Interview

„Wir haben Großartiges geleistet“

Generalmajor Vollmer über die Erfolge der Bundeswehr in Afghanistan – und darüber, wie sich die Truppe verändert hat

Die Bundeswehr bereitet sich auf das Ende ihres Afghanistan-Einsatzes vor. Der Auftrag ist bis 2014 befristet. Generalmajor Jörg Vollmer ist seit Ende Februar Chef der knapp 10.000Isaf-Soldaten aus 17Ländern in Nordafghanistan. Im Gespräch mit Simone Meyer zieht er eine Einsatzbilanz.

Berliner Morgenpost:

Dies ist Ihr zweiter Einsatz als Kommandeur des Isaf-Regionalkommandos in Nordafghanistan. Was ist heute anders als vor drei Jahren?

Jörg Vollmer:

Der wesentliche Unterschied ist, dass es heute etwa drei Mal so viele afghanische Sicherheitskräfte gibt wie damals. Armee und Polizei sorgen inzwischen allein für die Sicherheit ihrer Bürger, in allen neun Provinzen. Dafür haben sie jetzt das Personal, das Material, die nötige Ausbildung. Es gibt zwar immer noch Raum für Verbesserungen, aber da ist ein großer Sprung nach vorn passiert.

In der ersten Provinz, in der die Bundeswehr ein Feldlager geschlossen hat, gibt es zurzeit große Probleme: In Badakschan werden kriminelle Gruppen aktiver, die afghanischen Sicherheitskräfte führen blutige Kämpfe. Sie haben wieder Soldaten zur Unterstützung geschickt. Kann das auch in Kundus passieren, wenn die Bundeswehr dort im Herbst ihr Feldlager schließt?

Man kann so etwas nirgends ausschließen. Man kann nur den Schluss ziehen, dass die afghanischen Sicherheitskräfte mit der Sicherheitslage bestens vertraut sind – es ist ja ihr Land. Mit der organisierten Kriminalität müssen sie fertigwerden, sie schaffen das auch. In den Provinzen Kundus und Baghlan haben wir die höchste Zahl afghanischer Sicherheitskräfte im Vergleich aller neun Provinzen hier im Norden Afghanistans. Ob sich meine optimistische Lageeinschätzung am Ende bewahrheitet, wird man aber erst in vier, fünf Jahren sehen.

Dann wird der Afghanistan-Einsatz für die Bundeswehr fast Geschichte sein. Der Abzug ist im Moment das große Thema. Ist er inzwischen auch Ihr Hauptauftrag?

Nein. Der lautet, bis zum 31.Dezember 2014 die Sicherheit in allen neun Provinzen zu gewährleisten und die Afghanen zu unterstützen. Nichtsdestotrotz beschäftigt uns die Rückverlegung natürlich schon sehr. Jeder hier betrachtet es als große Herausforderung, all das Material und die Geräte sicher und geordnet nach Hause zu bringen. Gerade weil das so eine gewaltige Aufgabe ist, haben viele Soldaten regelrecht Freude an dieser Herausforderung.

Überwiegt die Freude an der logistischen Herausforderung – oder die Freude darüber, dass dieser Einsatz endlich vorbeigeht?

Das bestimmende Gefühl ist, dass wir hier Großartiges geleistet haben. Wir hinterlassen deutlich bessere Rahmenbedingungen, als wir sie 2002 vorgefunden haben. Sodass wir erhobenen Hauptes sagen können: Auftrag erfüllt. Nun liegt es in der Verantwortung des afghanischen Staates, selbstständig fortzuführen, was wir ihm an Möglichkeiten gegeben haben.

Sind die afghanischen Sicherheitskräfte wirklich fit genug, um allein zu agieren?

Wir könnten hier noch lange bleiben. Das ist wie beim Erlernen einer Fremdsprache: Man erreicht relativ schnell ein Niveau von 80Prozent, dann sitzen Grammatik und Vokabeln. Bis man aber wie ein Muttersprachler redet, das dauert noch viel länger als die Ausbildung davor. Bei den afghanischen Sicherheitskräften haben wir es jetzt geschafft, qualitativ auf ein Niveau von 80 bis 85Prozent zu kommen. Um die 100 zu erreichen, wäre ungleich mehr Zeit nötig, als wir sie bisher investiert haben. Uns ist es jedenfalls gelungen, quasi aus dem Nichts heraus die afghanischen Sicherheitskräfte überhaupt aufzubauen. Damit muss man dann auch zufrieden sein. Irgendwann ist ein Schlussstrich nötig.

Eine Portion Pragmatismus auch?

Genau. Man kann nicht 100Prozent erwarten wie vielleicht zu Hause. Es reichen auch 80Prozent, wenn die gut funktionieren. Es muss nicht immer die Goldrandlösung sein. Wobei: Wenn man sich die Liegenschaften anschaut, die wir hier den Afghanen übergeben, dann sind da einige auf einem Standard, der ist manchmal...

...besser als in den Kasernen daheim?

(lacht) Das haben Sie gesagt.

Sind Sie denn mit der Ausstattung Ihrer Truppe zufrieden? Oder gibt es dringende Missstände, die Sie dem Wehrbeauftragten mitgeben, wenn er Sie in Afghanistan besucht?

Verbesserungsbedarf gibt es immer. Wenn man aber zurückschaut auf den Beginn, stelle ich fest: Wir werden als eine völlig neu ausgerüstete und deutlich professionellere Bundeswehr aus Afghanistan zurückkehren. Gerade seit 2009 wurde viel Material gezielt beschafft, andere Nationen haben das nicht so schnell hinbekommen. Das darf man bei aller Kritik schon mal dankbar sagen.

Wie hat sich die Bundeswehr mental verändert?

Uns alle hat verändert, dass wir in massiven und verlustreichen Gefechten unseren Mann und unsere Frau gestanden haben. Wir werden aus Afghanistan mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein nach Hause kommen.

Wird Deutschland im Norden eine führende Rolle behalten?

Wenn, dann wären wir darauf angewiesen, möglichst viele Partner zu finden. Beispielsweise bewachen schon jetzt Armenier und Mongolen unsere Feldlager. Wir werden uns auch genau überlegen müssen, was wirklich in militärischer Hand bleiben muss oder an zivile Firmen vergeben werden kann. Hierzu gibt es auch schon erste Gedanken. Am Ende macht es die Summe aller Teile.

Können Sie das nächste Mal als Tourist wieder nach Afghanistan kommen?

Ich würde mir wünschen, dass das in fünf, sechs Jahren möglich ist. Aber eine Prognose will ich nicht abgeben.