US-Diplomatie

Kerrys Charmeoffensive

US-Außenminister umgarnt Studenten aus der Hauptstadt mit Geschichten aus seiner Kindheit. Viel Lob für Deutschland

Es ist ein dynamischer, bestens aufgelegter und sofort drauflos plaudernder John Kerry, der da am Dienstagmorgen um Punkt 10.30 Uhr im Café „Base Camp“ Unter den Linden erscheint. Eine knappe Stunde hat sich der neue amerikanische Außenminister Zeit genommen, um hier – noch vor seinen Treffen mit Amtskollege Guido Westerwelle (FDP) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – auf der zweiten Station seiner ersten Auslandsreise mit jungen Deutschen auf Tuchfühlung zu gehen.

Großer Applaus zur Begrüßung

Stipendiaten des Deutschen Bundestags, des US-Kongresses und der Fulbright-Kommission haben sich hier auf Einladung der US-Botschaft versammelt, Teilnehmer des Young-Leaders-Programms der Atlantik-Brücke, Abiturienten und Studenten, die meisten um die 20, viele von ihnen (Kerry fragt das ab!) waren auch schon für ein Austauschjahr in den Vereinigten Staaten oder wollen bald hin. Es gibt also kaum Eis, das da gebrochen werden müsste: Die jungen Leute hier sind Nachwuchs-Transatlantiker, und sie begrüßen den Nachfolger von Hillary Clinton, der eigentlich nur Barack Obamas zweite Wahl war, mit einem prasselnden Applaus, der nicht inszeniert, sondern echt ist. Kerry, der in seiner Amtszeit eine Reihe von Veranstaltungen unter dem Motto „Youth Connect“ plant, um mit der nächsten Generation von Führungskräften und Innovatoren aus der ganzen Welt Kontakt aufzunehmen, umgarnt sein Premierenpublikum sicherheitshalber dennoch gleich mit ein paar Ansagen auf Deutsch. „Ich würde sagen: Es ist wunderbar, wieder hier in Berlin zu sein“, ist die erste. Und dann, an Moderator Cherno Jobatey gewandt, der den Außenminister der Vereinigten Staaten in Turnschuhen willkommen heißt: „Deine Schuhe sind fantastisch.“ Allgemeine Erheiterung ist die zwangsläufige Folge.

Jedenfalls schließt sich für John Kerry, der während seines Aufenthalts im Hotel „Adlon“ logiert, an diesem Berliner Morgen auch persönlich ein Kreis, das kann man spüren. So schwärmt er – nun doch auf Englisch – von jener „unglaublich aufregenden“ Zeit, in der er als elfjähriger Steppke seine ersten Ausflüge in die Weltpolitik unternahm und mit dem Fahrrad das geteilte Nachkriegs-Berlin der Fünfzigerjahre auf eigene Faust erkundete, in dem seine Eltern als US-Diplomaten mit Wohnsitz Dahlem (hier: Szenenapplaus der anwesenden FU-Studenten) lebten. Und erinnert an den Ärger, den ihm sein Vater machte, als herauskam, dass er dabei einmal auch den verbotenen Ostteil der Stadt unsicher gemacht hatte, statt wie vorgeschrieben am Brandenburger Tor haltzumachen. Und so war es sicherlich eine nostalgische, aber authentische Geste, als der 69-Jährige am Montagabend nach seiner Landung in der Hauptstadt zu deren Wahrzeichen aufbrach, um es mit Handykamera zu fotografieren und zu twittern, wovon er nun berichtet.

Keine Frage, die Erfahrungen an der Verwerfungslinie zwischen Ost und West im Kalten Krieg waren prägend für den Mann, dessen erste Auslandsreise ihn nach London sogleich weiter nach Berlin führte. Die Stadt also, die der mehr am Pazifik und Asien interessierte Präsident Barack Obama 2008 zwar als Wahlkampfkulisse einsetzte, die er seitdem aber nicht wieder aufgesucht hat.

Kerry argumentiert vor den Jugendlichen mit seiner persönlichen Geschichte gegen den Eindruck an, dass die Beziehung sich abgekühlt haben könnte, er sagt sogar: „Wir sind enger miteinander verbunden als je zuvor.“ Die USA und Europa hätten gemeinsam doch riesige Möglichkeiten, gerade auf wirtschaftlichem Gebiet. Damit meint er die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen, die im Sommer zwischen der EU und den USA beginnen. Kerry weicht keiner Frage wirklich aus, egal ob es um Mali, Afghanistan, den Nahost-Konflikt oder die Situation von Homosexuellen in Russland geht, auf die er doch auch mal seinen russischen Kollegen Sergej Lawrow ansprechen könnte, wie ihm vorgeschlagen wird.

Die stärksten Momente dieser Veranstaltung sind jene, in denen Kerry dem Moderator charmant das Heft aus der Hand nimmt, den Spieß umdreht und selbst Fragen an das Publikum richtet: „Was studierst du?“, „Hast du die Oscar-Verleihung gesehen?“, „Was, würdet ihr sagen, muss ich unbedingt über Deutschland wissen?“. Eine Antwort, für die sich Kerry bedanken wird, lautet: „Dass es hier Stolpersteine gibt, die in die Gehwege eingelassen werden und an deportierte jüdische Mitbürger erinnern.“

Überhaupt hat der Minister viel Lob mitgebracht für das Land, das seiner „Führungsrolle in Europa“, wie er sagt, gerecht werde. Und am Ende auch für das Publikum: „Kann ich bitte noch mal wiederkommen?“ Danach geht es über abgesperrte Straßen im Regierungsviertel (Gefährdungsstufe zwei) aber doch weiter zu den nächsten Gesprächspartnern. Das auf eine halbe Stunde anberaumte Treffen mit Guido Westerwelle im Auswärtigen Amt dauert gut 15 Minuten länger als geplant. „Herr Minister, lieber John“, begrüßt er den Gast. Jetzt geht es im kleinen Kreis um den Truppenabzug aus Afghanistan, den Atom-Konflikt mit dem Iran und die Lage in Syrien. Kerry nennt Deutschland einen „unserer stärksten und effektivsten Verbündeten auf der ganzen Welt“, was der Deutsche prompt erwidert. Dass Kerry so früh in seiner neuen Amtszeit den Weg nach Europa und Berlin gefunden habe, sei ein „klares Bekenntnis zur transatlantischen Partnerschaft“. Und auch Angela Merkel sagt zu Kerry: „Wir haben nicht nur gemeinsame Werte, sondern auch viele gemeinsame Aufgaben.“