Wahlkampf

Der Peer von der Post

SPD-Kanzlerkandidat stempelt Marken zu Ehren von Ferdinand Lassalle

– Am Donnerstagmorgen ist im Innenhof des Willy-Brandt-Hauses direkt vor der überlebensgroßen Statue von Willy Brandt ein kleines Postamt aufgebaut. Warum das so ist, kann man dem Schaubild auf dem wuchtigen Flatscreen entnehmen. Die Post erinnert mit Ersttagsblatt und „Sonderpostwertzeichen“ an den 150. Geburtstag der SPD. Für Philatelisten und Parteifreunde gibt es zudem einen einzigartigen Stempel mit dem Konterfei von Ferdinand Lassalle, nur an diesem Tag, nur an diesem Ort. Dafür hält sich der Andrang – abgesehen von den Kamerateams – in Grenzen.

Mitarbeiter des Willy-Brandt-Hauses und ein paar Journalisten erwerben die ersten Briefmarken, Umschläge und Ersttagsblätter spöttelnd. Der Sonderbriefumschlag mit dem Logo der SPD und einem Bild des Leipziger Pantheons ist luxuriös frankiert – mit 1,45 Euro. Ob das ein Brief nur für Reiche sei? Oder die Anzahlung für einen Pinot Grigio? Wird das Versenden eines Briefes unter Rot-Grün so teuer werden? Nein, die 145 auf der Briefmarke sind näher dran an den „150“, spöttelt es zurück.

Es lohnt, die Briefmarke genauer zu studieren. Sie zeigt die Traditionsfahne der SPD, 1873 zum 10. Gründungstag des ADAV, der ersten Arbeiterpartei Deutschlands, gefertigt. In der Tradition der Französischen Revolution steht in großen weißen Lettern auf rotem Stoff eingestickt „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Die Freiheit stand an erster Stelle, das war ein Vermächtnis, von dem sich die SPD im Augenblick sehr weit entfernt hat. Im Innenhof hängen die Banner der aktuellen Kampagnen. Da wird Gleichheit gefordert, Gerechtigkeit, Solidarität und faire Löhne, aber das Wort Freiheit findet sich nirgendwo, nur auf der Traditionsfahne der SPD, die auf der winzigen Briefmarke abgebildet ist. Es folgt der Auftritt eines freien Geistes, Peer Steinbrück. Gut gelaunt tritt er Journalisten und Genossen entgegen. Er hält ein kleines Referat über Lassalle, die Anfänge seiner Partei und den Gothaer Parteitag. Mit den unaufgeregt stolzen Postbeamten fachsimpelt er über den Kunstbeirat, jenes Gremium, das den Bundesfinanzminister bei der Auswahl der Briefmarkenentwürfe berät. „Als Junge habe ich auch gesammelt“, gesteht Steinbrück.

Drei bis vier Alben müsse er noch haben. Schwerpunkte seiner Sammlerleidenschaft waren Marken aus der Kolonialzeit, der Weimarer Republik und der Zeit bis 1945 gewesen. Mit seinem jüngeren Brüder läge er überkreuz, weil dieser ihm vorwirft, dessen Briefmarkensammlung kassiert zu haben. Angeblich für ein paar Legosteine, wie Steinbrück lächelnd ergänzt. „Gewissensbisse?“, fragt eine ältere Dame. „Nein, bis heute nicht. Einige behaupten ja, hätte ich nie.“

Die Postbeamten sind zufrieden, wie ruhig und konzentriert Steinbrück stempelt. „Sie würde ich sofort einstellen“, lobt der junge Mann den Kanzlerkandidaten. „Vielleicht komme ich darauf zurück“, feixt Steinbrück.