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Wie cool Deutschland wirklich ist: Rösler wird Thema bei Twitter

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Claudia Ehrenstein

Noch war FDP-Chef Philipp Rösler nicht in seinem Amt bestätigt.

In einer kämpferischen Rede warb er am Samstag für seine Wiederwahl und spielte darin auch auf seine vietnamesische Herkunft an. „Ich bin hier nicht geboren, aber ich fühle mich immer wieder zu Hause“, sagte Rösler. „Deutschland ist das coolste Land der Welt.“

An diesem Punkt wurde der Berliner Sprachwissenschaftler und Blogger Anatol Stefanowitsch hellhörig. Ihn störte, wie er sagt, die „Selbstgerechtigkeit“, die in diesen Worten mitschwang. Und er verspürte einen gewissen Widerspruch zu den ungelösten Problemen im Land.

Stefanowitsch wollte Röslers Ausspruch daher nicht einfach so stehen lassen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter ließ er seine fast 5500 Follower wissen: Röslers „Deutschland ist das coolste Land der Welt“ schreie geradezu nach einer Reaktion. Und so kreierte er mit „#ImCoolstenLandDerWelt“ einen sogenannten Hashtag, ein Stichwort, unter dem fortan diskutiert wurde. Das löste auf Twitter einen regelrechten Sturm der Entrüstung über vermeintliche Missstände im Land aus. „Die Menschen sprechen offensichtliche Probleme an“, sagte Stefanowitsch.

Mit maximal 140 Zeichen formulierten umgehend zahlreiche User in ihren Tweets vor allem, was ihnen in Deutschland nicht gefällt. Thematisiert werden Integrationsfragen, Sozialpolitik und empfundene Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft. Dass nur 24 Prozent Arbeiterkinder studieren, aber 78 Prozent der Akademikerkinder. Dass es etwa Vorschriften für die Größe von Hundezwingern gibt, aber nicht für die Größe von Kinderzimmern. Und dass der Armutsbericht geschönt worden sei. Beklagt werden der Mangel an Solidarität, die Zweiklassenmedizin und die Schwierigkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Stefanowitschs zugespitzte Formulierung fordert dabei geradezu dazu auf, das Glas als halb leer zu betrachten. Aber es gibt auch die anderen Stimmen, die vor allem das Positive sehen. Es werde zu viel herumgejammert, genörgelt und nach dem Haar in der Suppe gesucht, heißt es. Immerhin könne „#ImCoolstenLandDerWelt“ jeder auf Twitter formulieren, was ihm nicht gefalle, stellt ein anderer fest.

Dank an die Beteiligten

Ein User, der sich als Pfeifenraucher und Genussmensch beschreibt, will sich durch die vielen kritischen Tweets freilich nicht beirren lassen: „Und dennoch lebe ich gern #ImCoolstenLandDerWelt.“ Ein anderer findet es gut, dass es „tolle Leute“ gibt, die Bundespräsidenten zu Fall bringen und Politikern Doktortitel abjagen können. In einer ersten groben Analyse kommt Stefanowitsch auf gut 1500 User, die mehr als 4000 Tweets geschickt haben.

Zuletzt hatte es auf Twitter unter dem Hashtag „#Aufschrei“ eine starke Resonanz auf die Sexismus-Vorwürfe gegen FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gegeben. Rund 15.000 Nutzerinnen hatten in fast 50.000Tweets von ihren Erfahrungen berichtet. Mit dem „#Aufschrei“ sind die Reaktionen jetzt nicht vergleichbar. Das sei auch nicht seine Absicht gewesen, wie Stefanowitsch versichert. So bedankte er sich bei den Beteiligten: „Ich freu mich darüber, was ihr aus #ImCoolstenLandDerWelt macht!“