Kommentar

Reisen ist ein Menschenrecht

Sönke Krüger über die ITB und die Reisefreiheit, die alles andere als selbstverständlich ist

Nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen“, dichtete Franz Kafka schon 1922. Wie recht er hatte! Des Schriftstellers prophetische Zeilen haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt, sie taugen auch im Zeitalter von Massentourismus und Billigfliegern perfekt als Motto für jeden Reisenden. Gleiches gilt für den Titel des Werks, aus dem sie stammen: „Der Aufbruch“. Am Anfang einer jeden Reise steht ein Aufbruch, getrieben von der Sehnsucht nach der Abwesenheit des Alltags und der Anwesenheit von Sonne oder Strand, Bergen oder Palmen.

Wobei die individuellen Vorlieben nicht automatisch mit individuellem Reisen gleichzusetzen sind, das wäre höchst unrealistisch angesichts einer Milliarde Reisender – so viele wurden 2012 planetweit erstmals in einem Jahr gezählt. Macht nichts. Massentourismus ist ja nicht automatisch negativ. Immerhin bescherte er der Menschheit die Demokratisierung des Reisens und geschätzte 100 Millionen Arbeitsplätze.

Reisen ist längst ein Menschenrecht geworden, das heute ganz selbstverständlich genutzt wird. Dabei wird aber gern vergessen, dass das Reisen alles andere als selbstverständlich ist, sondern ein großes Glück: Heute reisen Ostdeutsche und Osteuropäer ohne großes Nachdenken durch die Welt; noch vor 24 Jahren war Reisefreiheit östlich des Eisernen Vorhangs ein Fremdwort. 1995 trat das Schengener Abkommen in Kraft – in Europa verschwanden die Grenzkontrollen. Eigentlich ein Vorgang von unerhörter Tragweite, doch seither macht sich kaum jemand Gedanken über dieses alles andere als selbstverständliche Geschenk.

Ein Ort, an dem man zum Reisen eine besondere Beziehung hat, ist Berlin – weil das „Nur weg von hier“ gerade in unserer Stadt besonders schwierig war. Im Osten war man hinter der Mauer eingesperrt, im Westen lebte man auf einer Insel, die man nicht einfach mal verlassen konnte. Eine schöne Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet hier die Internationale Tourismusbörse erfunden wurde. 1966 war das, man startete mit neun Ausstellern aus fünf Ländern. Heute ist die ITB die weltgrößte Reisemesse, 2013 mit über 180 Ländern.

Die Stimmung in den Messehallen ist so optimistisch wie lange nicht mehr. Weltweite Rezession? Vergessen. Revolutionäre Turbulenzen in Arabien? Kein Problem. Fukushima? Schnee von gestern. Alle Welt rüstet auf der ITB zum Aufbruch – raus aus dem Alltag, rein ins Hotelbett. Und die Deutschen? Die reiben sich die Augen angesichts der Rekordzahlen: Hierzulande nächtigen Touristen mittlerweile öfter als in Spanien oder Italien (2012: 407Millionen Übernachtungen). In deutschen Betten zählten die Statistiker acht Prozent mehr ausländische Gäste als im Vorjahr (2012: 68,8 Millionen). Berlin lockte schon zum zehnten Mal in Folge mehr Besucher an als im Vorjahr (2012: 10,8 Millionen Gäste). Was man durchaus als Meisterleistung bezeichnen kann, denn die Hauptstadt hat durch die Posse um den BER ja alles getan, um ihren Besuchern und Bewohnern das „Nur weg von hier“ maximal zu erschweren. Aber das ist eine andere Geschichte.