Sexismus

Junge Frauen greifen Gauck wegen „Tugendfuror“ an

#Aufschrei-Macherinnen vermissen Respekt und Feingefühl

Jetzt hat die Sexismus-Debatte auch den Bundespräsidenten erreicht. Joachim Gauck hat mit einer Stellungnahme heftige Kritik ausgelöst. „Wir vermissen in Ihren Äußerungen vor allem Feingefühl und Respekt gegenüber all den Frauen, die sexistische Erfahrungen gemacht haben“, heißt es in einem offenen Brief junger Frauen, über den mehrere Online-Medien berichteten. Auch im Kurznachrichtendienst Twitter wurde eifrig debattiert.

Gauck hatte in einem „Spiegel“-Interview auf die Frage geantwortet, ob er den Umgang mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle wegen dessen als sexistisch bewerteter Äußerungen unfair gefunden habe. Er sagte: „Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.“ In dem Brief heißt es, durch die Verwendung von „Tugendfuror“ bringe Gauck erniedrigende, verletzende oder traumatisierende Erlebnisse in Verbindung mit dem Begriff „Furie“. Dieser werde abwertend verwendet, um die Wut von Frauen lächerlich zu machen und als Überemotionalität zu deklassieren. „Damit bedienen Sie jahrhundertealte Stereotype über Frauen – Stereotype, die sexistische Strukturen aufrechterhalten und Geschlechtergerechtigkeit im Weg stehen.“

Sieben Frauen haben den Brief unterzeichnet, darunter die Initiatorinnen der #Aufschrei-Debatte, die Ende Januar entstanden war. Dort berichten Frauen über Grenzüberschreitungen von Männern.

Bei Twitter gab es viel Zustimmung für die Initiative gegen Gaucks Aussage. Sebastian Walter schreibt: „Tugendfuror??? – Wenn alte Männer Alltagssexismus kleinreden und beschönigen, dann #Aufschrei!“ Charlott meint: „Mensch kann nie genug #tugendfuror machen! Für weniger Gelaber alter weißer Typen!“ Allerdings sehen nicht alle das so, wie die #Aufschrei-Initiatorinnen. Liane Bednarz schreibt bei Twitter: „Na, dann macht mal den #Aufschrei gegen Gauck, Ihr feministischen TugendwächterInnen! Und btw: „Gauck hat Recht!“ Junglas Design kommentiert: „#aufschrei Gauck hat aus eurem Elefanten eine Muecke gemacht, und das zurecht! Ihr seid einfach nur peinlich!“

Auslöser der Debatte war eine Geschichte im „Stern“ von Ende Januar. Die 29 Jahre alte Reporterin Laura Himmelreich hatte dort vom Abend des 5. Januar 2012 berichtet, als Brüderle und sie sich an einer Bar in einem Stuttgarter Hotel trafen. Es war der Abend vor dem traditionellen Dreikönigstreffen der FDP. Brüderle soll damals anzügliche Bemerkungen gemacht haben. Unter anderem soll er „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“ zu Himmelreich gesagt haben. Nach Veröffentlichung der Geschichte entspann sich in Deutschland eine Debatte über Sexismus im Allgemeinen und im politischen Berlin im Besonderen. Sehr intensiv lief das Thema im Internet, unter anderem gründete sich #Aufschrei. Zuletzt war es ruhiger um das Thema geworden.

Brüderle selbst hat bisher nicht reagiert. Das ändert sich vielleicht noch, wenn das Thema wieder an Fahrt gewinnt. Robert Schütte kommentiert bei Twitter: „#Gauck’s #Tugendfuror Debatte lenkt die Aufmerksamkeit auf ein vergessenes Unding: Dass Brüderle die #Aufschrei Debatte ausgesessen hat.“