Militär

Das Schattentheater der Nordkoreaner

Pjöngjangs Generäle kündigen Atomangriffe auf die USA an. In Wahrheit aber erklären sie nur, Südkorea schonen zu wollen

Pjöngjang hat eine finstere Drohung gegen die Vereinigten Staaten ausgestoßen, die keine ist. In einer Mitteilung heißt es: „Wir informieren offiziell das Weiße Haus und das Pentagon darüber“, dass man gegen die USA mit Atomwaffen vorgehen werde und der Befehl für „gnadenlose Operationen“ nunmehr „endgültig geprüft und genehmigt“ worden sei. Das klingt dramatisch.

Bei näherem Hinsehen freilich ist diese Verlautbarung keine Kriegsandrohung, sondern eine verkappte Rückzugserklärung. Sie ist auch weniger an die USA gerichtet als an Südkorea. Weil Pjöngjang aber seit Jahrzehnten in seiner nationalistischen Propaganda gefangen ist, müssen derartige Stellungnahmen mit martialischer Geste vorgetragen werden, um das Gesicht zu wahren.

Das Schattentheater beginnt bereits mit dem Absender. Die Erklärung stammt nicht vom „Oberkommando der Koreanische Volksarmee“, sondern nur vom Generalstab. Das Oberkommando ist die Entscheidungsebene im Kriegs- und Spannungsfall, ihm sitzt Kim Jong-un vor, und das Kommando ist derzeit aktiviert. Der Generalstab ist lediglich die technische Verwaltungsebene der Streitkräfte. Seine Erklärung, ein Operationsplan sei genehmigt, ist als akute Drohung so wenig wert wie eine Mitteilung des Pentagons, man habe die Eventualpläne für Nordkorea überarbeitet. Das Pentagon entscheidet nicht über deren Umsetzung. Darüber entscheidet Barack Obama. In Pjöngjang entscheidet über solche Pläne Kim Jong-un, er allein.

Das hat Nordkoreas Schattenparlament am 1. April in einem „Gesetz über die Atomwaffen“ festgelegt. Die Waffen könnten nur „auf Befehl des Oberkommandierenden“ eingesetzt werden, heißt es dort unter Punkt 3. Die wahre Botschaft Pjöngjangs ist in der Verlautbarung des Generalstabs hinten versteckt und bezieht sich auf Südkorea. Man habe Seoul ja schon mitgeteilt, militärische Maßnahmen zu erwägen. Dann schreiben die Generäle unter Nennung des südkoreanischen Verteidigungsministers Kim Kwan-jin: „Militärische Marionettengangster wie Kim Kwan-jin freilich sind menschlicher Abschaum, der es nicht wert ist, ein Ziel der revolutionären bewaffneten Kräfte der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik Korea zu sein.“

Mit anderen Worten: Wir halten still. Die Kriegsandrohung ist eine Nichtangriffserklärung. Sie ist zwar jederzeit widerrufbar, weil eben nur vom Generalstab formuliert. Aber sie liegt auf dem Tisch – unter anderem als Antwort auf eine Ankündigung Seouls. Südkorea hatte gesagt, es werde die von Seoul und Pjöngjang gemeinsam betriebene Produktionssonderzone Kaesong notfalls militärisch befreien, sollte Nordkorea die rund 600 dort verbliebenen Südkoreaner als Geiseln nehmen.

Um den Rückzug zu verbrämen, werden die USA hart angefasst. Der vorletzte Absatz der Mitteilung enthält die Atomdrohung an die USA. Im letzten Satz kassiert der Generalstab sie sofort wieder ein. Denn die Verlautbarung endet so: „Die USA sollten über die herrschende ernste Lage nachdenken.“

Nachdenken. Das in der Tat ist Pjöngjangs Wunsch – dass Barack Obama nachdenken und dann Nordkorea einen Dialog von Atommacht zu Atommacht anbieten möge. Gespräche mit den USA auf gleicher Augenhöhe hätte Kim Jong-un nur zu gerne. Nicht gerne hingegen hätte er einen Krieg auf der Halbinsel. Die Sonderzone Kaesong ist ein durchaus erfolgreicher kapitalistischer Probelauf auf nordkoreanischem Boden. Die Zone ist mit knapp fünf Quadratkilometern nahezu so groß wie das Wolfsburger VW-Areal. Sie ist ein wichtiger Devisenbringer. Kim will sie nicht ernsthaft gefährden. In der DDR hatte der Devisenzar Alexander Schalck-Golodkowski in den 80-er Jahren dieselbe Idee. Eine Sonderzone sollte östlich von Lübeck entstehen. Das SED-Politbüro lehnte ab.

Wie 1971 die SED

Die Zone Kaesong ist aber für Deutsche ein gutes Beispiel koreanischer Theaterspiele. Die Autobahn nach Kaesong hat Nordkorea schon mehrmals kurzzeitig blockiert. Die Sperrung ist ein Druckmittel, so wie vor 1971 auf den Transitwegen nach Berlin. Damals wusste die SED genau, wo die rote Linie verlief, jenseits derer Russen und Amerikaner unruhig geworden wären. Die DDR und Moskau wollten mit den Blockade-Aktionen ein Abkommen über West-Berlin erzwingen, dessen Hauptziel die Anerkennung der DDR sein sollte. Die Strategie ging auf. Dem Berlin-Abkommen von 1971 folgte die Aufnahme beider deutscher Staaten in die UN.

Kim Jong-un möchte mit seinen Kriegsspielen vermutlich Ähnliches erreichen – Gespräche von Gleich zu Gleich mit den USA, vielleicht sogar eine Konferenz zwischen beiden Koreas, den USA, China und Russland, um den Waffenstillstand von 1953 durch eine neue Vertragslage abzulösen. Eine solche Konferenz würde Kim Jong-un auf Jahre hinaus einen weltpolitischen Logenplatz sichern. Sobald dort feierlich miteinander geredet würde, hätte er ein neues Druckmittel in der Hand. Er könnte, wie schon sein Vater, dauernd mit dem Abbruch dieser Konferenz drohen und die Gesprächspartner so bei der Stange halten, während er seine Rüstung ausbaut. Kim Jong-il hatte das bei den Atomgesprächen so gehalten – und ließ seine Experten an genau den Waffen feilen, über deren Abschaffung er mit dem Westen, Russland und China redete.