Johanna Wanka

„Ich sollte Köchin werden“

Die neue deutsche Bildungsministerin Johanna Wanka über Karriere, ihre Vorgängerin und schlechte Noten

Neustarts hat Johanna Wanka (CDU) schon viele gemeistert. Noch weiß sie nicht genau, wohin die Flure im Reichstag sie führen – doch sie schreitet flott voran. Mit Miriam Hollstein, Claus Christian Malzahn und Thomas Vitzthum spricht die neue Bundesbildungsministerin über Unterschiede zwischen Ost und West und die eigene Schulzeit.

Berliner Morgenpost:

Sie waren in Brandenburg und Niedersachsen Wissenschaftsministerin. Nun sind Sie in Berlin. Können Sie die politische Ost-West-Tour empfehlen?

Johanna Wanka:

Es ist ein Vorteil, beide Lebenswelten zu kennen. Mich überrascht, dass sich mehr als 20 Jahre nach der Vereinigung im Osten immer noch verhältnismäßig wenig Ostdeutsche in Führungspositionen finden. In den Wendejahren nach 1989 war es sicher nötig, dass Westdeutsche auf leitenden Positionen geholfen haben. Die brauchten wir.

Warum setzen sich so wenige Ostdeutsche im Westen durch?

Von einer ausgeglichenen Verteilung sind wir tatsächlich noch weit entfernt, das zeigen Untersuchungen. In der Politik scheint das Verhältnis sogar relativ ausgeglichen zu sein. Aber in der Wirtschaft, in Stiftungen, in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern finden sich an der Spitze noch zu wenige Ostdeutsche. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen ist, dass Eliten sich selbst reproduzieren. Und nach 1989 waren wir im Osten auf die westdeutsche Unterstützung angewiesen.

Wo sehen Sie noch Unterschiede?

Vieles hat sich angeglichen, auch materiell. Aber nach meiner Erfahrung ist die Angst vor Veränderung im Westen viel größer als im Osten. Da schwingt oft die Befürchtung mit, es könnte schlechter werden, wenn sich etwas ändert. Im Osten hat man Umbrüche dagegen auch als Chance erlebt, sein Leben zu verbessern.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Vorgängerin?

Annette Schavan und ich sind seit vielen Jahren befreundet. Ich bin dankbar, dass ich ein gut bestelltes Haus übernehmen darf. Natürlich kann ich sie bei Bedarf um Rat fragen, und wir haben schon früher vieles beredet.

Ihre Amtszeit dauert nur sieben Monate. Ist das Fluch oder Segen?

Fürs Erste dauert die Amtszeit nur sieben Monate. Was danach kommt, weiß keiner. Aber es ist schon eine besondere Herausforderung. Es gibt keine Schonfrist. Schon bald stehen wichtige Entscheidungen an. Die Länder und der Bund müssen sich darüber klar werden, wie sie den Hochschulpakt fortführen können. Wer möchte, muss die Möglichkeit haben, zu studieren – dieses klare Signal müssen Bund und Länder geben. Die Qualitätsoffensive Lehrerbildung muss ebenfalls vorankommen, denn gut ausgebildete Lehrer sind der Schlüssel für gute Schulen. Ich will mich auch noch nicht geschlagen geben, was die Grundgesetzänderung angeht. Ich hoffe, dass wir im Interesse der Hochschulen und Studierenden zu einer Einigung mit den Ländern kommen und der Bund in Zukunft nicht mehr nur Projekte fördern kann. Darüber hinaus gibt es Dinge, die ich anschieben möchte, die über das Ende der Legislaturperiode hinauswirken.

Zum Beispiel?

Ich möchte für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Einen Schwerpunkt will ich beim Übergang von beruflicher zu akademischer Bildung und umgekehrt setzen. Wir haben erreicht, dass Berufstägige ohne Abitur studieren können. Aber die Hürden sind zu hoch. Die Hochschulen fordern häufig Probesemester und Eignungstests. Doch wer nach Jahren im Beruf mit einer Mathe-Prüfung konfrontiert wird, hat kaum eine Chance. Deshalb sage ich: Lasst sie ohne Prüfung und Probezeit anfangen. Defizite müssen durch Förderung im Studium ausgeglichen werden. Am Ende muss aber dieselbe Leistung und Qualifikation stehen, da gibt es keine Abstriche. Auch haben wir in vielen Fächern sehr hohe, zu hohe Abbrecherquoten. Das, was diese jungen Menschen schon gelernt haben, muss ihnen bei einer anschließenden Berufsausbildung angerechnet werden. Es darf nicht sein, dass sie wieder bei null anfangen.

Welche Ambitionen haben Sie als Forschungsministerin?

Ich möchte eine nationale Plattform etablieren. Sie soll die gesamte Energieforschung bündeln und moderieren. Alle Akteure gehören an einen Tisch. Hier wird in Abstimmung mit den anderen Bundesministerien besprochen, was in den Ländern passiert, an den Hochschulen und auch in der Wirtschaft. So können Forschungsschwerpunkte benannt werden. Was uns wichtig ist, dafür müssen wir dann auch mehr Geld zur Verfügung stellen.

Das Ziel, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung zu investieren, ist bald erreicht. Brauchen wir neue Ziele?

Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen. Die geplanten sieben Prozent für Bildung zu erhöhen, ist sehr ambitioniert, gerade für die Länder. Was ich sehr wohl für geboten halte, ist, die Forschungsausgaben von drei auf 3,5 Prozent zu steigern.

Schulpolitik machen die Länder, halten Sie sich aus der Diskussion raus?

Ich werde mich nicht aus der Schuldiskussion heraushalten, aber respektieren, dass die Länder dafür die maßgeblichen Kompetenzen haben. Wo der Bund jedoch etwas machen kann, werde ich etwas tun. Der Bund ist etwa bereit, Geld in die Lehrerbildung zu investieren, wenn sich die Länder einigen, ihre Lehrerausbildungen und -abschlüsse anzuerkennen. Hier erwarte ich Bewegung.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, wenn Sie schlechte Noten bekamen?

Das ist selten passiert (lacht). Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, war die Erste aus meiner Familie, die studiert hat. Deshalb liegt mir das Thema Bildungsgerechtigkeit auch so am Herzen. Meine Eltern und Großeltern haben mich immer sehr bestärkt. Als ich eingeschult wurde, hat die Lehrerin für alle Schüler eine Prognose abgegeben. Bei mir sagte sie, dass ich bestimmt mal eine gute Köchin werde. Sie hatte recht, ich koche gern (lacht).