Auseinanderseztung

„Tugendfuror“: Gauck befeuert Sexismus-Debatte

Bundespräsident Joachim Gauck hat den öffentlichen Umgang mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle in der Sexismus-Debatte kritisiert.

Dem „Spiegel“ sagte Gauck: „Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.“ Es gebe in der Frauenfrage sicher noch einiges zu tun. „Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen.“ Brüderle war in die Kritik geraten, nachdem eine Journalistin ihm eine anzügliche Bemerkung vorgehalten hatte.

Nach Bekanntwerden von Gaucks Aussagen am Sonntagmittag kommentierten Nutzer diese prompt auf Twitter unter dem Hashtag #tugendfuror. Die Bloggerin Anne Wizorek schrieb: „Gauck ist ja auch nur wegen der Männerquote in diesem Amt. Das sagt halt nichts über Qualifikation aus.“ Wizorek hatte Frauen im Internet dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #aufschrei ihre persönlichen Erfahrungen mit Sexismus zu teilen, und löste damit eine öffentliche Debatte aus. Ein anderer Nutzer äußerte sich ähnlich kritisch: „Es ist immer wieder schön, wenn ein ‚Nichtbetroffener‘ einem die Welt erklären will.“

Gauck distanzierte sich auch von der Parteienkritik des ehemaligen Staatsoberhauptes Richard von Weizsäcker. Dieser hatte die Parteien als „machtversessen und machtvergessen“ bezeichnet. „Eine solche Kritik an der Politik werden Sie von mir sicher nicht hören“, sagte Gauck. „Der Verdruss über sie ist zu groß, als dass ich ihn noch fördern möchte.“ Zudem missfalle es ihm, wenn die Parteien pauschal schlechtgemacht werden. „Sie tragen seit Jahrzehnten wesentlich zur Ausgestaltung unserer Freiheit, unseres sozialen Friedens, unseres Wohlstandes bei. Ohne sie wären wir nicht da, wo wir heute sind.“