen begannen, wies er noch auf seinen persönlichen Bezug zur 2010 ins Amt gewählten Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners hin: „Und sie ist eine großartige Freundin und eine großartige Unterstützerin seit vielen, vielen Jahren.“

Die Bemerkung hat zu einem Rainer-Brüderle-Moment in der amerikanischen Innenpolitik geführt. Ist der Präsident ein Sexist, wenn er die attraktive Erscheinung einer Politikerin anpreist? Oder ist er gar „mehr wölfisch als sexistisch“, wie es eine Journalistin in der „Los Angeles Times“ wertet? Amerika erlebt wieder einmal eine Debatte über Political Correctness. Der Begriff, der in den 70er-Jahren in linken Milieus entstand und zunächst eine Art augenzwinkernder Schutzschild gegen Orthodoxe in den eigenen Reihen bildete, machte in den 90er-Jahren Karriere. Durch ihn wurden Behinderte zu „körperlich (oder geistig) Herausgeforderten“, Eskimos zu „Inuits“, Neger zuerst zu „Schwarzen“ und dann zu „Afroamerikanern“ (inzwischen dürften sie allerdings auch wieder als „blacks“ bezeichnet werden, während das „N-word“ weiterhin völlig geächtet ist) und „Weihnachten“ zu „X-mas“ oder „Holidays“, um die Gefühle von Nichtchristen zu schonen.

Als Begleitboot der Political Correctness entstand die feministisch inspirierte „sexual correctness“. Zwar ist es eine Legende, dass jeder kluge Mann in den USA einen Aufzug verlasse, wenn eine einzelne Frau zusteige, weil er ansonsten Angst haben müsse, wegen eines anzüglichen Blicks oder eines sonstigen angeblichen Fehlverhaltens vor den Kadi gezerrt zu werden. Aber übers Aussehen von Kollegen und erst recht von Untergebenen redet man nicht mehr, jedenfalls nicht öffentlich, und die lasziven Sekretärinnen und Po-tätschelnden Chefs aus den Zeiten der Schwarz-Weiß-Filme überlebten vermutlich nicht einmal in der tiefsten US-Provinz. Darum musste sich auch Obama für seine Bemerkungen entschuldigen. Zum einen durch besagten Anruf, zum anderen über seinen Sprecher Jay Carney, der den Reportern im Weißen Haus ungelenk versicherte, der Präsident bitte um Entschuldigung für die „Ablenkung“, die er durch seine Bemerkung ausgelöst habe. Carney wand sich allerdings um Antworten auf Fragen, ob Obama seine eigenen Worte als „unangemessen“ oder „erniedrigend“ empfunden habe. „Obama braucht Training in Geschlechtssensitivität“, befand Kommentator Jonathan Chait im Magazin „New York“, und er beschrieb die Seelenpein des linken Amerika: „Für den Präsidenten, der ein kulturelles Vorbild wurde für viele Anhänger in vielen anderen Bereichen, ist das Beispiel, das er hier gibt, beschämend.“

Scheinheilige Debatte

Dabei ist die Debatte über Äußerlichkeiten und darüber, ob man sie wahrnehmen darf, gerade in den USA arg scheinheilig. Nirgendwo sehen Fernsehmoderatorinnen (und Fernsehmoderatoren) so sexy aus wie in den USA, und die wenigen Ausnahmen der Regel bestätigen, dass man, mehr noch als in Europa, ein Blickfang sein muss, um vor der Kamera zu landen. Hirn alleine reicht selten. Harris hat übrigens inzwischen versichert, dass sie Obama weiter unterstützt, und auch sonst deutet nichts darauf hin, dass sie schwer an den Worten des Präsidenten trägt. Der fertigte übrigens im Mai 2008, Monate vor seiner Wahl, eine zwischenrufende Journalistin mit der Antwort ab: „Warten Sie eine Sekunde, Sweetie...“ – auch damals musste er sich entschuldigen.