FDP

Genschers Brückenschläge

Buch mit Christian Lindner: Der FDP-Übervater kürt seinen politischen Erben

Es ist ein interessantes Genre, das sich da auf dem politischen Büchermarkt entwickelt hat. Offiziell firmiert es unter dem Titel „Generationengespräch“: Elder Statesman trifft jüngeren Politiker zum Gedankenaustausch. Man redet über Wege in die Politik, die Partei, frühere und aktuelle Herausforderungen für Deutschland, Europa und die Welt.

Inoffiziell aber steckt noch etwas anderes hinter diesen Büchern. Der Ältere bietet dem Jüngeren die Gelegenheit zu zeigen, was in ihm steckt. Es geht um die Transformation von Ansehen, Glaubwürdigkeit, um ein Signal an die breite Öffentlichkeit: Seht her, das ist der Mann, dem ich zutraue, mein politisches Lebenswerk fortzuführen.

Helmut Schmidt und Peer Steinbrück haben das jüngst in Perfektion vorgeführt. „Zug um Zug“ heißt ihr gemeinsames Buch, erschienen im Herbst 2011, in einer Zeit also, als die SPD über die Frage debattierte: Wer ist der beste Kanzlerkandidat? Der Weltökonom Schmidt hob seinen Lieblingsschüler Steinbrück aufs Schild, die Partei folgte diesem Rat ihres Altkanzlers wenig später.

Nun legen Hans-Dietrich Genscher und Christian Lindner ebenfalls ein Buch vor. Es trägt den Titel „Brückenschlag – Zwei Generationen, eine Leidenschaft“. Die Botschaft ist auch hier eindeutig: Genscher, Jahrgang 1927, 18 Jahre Außenminister, elf Jahre FDP-Chef und heute Ehrenvorsitzender seiner Partei, empfiehlt Lindner, Jahrgang 1979, Landesvorsitzender und Fraktionschef seiner Partei in Nordrhein-Westfalen, als künftigen FDP-Spitzenmann.

Nachzulesen ist das auf der letzten Seite. Da sagt Lindner: „Um es frei nach Richard von Weizsäcker zu sagen: Unserer Partei sollte Brücken bauen, statt Gräben zu festigen.“ Und Genscher schließt: „Ja, schlagen Sie Brücken, Herr Lindner. Sie können das.“ Da gibt es nichts misszuverstehen.

Allerdings liegen die Dinge bei der FDP etwas komplizierter als bei den Sozialdemokraten. Denn derzeit steht gar keine Personalentscheidung an, alle Posten wurden vor ein paar Wochen erst vergeben. In ihrem Gespräch beteuern Genscher und Lindner denn auch, dass sie die aktuelle Führungsrolle des Vorsitzenden Philipp Rösler und des Spitzenkandidaten für die Bundestagwahl, Rainer Brüderle, nicht infrage stellen wollen. Dieses Duo habe einen „Anspruch auf die Unterstützung der gesamten Partei“, sagt Lindner. Auch Genscher mahnt zu einer „loyalen Unterstützung der Parteiführung durch alle Mitglieder“.

Gut möglich, dass die beiden Autoren deshalb auch auf die sonst übliche Buchpräsentation durch den Verlag vor der versammelten Hauptstadtpresse in Berlin verzichteten – eine durch entsprechende Nachfragen befeuerte, neuerliche Personaldiskussion würde diese Loyalitätsbekenntnisse konterkarieren. Werben wollen die beiden natürlich dennoch für ihr Werk, allerdings in weniger gefahrvoller Form: Dem Vorabdruck einer ausgewählten Passage im „Handelsblatt“ wird ein Auftritt in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz folgen – für geschulte Rhetoriker wie Genscher und Lindner eine Herausforderung mit überschaubarer Fallhöhe.

Anders als im Fall Steinbrück gibt es für Lindner auch keinen Grund zur Eile. Für den 66-jährigen Sozialdemokraten ist die Bundestagswahl die letzte Chance, bundespolitisch zu reüssieren. Lindner ist erst 34 Jahre alt.