Interview

„Feier mit dem Papst? Herzlich gern!“

Margot Käßmann über das Gedenken an Luther und die Versöhnung mit der katholischen Kirche

Nach einer Zeit größter Unruhe wegen ihres Rücktritts als Bischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 2010 befindet sich Margot Käßmann,54, wieder in ruhigerem Fahrwasser. Als „Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017“ soll sie dafür sorgen, dass die Anliegen des Protestantismus deutlich werden, wenn in vier Jahren das 500.Jubiläum von Martin Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel begangen wird. Matthias Kamann sprach mit Käßmann über die Chancen und Schwierigkeiten der Evangelischen beim Gedenken an die Reformation.

Berliner Morgenpost:

Frau Käßmann, richten wir den Blick zunächst mal voraus auf Ostern: Wie kommt es, dass so viele Osterbräuche mit dem Frühstück zu tun haben?

Margot Käßmann:

Weil Ostern das Fest des Morgens ist. Es ist Morgen, als – so erzählt es die Bibel – die Frauen zum leeren Grab kommen. Nachdem Jesus am Karfreitag gestorben ist, der Karsamstag Leere und Angst verbreitet hat, entdecken wir am Sonntagmorgen neues Leben, den auferstandenen Christus. Die Osternacht endet mit dem ersten Licht des Tages, eine schöne Symbolik für die Auferstehung. Und danach geht es fröhlich zum Osterfrühstück.

Welchen Akzent setzt die Reformationsbotschafterin beim Nacheinander von Karwoche und Ostern?

Erst einmal würde ich von einer schönen ökumenischen Gemeinsamkeit sprechen. Alle Christen der Welt feiern, dass in der Auferstehung Leid und Tod überwunden sind. Für Martin Luther war dabei die fast sinnliche Erfahrung von Gnade entscheidend. Die ganze Verstrickung in Angst, Schuld und Scheitern wird überwunden. Es geht nicht um ein Nacheinander, sondern ein Ineinander: Ohne Karfreitag wird Ostern harmlos, ohne Ostern wird Karfreitag zum Abgrund.

Was aber für Luther wichtig war – Jesu Tod für meine Sünden zur Errettung vor der Verdammnis –, das ist doch vielen Menschen heute fremd.

Das ist tatsächlich ein Problem. Luther war von einer mittelalterlichen Angst getrieben, die heute nur sehr schwer nachzuvollziehen ist. Aber Ängste gibt es auch heute reichlich, etwa, dass mein Leben sinnlos ist, ich nicht mithalten kann, versage. Dass Gott uns Anerkennung oder auch Würdigung schenkt, kann die Erfahrung Luthers übersetzen. Ich denke, dass Liebe der stärkste Begriff ist, weil das Voraussetzungslose so deutlich wird.

Bekommt man nicht Anerkennung, Würdigung und Liebe auf gute Weise auch von anderen? Von Ehepartnern, Eltern, Kindern, Freunden?

Sicher, deshalb sind es ja gute Bilder, um heute von Luthers Suche nach dem gnädigen Gott zu sprechen. Für Luther war eine Welt unvorstellbar, in der die Säkularität so weit um sich gegriffen hat, dass viele Menschen auch ohne die Gottesfrage leben. Dies ist ein derart neuzeitliches und speziell westeuropäisches Phänomen, dass die Ferne zu Luther sehr deutlich wird. Aus meiner Erfahrung als Pfarrerin aber weiß ich: Wenn es an die Grenzen des Lebens geht, kommen die ganzen Glaubensfragen zurück. Es geht um einen Halt, der mich auch im Tod und über ihn hinaus trägt.

Heißt das aber nicht, dass die Kirche eifrig nach dunklen Seiten suchen muss, um noch Glaubensbegründungen zu finden? Was für einigermaßen glücklich lebende Menschen bedeutet, dass es für sie kaum Gründe gäbe.

Natürlich nicht. Bei jeder Taufe, jeder Trauung können Sie erleben, wie Menschen ihr Glück dankbar aus Gottes Hand nehmen, um Segen bitten. Aber viele verdrängen heute die eigenen Grenzen, sie drücken sich vor den letzten Fragen. Glaube ist eine Lebenshaltung in guten und in schweren Tagen. Sie wird eingeübt. Ich versuche immer wieder zu vermitteln, dass die Beziehung zu Gott eine ist wie die zu einem lange Jahre vertrauten Menschen. Sie wächst im Gespräch, im Gebet, die Verbindung und das Vertrauen werden tiefer, du teilst Freud und Leid.

Ist das Gottesbild der evangelischen Kirche zu positiv? Fehlt nicht die Furcht vor Gott?

Das wird ja oft gesagt: Wir verkündigten einen weichgespülten Gott und würden den zornigen und strafenden Gott verdrängen. Mir fällt dann immer die Geschichte von jenen Kindern ein, die im Garten das Pfarrers Äpfel klauen, woraufhin der Pfarrer ein Schild aufstellt: „Gott sieht alles“. Die Kinder jedoch schreiben darunter: „Aber Gott petzt nicht“. Ein gutes Bild: Ja, Gott sieht alles, ich bin in meinem Handeln völlig transparent vor Gott. Aber das führt nicht zu Angst, sondern erlegt mir eine derart große Verantwortung für mein Handeln auf, dass es nicht mehr nötig ist, diesem Gott eine zornige Lust an der Strafe zuzuschreiben.

Sie sind seit knapp einem Jahr Reformationsbotschafterin. Was sind Ihre Erfahrungen: Was interessiert die Leute an Luther, was bleibt fremd?

Zunächst stelle ich ein enormes historisches Interesse fest. Eine in ihrer Pluralität verunsicherte Gesellschaft findet es offenbar spannend, ihre Herkunft zu ergründen und etwa die frühe Geschichte der heutigen Meinungs- und Gewissensfreiheit in der Reformation zu betrachten. Auch die Entstehung der konfessionellen Trennung ist von Interesse.

Einige Historiker werfen Ihnen vor, dass Sie manche angebliche Linie aus der Reformationszeit in die Gegenwart viel zu kräftig zeichnen und Luther vereinnahmen, etwa für die Frauenordination in der heutigen evangelischen Kirche.

Das ist – mit Verlaub gesagt – Unsinn. Luthers Tauf-Theologie besagt, dass Mann und Frau, wenn sie aus der Taufe gekrochen sind, bereits Priester, Bischof und Papst sind. Daraus folgt logisch, dass auch Frauen jedes kirchliche Amt erhalten können – die evangelischen Kirchen haben lange gebraucht, das umzusetzen, aber Frauenordination ist Folge reformatorischer Theologie.

Die katholische Kirche sieht das jedoch anders. Wie sehr trennt die Besinnung auf die Reformation die Konfessionen?

Erst einmal verbindet die Erinnerung. Wir waren eine gemeinsame Kirche, die im 16.Jahrhundert getrennte Wege gegangen ist. Die römisch-katholische Kirche ist ja auch tief greifend verändert. Die Wiederannäherung in vielen Fragen, das ökumenische Miteinander, lässt sich gemeinsam feiern.

Vieles aber trennt.

Ja, und für den Umgang damit schlage ich ein Verständnis von Toleranz vor, das weit mehr ist als Duldung oder Respekt, sondern gegenseitige Wertschätzung. Mir bleiben das Papsttum, der Marienkult, die Heiligenverehrung, das Amts- und Abendmahlsverständnis fremd. Ich schätze aber die römisch-katholischen Geschwister, bin an ihnen interessiert, freue mich mit, etwa wenn sie sich über den neuen Papst freuen, und leide zuweilen auch mit ihnen mit.

Kann es bis 2017 eine Versöhnungsgeste zwischen den beiden Konfessionen geben?

Ich wünsche mir eine Versöhnungsgeste. Wenn wir durch ein sichtbares Zeichen deutlich machen könnten, dass römische Katholiken und die Protestanten viel mehr verbindet als trennt, würde das beiden Seiten guttun. Aber das habe nicht ich zu entscheiden, sondern die EKD mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz.

Und dann 2017 eine gemeinsame Feier mit dem Papst in Wittenberg?

Das muss für die Evangelischen nicht sein, aber wenn der Papst zu einem gemeinsamen Fest des Glaubens kommen mag: Herzlich gern! Wir wollen weder einen nationalen noch einen triumphierenden oder antirömischen Protestantismus zelebrieren, bei dem wir uns selbst als die Freien und die römischen Katholiken als die Eingeengten erscheinen lassen.

In der Sexuallehre, zumal bei der Haltung zur Homosexualität, unterscheidet sich dieser Weg sehr stark vom katholischen.

Die evangelische Kirche geht davon aus, dass Sexualität als solche eine gute Gabe Gottes ist. Es kommt dann darauf an, sie in der individuellen Verantwortung vor Gott zu leben, das heißt in gegenseitigem Respekt, verbindlich, verlässlich, vertrauensvoll und gewaltfrei. Deshalb heißen wir die eingetragenen Lebenspartnerschaften gut.