Marina Weisband

Die populäre Schattenpiratin

| Lesedauer: 7 Minuten
Manuel Bewarder

Die Medien reißen sich um Marina Weisband. Jetzt bringt die Ausgestiegene ein Buch heraus

Es ist der Tag, an dem Marina Weisband die Lust verlässt. Damals, Anfang November 2012, ist ein paar Stunden zuvor ein Artikel erschienen. Dieser mutmaßt, die Piratin könnte doch noch einmal für den Bundestag kandidieren, gar die Rettung der abgestürzten Partei sein. Wer den Text liest, bekommt leicht den Eindruck: Auch Weisband selbst nehme an, sie sei diese Rettung.

Die Studentin sitzt an jenem Nachmittag in einem Berliner Café. Vor dem Fenster ziehen Spreedampfer vorbei. Weiter weg, ganz klein, sieht man die Reichstagskuppel. Es ist Weisband alles andere als egal, was andere über sie denken. Bei keinem der Treffen in den vergangenen eineinhalb Jahren wirkte sie so erschüttert, wie an diesem Tag, nach dieser Meldung. Ihre Worte möchte sie damals nicht gedruckt sehen. Denn die Schlagzeile mit dem Bundestag kommt für sie aus dem Nichts. Denn in Wahrheit hat die 25-jährige ihre Entscheidung längst getroffen: Es ist eine andere. Und noch am gleichen Tag, ein wenig gefasster, tippt sie in die Tastatur einen Blogpost mit der Überschrift: „Ich habe keinen Bock mehr“. Dann ist Funkstille. Nicht mal beim Kurznachrichtendienst Twitter plingt eine Nachricht auf. Erst nach einem Monat, twittert sie wieder: „Wenn du dich nicht um Politik kümmerst, ‚kümmert’ sich die Politik irgendwann um dich.“ Und das, so viel steht für sie fest, will Weisband auf keinen Fall.

Nun erscheint am Donnerstag Weisbands erstes Buch. „Wir nennen es Politik“ ist ein Plädoyer für Bildungspolitik, Transparenz und digitale Mitbestimmung – für alles, was die Piraten ausgemacht hat, bevor sie sich gegenseitig zerfleischt haben. Mit Tagespolitik hat das wenig zu tun. Es geht um eine Vision, wie Politik aussehen könnte. Man weiß allerdings noch nicht, wie Weisband diese Ideen umsetzen will – wenn es sie auf absehbare Zeit in kein Parlament zieht.

Weisband ist ein Phänomen. Während die Piraten in den Umfragen abgestürzt sind und in die Rubrik Sonstige fallen, finden in den Medien Weisband-Festspiele statt. Porträts, die über ihr Schicksal als krankes „Tschernobyl-Kind“ erzählen, das die Ukraine verlassen musste, um zu überleben. Große, aufreizende Fotos beim Tangotanzen. Der „Bild am Sonntag“ erzählt sie: „Es geht den Staat überhaupt nichts an, mit wem ich schlafe.“ Vorabdrucke im Feuilleton. Dazu Talkshow-Auftritte bei Illner, Beckmann und Lanz. Überall, so scheint es, wird ihr ein roter Teppich ausgerollt.

Ein politischer Bildungsroman

Und das alles für eine Frau und ihr Buch, die zwar gerade erst zur schönsten Politikerin gewählt wurde, ansonsten aber seit fast einem Jahr kein Amt mehr bekleidet, weil sie es gesundheitlich nicht durchhält, in der ersten Reihe zu stehen. Es ist ein großer Hype, bei dem es nur selten um Politik geht. Vor drei Jahren habe sie noch sehr wenig über Politik gewusst. Das habe sich geändert. Der politische Bildungsroman zeigt eine Momentaufnahme ihrer Ideenwelt. Schaut man ihre politische Bilanz an, fällt vor allem eines auf: Weisband ist vielleicht die einzige Politikerin, die noch schneller als die Bundeskanzlerin ihre politischen Positionen ändert. Gibt es Ähnlichkeiten zwischen den beiden? Die Kanzlerin schaffte kurzerhand die Wehrpflicht ab, schaltete Atomkraftwerke aus und klaute den Linken den Mindestlohn – alles vor Jahren noch undenkbar. Und was macht Weisband? Auch sie vollführte in kurzer Zeit bei zwei der wichtigsten Themen ihrer Partei eine Kehrtwende. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Weisband ein Fan der Liquid Democracy ist. Dies ist eine Mischung aus repräsentativer und direkter Demokratie: Übers Internet wird auch zwischen Parteitagen Politik gemacht – und wer will, kann seine Stimme delegieren.

Politik könnte so schnell reagieren und neue Positionen beziehen. Mit diesem Zusatz möchten die Piraten und auch Weisband das künftige politische Betriebssystem ausstatten. Um tagesaktuelle Fragen geht es ihr weniger. Noch Ende 2011 lehnte Weisband eine Frauenquote ab – sie versicherte auch, dass sich daran die kommenden Jahre nichts ändern werde. „Ich dachte, es würde keinen Unterschied machen, ob man eine Frau oder ein Mann ist“, sagt sie heute. Sie sei in keiner exponierten Position gewesen, wo ihr Sexismus begegnet wäre.

„Heute weiß ich: Wir haben das Problem noch nicht überwunden.“ Auch die Piraten seien doch nicht post-gender. Für sie folgt daraus: In der Wirtschaft muss für Spitzenpositionen eine Quote her. Ob auch bei der Partei – da schwanke sie noch. Vollkommen überzeugt zeigt sie sich mittlerweile auch vom bedingungslosen Grundeinkommen (BGE): Jeder soll monatlich eine Summe ausgezahlt bekommen, die deutlich über dem Hartz-IV-Satz liegt.

Früher fehlten ihr die konkreten Modelle für eine Umsetzung dieser Utopie. Sie lehnte eine schnelle Übernahme der Forderung ab. „Ich bin immer skeptisch. Wenn jemand mit progressiven Ideen kommt, nehme ich zunächst die konservative Position ein“, sagt Weisband. „Oder andersherum.“ Die damalige politische Geschäftsführerin wälzte Ökonomie-Bücher, redete mit Freunden, klopfte das Thema ab. Sie fragte sich, welche Folgen es hat, wenn es durch die digitale Revolution vielleicht immer weniger Arbeitsplätze geben würde. Sie kam zu dem Schluss: „Das BGE ist eine gute Sache, ein Modell für die Zukunft – das liberalste Modell, um die Freiheit der einzelnen Menschen zu garantieren.“

Recht locker sieht Weisband diese Kurswechsel, die bei Angela Merkel bisweilen als Umfaller beschrieben werden. Auch bei sich möchte sie weitere Veränderungen nicht ausschließen: „Das hat dann aber mit zusätzlichem Erkenntnisgewinn zu tun.“ Mit Merkels Kurswechsel will sie dies nicht verglichen sehen. Andere Piraten meinen zwar: Klar, Merkel ist gar nicht so anders wie wir. Auch die Piraten klopften ihre Basis ab, um Entscheidungen zu treffen. Und die Kanzlerin setze oft auf Umfragen.

Weisband schüttelt jedoch den Kopf: „Das sind zwei sehr verschiedene Phänomene“, sagt sie. „Ich ändere als relativer Politikneuling im Laufe eines Lernprozesses persönlich meine Meinung. Frau Merkel füllt ein Amt aus.“

Wie die Kanzlerin entscheide, das wisse sie nicht. „Das ist komplett intransparent.“ Und bei diesem Thema wird wohl auch Weisband nicht mehr ihre Meinung ändern: Transparenz, das muss schon sein. Ohne geht nicht.