Peter Altmaier

„Mein dicker Bauch ist kein Makel“

Umweltminister Peter Altmaier (CDU) über persönliche Stärke, die Energiewende und die Gefahren durch die Fracking-Technologie

Seit dem Rücktritt von Annette Schavan ist er der letzte katholische CDU-Politiker im Kabinett von Angela Merkel. Auf eine Zukunft im Umweltressort will sich Peter Altmaier nicht festlegen. In seinem Büro hängen noch die Gemälde seines Vorgängers Norbert Röttgen. Mit Altmaier sprachen Robin Alexander, Jochen Gaugele und Claus Christian Malzahn.

Berliner Morgenpost:

Herr Altmaier, Sie haben als Kind davon geträumt, Papst zu werden. Haben Sie in dieser Woche einmal daran gedacht?

Peter Altmaier:

Ich habe davon geträumt, weil Paul VI. der erste Papst war, der regelmäßig in dem neuen Fernsehmedium zu sehen war. Das hat mich als Kind immer fasziniert. Mir wurde klar, dass dieser Papst über alle geografischen und politischen Grenzen hinweg eine wichtige moralische Autorität war. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen, in dem sich viel geändert hat.

Sie haben noch etwas mit dem Papst gemeinsam: Sie sind Single und machen dafür den Herrgott verantwortlich.

Also, nein. Diese Frage können Sie vergessen. Dazu ist alles gesagt. Dieses Fass machen wir nicht mehr auf.

Wie erleben Sie die Debatten über Sexismus und Rassismus in der Politik – also aktuell über Brüderles Herrenwitz und Röslers asiatisches Aussehen?

Ich finde das unsäglich!

Haben Sie selber Diskriminierung erlebt?

Nein. Das mag auch an meinem Selbstbewusstsein liegen. Ich habe weder meine Lippenspalte, die als Kind etwas schlimmer war als heute, noch meinen dicken Bauch als Makel empfunden.

Woher nehmen Sie die Stärke?

Vielleicht aus meinem Elternhaus. Ich habe früh gelernt, dass man einerseits Pflichten hat und bestimmte Erwartungen erfüllen soll. Andererseits hat man als Mensch einen Wert, den niemand einem nehmen kann. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass diese Einstellung richtig war. Heiner Geißler hat einmal gesagt: Nicht die Klasse entscheidet über den Menschen, auch nicht die Rasse. Sondern der Mensch, wie er geht und steht, ist der Mensch. Darin ist die Lehre enthalten, die wir aus Kommunismus, Nationalsozialismus und vielen ideologischen Debatten gezogen haben. Das ist sozusagen das Erbe der alten Bundesrepublik Deutschland. Da bin ich aufgewachsen, und das gibt mir Stärke und Kraft.

Was schätzen Sie am Menschen Philipp Rösler?

Er ist ganz unprätentiös im persönlichen Auftreten. Wir können sehr unkompliziert miteinander reden. Das hat uns erlaubt, viele Probleme schnell zu lösen, für die unsere Beamten Wochen oder Monate gebraucht hätten.

Die FDP schlägt vor, die Kompetenz für die Energiewende im Wirtschaftsministerium zu bündeln. Und das soll Ihr Wunschpartner sein?

Das ist doch kein offizieller Vorschlag der FDP! Es gibt immer wieder Versuche, von den zentralen Herausforderungen der Energiewende abzulenken. Es würde nichts anders oder automatisch besser, wenn nur ein Minister für diese Fragen zuständig wäre. Auch nach der Gründung eines Energieministeriums müsste jede einzelne Reform eine Mehrheit in Bundestag und Bundesrat finden – und man müsste die Öffentlichkeit dafür gewinnen.

Norbert Röttgen ist gescheitert. Was machen Sie besser als Ihr Vorgänger?

Sie erwarten nicht, dass ich mir Ihr Urteil zu eigen mache. Die Frage, ob Minister scheitern oder erfolgreich sind, lässt sich ohnehin erst im Abstand von Jahren oder Jahrzehnten sagen. Ein neuer Minister hat immer die Möglichkeit, Dinge neu zu bewerten. In meinem Zehn-Punkte-Plan ganz am Anfang habe ich ein paar zentrale Sätze geschrieben, zum Beispiel, dass die Energiewende zu jedem Zeitpunkt volkswirtschaftlich bezahlbar sein muss. Davon leitet sich alles ab, was ich zum Thema Strompreisbremse gemacht habe.

Ihre Preisbremse wird spätestens im Bundesrat gestoppt ...

Das sehe ich überhaupt nicht. Mein Vorschlag einer Strompreisbremse war nicht mehr und nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Ich habe zum ersten Mal die Frage gestellt: Wie hoch dürfen die Kosten sein, mit denen wir die Bürger für die Energiewende belasten? Wir haben die Situation, dass jedes Jahr zwischen 16 und 20 Milliarden Euro für die Förderung der erneuerbaren Energien von den Stromkunden, den Bürgerinnen und Bürgern, zu bezahlen sind. Damit haben wir Belastungsgrenzen erreicht. Ich gehe davon aus, dass mein Ansatz einer Strompreisbremse von SPD und Grünen mitgetragen wird.

Wie teuer wird Strom in fünf Jahren sein?

Ich habe die große Sorge, dass der Strom ohne Preisbremse in diesem Jahr um bis zu zehn Prozent teurer werden könnte. Für die folgenden Jahre sind vergleichbare Preissteigerungen nicht auszuschließen. Für Menschen mit niedrigen Einkünften wird das genauso zum Problem wie für die mittelständische Wirtschaft. Daher muss etwas geschehen – und zwar noch vor der Bundestagswahl.

Wenn die Preisbremse Ihr Beitrag zur Energiewende ist – ab welcher Höhe der Ökostrom-Umlage wäre der Minister Altmaier politisch gescheitert?

Der Minister Altmaier wäre dann gescheitert, wenn er Probleme nicht rechtzeitig erkennen würde und nicht den Mut hätte, rechtzeitig Lösungsvorschläge zu machen.

Herr Altmaier, in den USA hat die Förderung von Schiefergas mit der Fracking-Technologie zu einem Energieboom geführt – und die Preisentwicklung gedämpft. Kann Deutschland sich leisten, unterirdische Milliardenschätze nicht zu heben?

Da gibt es einen großen Unterschied: In den USA wird Schiefergas in menschenleeren Gegenden abgebaut. In Europa liegt es fast überall in dicht besiedelten Regionen. Deshalb gibt es bei uns nirgendwo nennenswerte Aktivitäten zur Förderung von Schiefergas.

Bleibt es dabei?

Als Umweltminister kann ich einen Abbau mit Fracking nicht vertreten, solange die möglichen Risiken nicht abschließend geklärt sind. Ich werde ein Gesetz vorlegen, das die Förderung von Schiefergas in Trinkwasserschutzgebieten generell verbietet. Für alle anderen Bereiche wird eine Umweltverträglichkeitsprüfung gesetzlich vorgeschrieben.

Ein Bohrverbot wird es also nicht geben.

Ob und wann es möglich sein wird, Schiefergas in Deutschland zu fördern, lässt sich nicht absehen. Wir brauchen weitere Gutachten und Untersuchungen. Erst dann wird eine realistische Einschätzung möglich sein. Im Augenblick wäre es zu früh, ein komplettes Verbot auszusprechen.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Albig warnt schon vor einem neuen Fukushima ...

Ich bin ein nüchterner und sachlicher Mensch. Aber ich komme aus einer Gegend im Saarland, wo Steinkohle abgebaut wurde. Das ist von den Zuständigen lange Zeit als harmlos bezeichnet worden. In den 90er-Jahren ist dann ein neues Kohlefeld erschlossen worden, und der Abbau hat zu Erdbeben geführt. Bei einem Erdstoß wurden Hunderte Häuser beschädigt, und Teile einer Kirchturmfassade stürzten herab. Das hat mich sehr stark sensibilisiert. Ich sehe es als meine Aufgabe an, alle möglichen Gefahren der Fracking-Technologie gründlich zu klären.