Konflikt

Gefährliches Treiben in Nordkorea

Langstreckenraketen startklar Richtung USA: Eine ernsthafte Bedrohung oder nur ein Bluff?

Nordkoreas Regime hat drei Wochen nach der atomaren Erstschlagdrohung gegen die USA seine Langstreckenraketen-Einheiten in ständige Bereitschaft versetzt. Als Reaktion auf die jüngsten Übungsflüge atomwaffentauglicher US-Bomber in Südkorea erteilte Machthaber Kim Jong-un in einer nächtlichen Dringlichkeitssitzung den Militärs den Befehl, die strategischen Raketen auf einen möglichen Einsatz vorzubereiten. Das berichteten die Staatsmedien.

Veröffentlicht wurde ein Bild, auf dem Kim Jong-un und hochrangige Offiziere vor einer Landkarte zu sehen waren, während sie auf mögliche Angriffsziele an der amerikanischen Ost- und Westküste deuteten. Die Karte trug den Titel „Angriffsplan für das amerikanische Festland“. Auf dem Foto, das teilweise manipuliert zu sein schien, wirkte ein ungewöhnliches Detail echt: Kim hatte ein Pflaster auf dem linken Arm. Angesichts der Lage sei es „an der Zeit, eine Rechnung mit den US-Imperialisten zu begleichen“, habe Kim gesagt. Später seien Zehntausende von Zivilisten und Soldaten zu einer Massenkundgebung in Pjöngjang zusammengekommen, um den Befehl des Machthabers zu unterstützen, berichtete das staatliche Fernsehen. Das Regime organisiert regelmäßig solche Massenveranstaltungen, um eine Einheit zwischen Staatsführung und Volk zu demonstrieren. Experten bezweifeln, dass Nordkorea ein Angriff über Tausende Kilometer gelingen würde. Die US-Armee hatte am Donnerstag nach eigenen Angaben im Rahmen gemeinsamer Militärübungen zwei Tarnkappenbomber des Typs B-2 Spirit zur Abschreckung nach Südkorea entsendet.

„Wir müssen klarmachen, dass wir diese Provokationen aus dem Norden sehr ernst nehmen und dass wir darauf antworten werden“, sagte US-Verteidigungsminister Chuck Hagel in Washington. Die Flüge der B-2-Langstreckenbomber seien allerdings reguläre Übungen und nicht als Affront gegen Nordkorea gedacht gewesen. Russland warnte vor „militärischen Muskelspielen“ auf der Halbinsel. Die Lage könne außer Kontrolle geraten, sagte Außenminister Sergei Lawrow. Mit Sorge sehe Russland die militärischen Handlungen in der Region. „Das führt zu einem Teufelskreis.“ Die Spannungen dürften nicht dazu genutzt werden, geopolitische Fragen in der Region mit Kriegsmitteln zu lösen.

Nordkoreas Führung kündigte an, die eigenen Raketen sollten bei einer „rücksichtslosen Provokation“ jederzeit abgefeuert werden können. Als mögliche Ziele wurden das Festland der USA, deren Militärstützpunkte auf Hawaii, Guam und andere Gebiete im Pazifik sowie Ziele in Südkorea genannt. Im zugespitzten Konflikt um seine Raketen- und Atomprogramme hatte Nordkorea am 7. März den USA mit einem atomaren Erstschlag gedroht. Südkoreanische Medien berichteten unter Berufung auf Militärkreise, an den Raketenstützpunkten in Nachbarland seien auffällig rege Bewegungen von Fahrzeugen und Soldaten zu beobachten. Raketenstarts als Provokation seien nicht ausgeschlossen. Nordkorea verfügt zwar nach Meinung von Experten nicht über die Kapazitäten für einen direkten Atomangriff auf die USA. Doch befürchten Südkorea und die USA, das Land könne andere militärische Provokationen unternehmen. Nordkoreas Militär hatte bereits am Dienstag erklärt, die Feldartillerie- und strategischen Raketeneinheiten seien in höchster Alarmbereitschaft. Mit der jüngsten Drohung will das weithin abgeschottete Regime in Pjöngjang nach Ansicht von Beobachtern zeigen, dass es sich durch die Demonstration militärischer Stärke durch die USA nicht einschüchtern lässt. US-Verteidigungsminister Hagel hatte zuvor gemahnt, dass die Bündnispartner „auf alle Eventualitäten“ vorbereitet sein müssten.

Unterstellungen aus Pjöngjang

Erneut unterstellte Pjöngjang jetzt den USA, einen Nuklearkrieg vorzubereiten. Mit den Flügen von B-2-Bombern über Südkorea wollten die USA ein entsprechendes Ultimatum setzen, sagte Machthaber Kim Jong-un laut den Staatsmedien. Das sei keine reine militärische Machtdemonstration mehr. Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel hatten sich seit dem dritten nordkoreanischen Atomtest im Februar deutlich verschärft. Angesichts der Ausweitung von UN-Sanktionen wegen des Tests und der jährlichen amerikanisch-südkoreanischen Militärübungen hatte Nordkorea den Waffenstillstandsvertrag von 1953 zur Beendigung des Koreakriegs gekündigt. Trotz der Spannungen ließ Nordkorea weiter Hunderte Pendler aus Südkorea ein- und ausreisen. Tag für Tag kommen Südkoreaner zum Arbeiten in den gemeinsamen Industriekomplex in der Grenzstadt Kaesong. Beobachter vermuten, Nordkorea habe bisher den Betrieb in dem Gewerbekomplex aufrechterhalten, weil er eine wichtige Deviseneinnahmequelle sei.

US-Außenminister John Kerry reist nächste Woche zu Gesprächen nach Seoul, Tokio und Peking. Die USA stünden „Schulter an Schulter mit unseren Verbündeten in Südkorea“, hieß es.