Kommentar

Der Kandidat und die „klare Kante“

Daniel Friedrich Sturm über die Wahlkampfstrategie des Peer Steinbrück

Sabbel nicht so ein Zeug!“ Knapp und direkt ließ Gertrud Steinbrück ihren Ehemann Peer wissen, was sie von seinen Worten hielt. Vier Jahre ist es her, dass der damalige Bundesfinanzminister der Schweiz mit der „siebten Kavallerie“ drohte, die man ausreiten lassen könne, um die Verstecke der Steuerhinterzieher auszuheben. Im März 2009 war nicht nur Frau Steinbrück entsetzt. In der vergangenen Woche erinnerte ein Spruch des SPD-Kanzlerkandidaten an seine „Kavallerie“-Rede. „Klartext mit Peer Steinbrück“ hieß die Veranstaltung der Sozialdemokraten in Potsdam. Die beiden italienischen Wahlsieger Silvio Berlusconi und Beppe Grillo nannte er „zwei Clowns“.

Einerseits weckt Peer Steinbrück damit Zweifel an seiner Trittsicherheit auf dem diplomatischen Parkett. Er will Regierungschef des mächtigsten Staates in Europa werden. In diesem Amt muss man seine Worte wägen; Angela Merkel tut das und übertreibt es damit. Einen angemessenen Umgang mit europäischen Partnern – und Gegnern – sollte bereits ein Kanzlerkandidat beherrschen oder wenigstens einüben. Andererseits dürfte Steinbrück im Volk mit seinen „Clowns“ punkten. Er spricht den meisten Deutschen damit aus der Seele. Was bitte soll Berlusconi denn sein, wenn kein „Clown mit einem besonderen Testosteronschub“?

Union und FDP hatten daran zunächst nichts auszusetzen. Wach wurden die Regierungsparteien erst, als der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano ein geplantes Abendessen mit Steinbrück absagte. Doch die Kritik am Kanzlerkandidaten wirkt halbherzig. Insbesondere die CSU hält sich zurück. Sie fürchtet, dass Steinbrück seine Popularität mit den „Clowns“ steigert. Die „Kavallerie“ hatte schließlich Kultcharakter bekommen. In Talkshows zitiert Steinbrück immer wieder die „Kavallerie“, Beifall ist ihm dafür bis heute sicher.

Als ein Mann der „klaren Kante“ inszeniert sich Peer Steinbrück, als authentisch und direkt. Er liebt Humor und Ironie, Spott und lautmalerische Formulierungen. Gestanzte Formeln und nichtssagende Sätze empfindet er als Zumutung. Nullaussagen ärgern ihn, und er ironisiert sie: „Eine gute Grundlage ist die beste Voraussetzung für eine solide Basis.“ „Nicht verbiegen“ wolle er sich, sagt Steinbrück, und sich treu bleiben. Doch in politischen Fragen – von Rente über Frauenquote bis Wohnungsbau – erweist er sich als überaus flexibel.

Sehr wohl könnte es dem SPD-Kanzlerkandidaten gelingen, sich von Angela Merkel abzuheben. Das ist aus Sicht seiner Partei geboten, in sechs Monaten wird gewählt, und die SPD dümpelt in Umfragen bei allenfalls 30 Prozent. Der erhoffte „Steinbrück- Bonus“ könnte sich so darstellen: hier der Kandidat, der „Wahrheiten“ ausspricht, dort die wolkig formulierende Kanzlerin, die bittere Erkenntnisse verklärt. Klartext-Peer gegen Schwurbel-Angela. In der Union fürchten sie diesen Gegensatz. Merkels Beliebigkeit und die Bereitschaft, noch den letzten „Markenkern“ der Union fröhlich über Bord zu werfen, könnten das kantige Image Steinbrücks aufpolieren. Die letzten Bundestagswahlen gingen allesamt anders aus als zuvor allgemein erwartet.