Forschung

Nazis unterhielten Tausende Lager mehr als bisher bekannt

US-Forscher identifizieren ein Vielzahl von Gettos im gesamten besetzten Europa

Allein die Zahl ist erschreckend: An mehr als 42.500 Orten im gesamten deutsch besetzten Europa waren zwischen 1939 und 1945 Menschen aus vermeintlich rassischen oder politischen Gründen eingesperrt, mussten Zwangsarbeit leisten, wurden gequält oder gleich systematisch ermordet. Diese Zahl haben Wissenschaftler des Center for Advanced Holocaust Studies des US Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington DC festgestellt. Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren an einer neuen, auf sieben Bände angelegten Enzyklopädie des Holocaust. Bei einer Konferenz am Deutschen Historischen Institut in der US-Hauptstadt gaben sie die Zahl bekannt. Bisher gingen internationale Forscher von mehr als 10.000 Lagern aus.

Die große „Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ in neun Bänden unter dem Titel „Der Ort des Terrors“, die Wolfgang Benz (ehemals Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin) und Barbara Distel (ehemals Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau) herausgegeben und 2009 vollendet haben, hatte sich bei Gettos und anderen Lagern auf exemplarische Beschreibung konzentriert: „Angesichts der riesigen Zahl all dieser Zwangslager, denen sich die historische Forschung erst zu widmen beginnt, wäre freilich der Anspruch auf vollständige Beschreibung von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen.“

Das USHMM, das wahrscheinlich finanziell am besten ausgestattete historische Museum und Forschungsinstitut der Welt, kann genau diese Arbeit jedoch leisten. Die ersten beiden der geplanten sieben Bände der neuen Enzyklopädie der Lager und Haftstätten umfassen jeweils knapp unter oder knapp über 2000 Seiten. Entsprechend kostet jedes Exemplar 295 Dollar, es handelt sich also um Werke praktisch ausschließlich für wissenschaftliche Bibliotheken.

„Die meisten Menschen sind sich nicht bewusst über die Größe des Lagersystems der Nazis“, heißt es in der Einleitung zum ersten Band: „Hinter wohlbekannten Namen wie Auschwitz, Dachau, Treblinka und Warschau bestand ein unermessliches Universum von Einrichtungen, grob geschätzt 30.000, die das Herz des NS-Regimes bildeten.“ Inzwischen sind die Forscher weitergekommen und konnten weitere mehr als 10.000 Lager, Gettos oder ähnliche Orte identifizieren. Die neu entdeckten Orte sind allerdings, auch wenn die Detaildarstellung noch nicht vorliegt, fast ausnahmslos kleine Einrichtungen. Jede Fabrik, in der Zwangsarbeiter beschäftigt wurden und wenigstens zeitweise auch untergebracht waren, wurde einzeln gerechnet. Bislang unbekannte „große“ Gettos dagegen sind bei den Recherchen der US-Forscher nicht entdeckt worden.

Die „Konzentration“ der jüdischen Bevölkerung in besonderen, oft abgesperrten und eingezäunten „Wohnbezirken“ begann schon wenige Monate nach der Eroberung Polens durch die Wehrmacht. Seit Ende 1939 mussten Juden in Polen Armbinden mit Davidstern tragen. Im Frühjahr 1940 begann dann die Einrichtung von Gettos in fast allen Städten und größeren Dörfern des besetzten Polens. Offizielles Ziel der deutschen Zivil- und Polizeiverwaltung war, die vermeintlich „destruktiven“ Kräften unter polnischen Juden zu kontrollieren. Mindestens gleichrangig aber waren zwei weitere Ziele: der Raub jüdischen Eigentums und die Zusammenfassung der Verfolgten an wenigen Orten, um so künftige Maßnahmen gegen sie leicht vorbereiten zu können.

Die neuen Erkenntnisse der US-Forscher belegen einmal mehr, dass es im besetzten Europa nahezu ausgeschlossen war, von der handgreiflichen Judenverfolgung nichts mitzubekommen. Was bisher schon durch eine Fülle an Zeugnissen von Soldaten und Zivilisten wahrscheinlich war, wird nun zur Gewissheit: Vor der enormen Zahl der nationalsozialistischen Haftstätten musste man schon vorsätzlich die Augen verschließen, um sie nicht wahrzunehmen. Sehr viele Deutsche, die nach 1945 beteuerten, „nichts gewusst“ zu haben, hatten wohl in Wirklichkeit genau so viel gesehen, dass sie auf keinen Fall mehr wissen wollten.