Kommentar

Die Berlinale in der Sinnkrise

Peter Zander über die 63. Berliner Filmfestspiele, die am Sonntag zu Ende gehen

Die Berlinale war prima. Wenn nur die Filme nicht wären. Auf dieses knappe Fazit kann man die 63. Berliner Filmfestspiele, die am heutigen Sonntag mit dem Publikumstag zu Ende gehen, bringen. Das Event ist ja längst mehr als ein Filmfestival. Es ist ein Stadtfest, bei dem auch ganz branchenfremde Bereiche wie die Kunst- und Kochszene ihr Süpplein mitkochen. Ein Fest, das sich wie eine Krake vom Potsdamer Platz aus in die Kieze ausgebreitet hat. Und da ist kein Murren oder Knurren über Pleiten und Pannen. Man muss wirklich dankbar sein, dass Berlin elf Tage lang einmal nicht von Riesenbaustellen-Verzögerungen, S-Bahn-Chaos oder Aktenschreddereien von sich reden macht und nicht die ganze Republik über die Hauptstadt lacht. Nein, Berlin präsentiert sich als roter Teppich für die Welt. Die Stars, sie kamen in Serie, diesmal sogar ohne die üblichen Absagen. Und die Schaulustigen versammelten sich auch. Berlin ist sexy, ganz ohne Armutszeugnis.

Das alles ist ein klares Verdienst von Dieter Kosslick, der, als er vor zwölf Jahren die Berlinale übernahm, das Festivalgehäuse grundlegend umgekrempelt und um zahlreiche Nebenbauten erweitert hat. Dafür ist ihm ewiger Dank sicher. Er hat sich als brillanter Festivalarchitekt erwiesen. Aber wenn wir uns genug sattgesehen haben am Äußeren, an der Prachtfassade, wenn wir auch mal einen Blick auf die Innenarchitektur riskieren, dann sieht das leider anders aus. Dann hat Dieter Kosslick ein großes Problem. Seit die Oscar-Verleihung vom März in den Februar vorverlegt wurde, ist Hollywood hier nicht mehr so stark vertreten. Die Stars mögen trotzdem kommen, mit kleineren Independent-Produktionen. Aber das große Hollywoodkino, das zum Festivalbetrieb nun mal einfach dazu gehört, es fehlt. Es hinterlässt klaffende Lücken. Wenn Kosslick dann doch ein Star-Vehikel wie „Les Misérables“ als Berlinale-Special präsentiert, dann lacht die ganze Welt, in der die Musicalverfilmung schon seit zwei Monaten läuft. Dass ein Drittel des Wettbewerbs keine Uraufführungen mehr, sondern anderswo längst angelaufen sind, belegt: Die Berlinale hat ein Image-Problem. International scheint sie an Bedeutung, an Attraktivität zu verlieren.

Die Berlinale auf einen früheren Termin zu verschieben wird kaum möglich sein. Weil der europäische Filmmarkt daran gebunden ist, der im internationalen Marktgefüge kaum beweglich ist. Dass Dieter Kosslick die Lücke aber nicht adäquat zu füllen weiß, wird immer offensichtlicher. Kaum ein Gast des Festivals, der nicht über den mauen Wettbewerb geklagt hätte. 6812 Einreichungen hat es in diesem Jahr gegeben: Und das soll wirklich das Beste daraus gewesen sein? Schon seit einigen Jahren ertönt der Ruf nach einem künstlerischen Leiter, der ihm zur Seite gestellt werden sollte. Der Ruf wird immer lauter. Statt immer noch eine weitere Sektion ins Leben zu rufen, müsste man das unübersichtliche Programm radikal abspecken, aber inhaltlich aufwerten. Sonst läuft die Berlinale Gefahr, ihren A-Status als internationales Festival zu verlieren. Dann wäre sie nur noch ein Stadt-Event, auf das die Welt nicht mehr schaut.