Internet-Handel

Per Amazon zum Rausch

Kinder können im Internet problemlos Zigaretten und Schnaps kaufen. Das Alter der Besteller wird selten geprüft

Anna-Sophie Müller (Name geändert) lag ihrem Papa seit Wochen in den Ohren. Der ließ sich erweichen und schenkte ihr zum zwölften Geburtstag einen Minicomputer. Das Kind war begeistert. Stundenlang tippte sie auf den Touchscreen ihres Kindle Fire HD von Amazon. Dabei entdeckte das Mädchen schnell, dass ihr das Gerät ungeahnte Möglichkeiten eröffnete. Auch einige, an die die Eltern nie gedacht hätten. In einem virtuellen Kaufhaus gab es vieles, was ihr Herz höher schlagen ließ, etwa Apps für Spiele, Bücher und Musik. Schnell legte es ein Nutzerkonto bei Amazon.de an, für die ihr Kindle konfiguriert ist. Der Online-Versandhändler verlangte neben den Personalien auch die Bankdaten. Für die Gymnasiastin aus dem Großraum Berlin-Brandenburg keine Hürde: Um sie mit den Gepflogenheiten des Erwachsenenlebens vertraut zu machen, hatten die Eltern ihr ein Konto bei der Sparkasse eingerichtet.

Anna-Sophie geriet in einen Kaufrausch. Als das Geld auf ihrem Konto aufgebraucht war, bestellte sie weiter. Amazon.de lieferte und belastete das Konto – ohne die junge Kundin darauf hinzuweisen. Eines Tages gingen die Mahnschreiben der Sparkasse zu Hause ein. Verdruckst gestand Anna-Sophie, was sie alles geordert hatte. Unter anderem auch sechs Flaschen Prosecco (10,5 Prozent Alkohol). Anna-Sophie rechtfertigte sich damit, sie habe ihren Klassenkameraden imponieren wollen. Die Mutter ist geschockt: „Wie ist es möglich, dass mein Kind literweise an Alkohol kommen kann?“ Eine berechtigte Frage. Die Familie hat dem Werbeslogan „Perfekt für Eltern und Kinder“ vertraut, mit dem Amazon für den Kindle wirbt.

Die Berliner Morgenpost wollte es genauer wissen. Sie machte in den vergangenen Wochen selbst Testkäufe: Die Redaktion legte bei Web.de einen E-Mail-Account mit einer Privatadresse an, tippte das Geburtsdatum 9. April 2000 ein und begab sich als Zwölfjährige mit eigenem Konto auf Einkaufstour. Auch dieses Mal war es kein Problem, Alkohol, Zigaretten und andere Artikel mit Altersbeschränkung zu erhalten. Bestellt wurden bei Amazon wiederum Prosecco, die ab 16 Jahren freigegebene Premium-Edition von Bushidos Rap-Album „Zeiten ändern dich“ mit sexuell eindeutigen Versen sowie einen Dildo, Marke Orion „Candy Lover“. Alle drei Artikel verkaufte und versendete Amazon selbst, das Alter interessierte nicht. Über Amazons „Marketplace“ konnte die Redaktion bei einem externen Händler sogar eine Softair-Pistole (Freigabe ab 14 Jahren) erwerben, mit der sich sechs Millimeter große Kugeln abfeuern lassen.

Amazon macht es sich einfach und beruft sich, wie andere Internethändler, auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, womit ein Verkauf an Minderjährige ausgeschlossen wird. Bei Kunden unter 18 Jahren müssen die Eltern den Kauf genehmigen. Doch warum sollte ein Kind beim Online-Shopping das seitenlange Kleingedruckte lesen? Auch die meisten Erwachsenen klicken da weiter. Die Händler schieben mit diesen salvatorischen Klauseln die Verantwortung auf die Eltern ab. Doch viele merken gar mit, dass ihr Kind im Netz einkauft. Auch die Lieferung nach Hause kriegen sie nicht mit, wenn Vater und Mutter berufstätig sind. Tatsächlich ist es in Deutschland kinderleicht, über das Internet an Produkte zu gelangen, die nicht für Jugendliche bestimmt sind. Beim Laden an der Straßenecke ist das anders. Zweifelt dort der Verkäufer an der Volljährigkeit des Kunden, muss er nach dessen Ausweis fragen. Beim Online-Versand dagegen wird meist nicht einmal das Geburtsdatum abgefragt. Hauptsache verkaufen!

Dabei sind die Gesetze eindeutig: Bier, Wein oder Sekt dürfen in der Öffentlichkeit nicht unter 16 Jahren, branntweinhaltige Getränke und Zigaretten erst ab 18 Jahren abgegeben werden.

Die virtuelle Welt sieht anders aus. Beim Testkauf bei Edeka24.de wanderten Gin und Wodka in den Warenkorb. Anders als Amazon fragte Edeka24.de bei der Registrierung das Geburtsdatum ab. Eingaben unter der Volljährigkeitsgrenze akzeptierte das Formular nicht, aber da grinst eine Zwölfjährige nur. Denn Edeka24.de kontrolliert nicht, ob das Datum mit dem Alter des Kunden übereinstimmt. Die Ware wurde vom Paketdienst DHL geliefert. Bestellt bei Spirituosenworld.de stand auf dem Paket zwar „Auslieferung nur an Personen über 18 Jahren“, den Personalausweis wollte der DHL-Bote aber nicht sehen – er lieferte beim Nachbarn ab. Beim Tabakversandhändler Cigarre24.de muss man für eine Bestellung nicht einmal ein Konto anlegen. Man habe die Web-Seite juristisch prüfen lassen, sagte der Sprecher von Cigarre24.de auf Nachfrage.

Tatsächlich sind Gewerbetreibende aber verpflichtet, das Alter zu überprüfen. Die Paketdienste dagegen nicht, denn Päckchen unterliegen dem Postgeheimnis, Informationen über den Inhalt sind vertraulich. Die Kontrollpflicht liegt beim Internethändler: „Das Jugendschutzgesetz schreibt eine Prüfungs- und Nachweispflicht vor“, erklärt Thomas Günter, der Justiziar bei Jugendschutz.net, einer Plattform, die sich mit Verstößen beschäftigt.

Wie das gehen könnte, führt etwa Amazon.de selbst vor. Bei Filmen, Computer- und Videospielen ab 18 Jahren ist eine sichere Zustellung vorgeschrieben, sowohl nach dem Jugendschutzgesetz als auch dem Staatsvertrag zum Jugendmedienschutz. Der Händler muss sicherstellen, dass die Inhalte Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden. Deshalb nutzt Amazon einen Extra-Service. Es berechnet seinen Kunden bei der Zustellung solcher Artikel fünf Euro pro Sendung, damit DHL den Ausweis des Empfängers kontrolliert. Der muss persönlich anwesend sein, Identität und Volljährigkeit müssen anhand des Ausweises geprüft werden und mit dem Namen auf dem Paket übereinstimmen. Altersverifizierung ist also machbar.

Doch dieses Verfahren ist wohl zu aufwendig für die Internetwelt mit ihren Niedrigstpreisen. Deshalb sperrt sich der Online-Handel gegen ein durchgängiges Ident-Verfahren. Stattdessen argumentieren die Internetshops einfach: Wer schon ein Bankkonto besitzt, sollte bereits volljährig sein. Fakt ist jedoch, dass Kinder ab zwölf Jahren mit Einverständnis der Eltern ein Girokonto mit einer Bezahlkarte eröffnen dürfen und der Händler bei der Abfrage der Kontodaten gar keine Informationen über das Alter des Inhabers bekommt. Besonders ärgerlich wird es, wenn Girokonto oder Prepaid-Kreditkarte des Kindes nicht gedeckt sind. Dann berechnen Banken und Händler Gebühren, hohe Mahngebühren können hinzukommen.

Auch im Fall von Anna-Sophie waren erhebliche Summen aufgelaufen. Die Rückabwicklung des Einkaufs bei Amazon wurde ein langwieriger Prozess, der den Slogan des Konzerns („Unser Ziel: das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt zu sein“) zur Farce verkommen ließ. Von der Mutter wurden Kopien ihres Personalausweises und die Geburtsurkunde der Tochter verlangt. Daraufhin erhielt sie ein Schreiben, das Mahnverfahren sei eingestellt. Doch Wochen später meldete sich eine Inkassofirma, die im Auftrag von Amazon 170 Euro eintreiben sollte. Und wieder wurden Schriftverkehr und Geburtsurkunde verlangt. Entweder herrsche bei Amazon Chaos oder das Ganze habe System, so die Mutter.

Die Unternehmen können sich ihre lasche Haltung erlauben. Das Jugendschutzgesetz stammt aus dem Jahr 1951 und wurde 2002 zuletzt überarbeitet. An den Interneteinkauf wurde damals noch nicht gedacht. Selbst wenn die Gesetze schärfer würden, müssten diese auch umgesetzt werden. Denn Bußgelder werden selten verhängt. In München läuft nach Informationen der Berliner Morgenpost immerhin ein Bußgeldverfahren gegen Amazon wegen Verstoßes gegen das Jugendschutzgesetz. Doch den Bundesländern, die für den Jugendschutz verantwortlich sind, fehlt meist das Personal für wirksame Kontrollen. Kommt es doch einmal zu einer Strafe, fällt sie gering aus. Zwar könnte ein Vergehen mit bis zu 50.000 Euro Bußgeld geahndet werden, doch in der Regel sind es 100 bis 4000 Euro pro Fall. Abschrecken kann die Händler so etwas nicht.

Solange das so bleibt kann die Party steigen: mit Alkohol, Zigaretten und nicht altersgemäßen Filmen. Anna-Sophie hat den Kasten Prosecco übrigens nicht mit ihren Freunden geleert. Ihre Eltern schickten die sechs Flaschen zurück. Zumindest das hätten sie nicht tun müssen. Denn ein Online-Verkäufer, der mit Kindern rechtlich unwirksame Geschäfte macht, trägt am Ende das Risiko selbst.