Yoani Sanchez

In 80 Tagen um die Welt

Regimekritikerin Yoani Sanchez darf Kuba zum ersten Mal verlassen – und macht eine lange Reise

Eine feste Umarmung mit ihren Nichten, ein schüchternes Winken, dann öffnete sich die dunkle Durchgangstür des Internationalen Flughafens Havanna, hinaus in die Freiheit: Kubas international bekannte Dissidentin, die Bloggerin Yoani Sanchez, hat ihre Heimat verlassen. In etwa 80 Tagen will die Autorin des regierungskritischen Blogs Generacion Y mehr als zwölf Länder bereisen. Auch nach Deutschland und in die Schweiz werde die 37 Jahre alte Philologin kommen, sagte ihr Ehemann Reinaldo Escobar in einem Telefongespräch. „Es war ein sehr emotionaler Abschied“, beschreibt der Journalist die letzten Minuten vor der mit Spannung erwarteten Ausreise seiner Frau. Bis zuletzt habe sie nicht an eine Ausreise geglaubt, heißt es aus ihrem Umfeld.

Damit geht für Sanchez ein jahrelanger Kampf um die Reisefreiheit erfolgreich zu Ende. Die junge Kubanerin verließ das Land problemlos, nachdem sie etwa 20Mal erfolglos um ihre Ausreise gebeten hatte. Die Erleichterungen im Reiseverkehr, welche die kubanische Regierung kürzlich verfügte, machen es möglich.

„Ihr liegen sehr viele Einladungen vor“, sagt Escobar. „Das wird eine spannende Reise.“ Seine Frau werde auch von unterwegs aus versuchen, weiter Beiträge für das Blog zu verfassen. Zum Beispiel gebe es in Panama auf dem Flughafen einen kostenlosen Wifi-Zugang, berichtet er mit offenkundigem Erstaunen.

Yoani Sanchez landete in der brasilianischen Stadt Recife und reiste weiter nach Salvador. Sie twitterte: „Bei meiner Ankunft wurde ich von Freunden empfangen und von anderen beleidigt.“ Sie fügte hinzu: „Ach, wäre das in Kuba auch möglich! Es lebe die Freiheit!“ In Salvador skandierten Kritiker der Bloggerin: „Es lebe Fidel“ und „Yoani, du hast dich an die Amerikaner verkauft“.

„Für mich beginnt eine neue Etappe in meinem Leben“, verkündet Sanchez. Ihre erste Station ist Brasilien. Auf ihrer Reise um die Welt wird sie in internationalen Medienhäusern zu Gast sein und an Filmfestivals sowie Menschenrechtskonferenzen teilnehmen. Sie wolle sich informieren, wie moderne Pressearbeit funktioniere, so Sanchez. Ihr Blog, das mit ausländischer Hilfe finanziert wird, beschreibt das Leben in Kuba aus Sicht einer Regimekritikerin. Sie schildert darin unter anderem die Mangelwirtschaft und das repressive Vorgehen der kommunistischen Machthaber gegen Andersdenkende.

Fans im Ausland

Die meisten Leser hat Sanchez allerdings im Ausland, da trotz der jüngst mit venezolanischer Hilfe verbesserten kubanischen Internetleistung nur wenige ihrer Landsleute überhaupt Zugang zum Netz haben. Sanchez gilt als international gefragte Interviewpartnerin. Angeblich liegen der Regimekritikerin Angebote vor, als Gast- und Buchautorin zu arbeiten.

Sanchez ist nicht die einzige Regimekritikerin, die ein Flugzeug in Richtung Freiheit bestieg. Rosa Maria Paya, Tochter des im vergangenen Jahr bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommenen christlichen Oppositionspolitikers Oswaldo Paya, verließ die kommunistische Karibikinsel in Richtung Spanien.

Auch die Sprecherin der kubanischen Bürgerrechtsbewegung Frauen in Weiß, Berta Soler, plant das neue reformierte Ausreisegesetz auf Kuba in Anspruch zu nehmen, um an einer Regionalkonferenz von Menschenrechtsorganisationen in Panama Mitte April teilzunehmen. Soler hat über die deutsche Botschaft in Havanna eine Einladung des deutschen Außenministeriums erhalten. Die Bundesregierung hält sich allerdings bedeckt, um die Ausreise Solers nicht zu gefährden. Verbunden ist mit der Einladung auch die Zusage, die entsprechenden Kosten für die Reise nach Panama zu übernehmen. Die Damen in Weiß sind ein pazifistischer Zusammenschluss von Frauen in Kuba, deren Männer und Söhne für die Meinungs- und Pressefreiheit eingetreten sind und deshalb vom kubanischen Staat verhaftet wurden. Gegründet wurde die Menschenrechtsorganisation als Reaktion auf den kubanischen Schwarzen Frühling im Jahr 2003, bei dem zahlreiche Regimekritiker festgenommen und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden.

Möglich macht der Exodus der reisewilligen Dissidentinnen ohne politische Vorstrafen das neue liberalisierte Reisegesetz der kommunistisch regierten Insel. Um das Land zu verlassen, reicht jetzt ein gültiger Pass und ein Einreisevisum des Ziellandes.

Sehnsüchtig erwartete Reform

Die Reform der Reisepolitik ist von den rund elf Millionen Kubanern seit Jahren sehnlichst erwartet worden. Präsident Raul Castro, der vor gut fünf Jahren die Führung des Landes von seinem Bruder Fidel Castro übernommen hatte, setzte damit, wie vom Erzfeind USA mit Blick auf eine mögliche Aufhebung des US-Embargos gefordert, ein deutliches Zeichen der Liberalisierung. In der Vergangenheit wurden Reisegenehmigungen oft willkürlich vergeben und Regimekritikern häufig verweigert.

Bloggerin Yoani Sanchez hatte sich bei Inkrafttreten der neuen Regelung vor wenigen Wochen noch skeptisch gezeigt: „Werde ich ab Montag auf der Liste der Menschen stehen, die ausreisen dürfen, oder auf dem Zettel mit den Namen, die es nicht dürfen. Ich schwanke zwischen Hoffnung und Skepsis.“

Für den großen Rest der Kubaner bleibt die Reisefreiheit allerdings nur ein Traum: Kubaner brauchen für die meisten Länder der Welt ein Einreisevisum. Das ist nicht leicht zu bekommen, insbesondere weil ein Kubaner mit einem durchschnittlichen Monatslohn von umgerechnet 50 Dollar nicht einmal annähernd über ausreichende finanzielle Mittel verfügen. Dass Yoani Sanchez, Rosa Maria Paya und Berta Soler ihre lange erhofften Auslandsreisen antreten können, macht sie von Außenseitern der Gesellschaft zu privilegierten Kubanerinnen.