Kirche

Kein Favorit für Benedikts Nachfolge

Beim Konklave kommt den Kardinälen aus Italien aber eine Schlüsselrolle zu. Mehrheit für afrikanischen Papst ist fraglich

Beim Konklave von 2005 galt der damalige Kardinal Joseph Ratzinger als Favorit für die Wahl des Nachfolgers von Papst Johannes Paul II. (1920–2005). Acht Jahre später verdankt eine Mehrheit der Wahlmänner dem damals gewählten Benedikt XVI. die Kardinalswürde. Doch ein eindeutiger Papstanwärter ist vor dem am Dienstag beginnenden Konklave nicht in Sicht.

Unter den voraussichtlich 115 Teilnehmern der Papstwahl besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Benedikts Nachfolger theologisch an der traditionellen Lehre festhalten sollte. Kirchenvertreter, die das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) als Bruch mit der Vergangenheit deuten, sahen Papst Benedikt kritisch. Sie spielen deshalb im Kardinalskollegium eine untergeordnete Rolle. Offen und entschlossen muss sich der neue Papst nach Auffassung vieler Kirchenvertreter jedoch im Umgang mit sexuellem Missbrauch zeigen. Vor allem in westlichen Ländern wirkten sich die Pädophilie-Skandale verheerend auf das Ansehen der Kirche aus, vielerorts waren sie der Auslöser für eine Welle von Kirchenaustritten. Die von Italienern geprägte Kurie wurde überdies durch den Vatileaks-Skandal mit der Veröffentlichung vertraulicher Dokumente sowie durch Ermittlungen gegen die Vatikanbank IOR erheblich geschwächt.

Zu den Kandidaten, die über Erfahrungen in der Zentrale der Weltkirche und als Ortsbischof verfügen, zählt der Kanadier Marc Ouellet. Für den Frankokanadier, der neben Englisch und Französisch auch in Deutsch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch firm ist, spricht, dass er aufgrund einer langjährigen Tätigkeit in Lateinamerika auf die Zustimmung aller amerikanischen Kardinäle hoffen könnte. Als Erzbischof von Quebec war er für Gläubige in einer der am weitesten säkularisierten Weltregionen zuständig. Als Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation ist der 68-Jährige für Bischofsernennungen weltweit zuständig. Theologisch steht er Benedikt nahe.

Mit 28 Wahlmännern ist Italien zahlenmäßig am stärksten im Konklave präsent. Trotz innerer Spaltungen scheint sich der Mailänder Erzbischof Angelo Scola als deren Favorit durchzusetzen. Der 71-jährige Sohn eines Lkw-Fahrers aus der Lombardei steht theologisch ebenfalls in der Linie Benedikts und weiß lebensnah für den Glauben zu werben. Scola genießt offenbar die Unterstützung italienischer Kardinäle wie auch eines Teils der Kurie. Bereits beim Konklave vor acht Jahren war die Forderung nach einem Farbigen auf dem Papstthron laut geworden. Für den Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch wäre ein Papst aus Afrika oder Lateinamerika zwar denkbar, aber eine „große Herausforderung“.

Als Schwarzafrikaner mit den größten Chancen beim Konklave gilt der ehemalige Erzbischof von Cape Coast, Peter Turkson. Wie kein anderer Kirchenvertreter aus Afrika ist der 64-jährige Kurienkardinal aus Ghana durch seine Tätigkeit als Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden international bekannt. Nach den Italienern bilden die US-Amerikaner mit zwölf und die Deutschen mit sechs Konklave-Teilnehmern die größten und zugleich finanzstärksten Ländergruppen. Ob sich unter ihnen eine Mehrheit für einen afrikanischen Papst fände, erscheint fraglich.

Bei der Frage nach einem außereuropäischen Papst werden häufig die Erzbischöfe von São Paolo und Manila genannt. Der deutschstämmige Brasilianer Odilo Scherer würde mit seiner Erzdiözese seine brasilianische Heimat als das Land mit der höchsten Zahl an Katholiken vertreten. Der 63-Jährige gilt als konservativ und in der Kurie gut vernetzt. Kardinal Luis Antonio Tagle von den Philippinen ist die große Hoffnung der katholischen Christen in Asien. Der Sohn einer chinesischen Mutter erhielt erst im November den Kardinalspurpur, mit 55 Jahren wäre er ein sehr junger Papst.

Als ersten US-Amerikaner auf dem Petristuhl können viele sich den Erzbischof von New York, Timothy Dolan, vorstellen. Der 63-jährige Vorsitzende der Amerikanischen Bischofskonferenz gehörte nach Benedikts Rücktrittsankündigung zu den Ersten, die offen über eine Altersgrenze für das Papstamt nachdachten.

Die Rolle von chancenreichen Außenseitern spielen die Erzbischöfe von Wien und Budapest, Christoph Schönborn und Péter Erdő. Der 68-jährige Schönborn versteht die Kunst des öffentlichen Auftritts auch vor nicht kirchlichen Zuhörern und eroberte sich durch entschiedenes Handeln gegen pädophile Priester einen guten Ruf. Der 60-jährige Primas von Ungarn, Erdő, ist als Präsident des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen bestens vernetzt.

Chancen auf die Papstnachfolge rechnen sich derzeit noch weitere Anwärter aus, allen voran der Präsident des Päpstlichen Kulturrats, Gianfranco Ravasi. Der 70 Jahre alte Italiener, der von konservativen Positionen aus den Dialog mit der säkularisierten Welt sucht, hielt in der Woche vor dem Papstrücktritt die Fastenexerzitien für die vatikanische Kurie.