Ein Jahr nach dem Rücktritt

Die Beschädigten von Hannover

Vor genau einem Jahr trat Christian Wulff als Bundespräsident zurück. Die Affäre hat das Leben vieler Menschen drastisch verändert

– Die Meute, die Journalisten, sind ja längst ganz woanders: der Brüderle, der Papst, das Pferdefleisch. Die Protagonisten im „Fall Wulff“, der zum bisher einmaligen Rücktritt eines Bundespräsidenten an heute vor genau einem Jahr führte, stecken noch immer drin. Die meisten von ihnen konnten ja nicht einfach weiterziehen zur nächsten Sensation. Zur nächsten „Causa“. Viele leiden immer noch. Oft wütend und still. Keine Zitate, keine Bilder, viel Sarkasmus, Bitterkeit. Das Misstrauen gegen diejenigen, die weitergezogen sind, so als wäre nichts gewesen, ist jedenfalls groß bei jenen Menschen, für die der 17. Februar 2012 die Welt verändert hat.

Christian Wulff

Hannover-Waldhausen, in diesen kalten Februartagen. Die Fenster immer blickdicht. So ziemlich jeder, der hier vorbeikommt, wirft ja einen scheuen Blick nach oben zur ersten Etage, wo Christian Wulff sich einquartiert hat, seitdem nach seiner Präsidentschaft auch seine Ehe gescheitert ist. Der Blick wird nicht erwidert. Der Bundespräsident a. D., der jüngste aller Zeiten, lebt zurückgezogen. Neulich hat er sich mal wieder beim Fußball blicken lassen, das Stadion von Hannover 96 liegt ja ganz in der Nähe. Aber sonst? Keine öffentlichen Auftritte, keine Interviews, keine Verlautbarungen. Wulff nehme viele Termine wahr, heißt es in seinem Berliner Büro betont geschäftig. Aber diese Termine finden hinter verschlossenen Türen statt. Spurenlos.

Der Ex-Bundespräsident wartet. Auf die Entscheidung der Staatsanwälte. Auf die Bestätigung, dass er sich „stets rechtlich korrekt verhalten“ hat, wie er es in seiner Rücktrittsrede ausgedrückt hat. Fehler ja, die habe er gemacht, wie alle anderen auch. Aber er sei „immer aufrichtig“ gewesen. Wulff hofft darauf, dass diese Aufrichtigkeit endlich ein amtliches Siegel bekommt. Es soll das Startsignal für einen neuen Aufbruch sein, für einen neuen Lebensabschnitt.

Wenn man Menschen fragt, die Wulff gut kennen, die es auch gut mit ihm meinen, sind alle ein wenig ratlos, wie es weitergehen könnte für den 53-Jährigen. Manche empfehlen ihm, nach dem Ende des Ermittlungsverfahrens offensiv auf Vortragsreise zu gehen mit seinem Thema Integration. Andere setzen darauf, dass er seine guten Beziehungen ins Ausland nutzen könnte. Mit dem Emir von Katar ist Wulff ebenso gut befreundet wie mit dem türkischen Präsidenten Gül. Die Trennung von seiner Frau Bettina hat einen solchen Schritt ins Ausland nicht leichter gemacht. Das gemeinsame Sorgerecht für den kleinen Sohn Linus ließe sich über große Entfernungen nur ungenügend wahrnehmen. Von Großburgwedel nach Hannover-Waldhausen ist esein Katzensprung. Aber nach Ankara? Nach Doha?

Wulffs Partei, die Christlich Demokratische Union, hat ihrem einstigen Hoffnungsträger noch keine Perspektive aufgezeigt. Sie würde ihrem Namen Ehre machen, wenn sie es nicht dabei beließe. Spätestens nach Ende der Ermittlungen.

Bettina Wulff

Sie hält sich jetzt – viele meinen: endlich – an den Rat ihrer besseren Freunde. Kein Interview, keine Foto-Shootings, kein Mucks. Morgens die Kinder zur Schule bringen, einkaufen, Sport, mittags wieder abholen. Schularbeiten, Abendbrot. Großburgwedeler Alltag. Kein neuer Lover. Jedenfalls nicht öffentlich. Sollen die Medien doch spekulieren über den Medienmanager, einen Ex-Partner, den Tennislehrer, gern auch über eine Flucht nach Amerika. Bettina Wulff sagt nichts dazu. Ein halbes Jahr nach der öffentlichen Entblößung, die mit dem Erscheinen ihres Buches „Jenseits des Protokolls“ einherging, hat die 39-jährige PR-Expertin die Kommunikation in eigener Sache vorerst eingestellt. Ihre Tauchstation ist das gelb geklinkerte Einfamilienhaus, mit dessen kreditfinanziertem Kauf das ganze Drama begonnen hat. Bettina Wulff möchte, so heißt es in Hannover, ganz gern, dass es verkauft wird. Aber der Preis, den die Wulffs im Jahr 2008 bezahlt haben, lasse sich heute nicht mehr realisieren.

Immerhin: Wenn man in diesen Tagen den Namen der früheren First Lady bei Google eingibt, verzichtet die Suchmaschine auf das Hinzufügen jeglicher denunziatorischer Vokabeln. Stattdessen erscheinen: „Neuer Mann“, der Name eines für diese Vakanz Gehandelten sowie „Trennung“. Es erscheint auch die Begriffskombination „Bettina Wulff Kommunikation“, also der Name der von ihr im September gegründeten PR-Firma. Aber spätestens einen Klick später beginnt dann wieder die unappetitliche Seite des Internets.

David Groenewold

In der vergangenen Woche tauchte er dann doch plötzlich auf. Berlinale! Kino-Festival! Und David Groenewold mittendrin, die Schlüsselfigur im Ermittlungsverfahren gegen Christian Wulff. Ausgerechnet mit dem einstigen Wulff-Vertrauten Olaf Glaeseker hat er sich fotografieren lassen für die „Bild am Sonntag“, da war man dann gleich wieder beim Thema. Groenewold war vor einem Jahr in das Visier der Staatsanwaltschaft Hannover geraten. Die Juristen meinten Anhaltspunkte dafür zu haben, dass der Produzent dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff einige Übernachtungen auf Sylt und ein hochwertigeres Hotelzimmer in München bezahlt habe. Aus Kalkül, nicht aus Freundschaft. Mit den Ermittlungen gegen den Bundespräsidenten begannen auch die Ermittlungen gegen Groenewold. Wie Wulff fühlt sich Groenewold völlig zu Unrecht beschuldigt. Aber das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Groenewold und Wulff, so heißt es in Berlin, haben sich schon lange nicht mehr gesehen. Auch der einst enge Kontakt zu Bettina Wulff sei mittlerweile eher lose. Stattdessen hat sich Groenewold mit Walter Moers zusammengetan. Mit dem Zeichner und Autor produziert er gerade den abendfüllenden Trickfilm „Adolf – der Film“, einen Hitler-Comic im Stile des erfolgreichen Videoclips „Der Bonker“.

Lothar Hagebölling

Über seinen Schreibtisch ist jedes Schriftstück gegangen, das bis zum Rücktritt des Bundespräsidenten verfasst wurde, jede Anfrage in dieser Sache, jede Antwort. Er hat die Entlassungspapiere für Olaf Glaeseker ausgefertigt und ist bis zum bitteren Ende an Christian Wulffs Seite geblieben. Lothar Hagebölling war Christian Wulffs wichtigster Beamter, zuerst als Leiter der niedersächsischen Staatskanzlei, dann als Chef des Bundespräsidialamtes. Loyal, korrekt, preußisch. Entsprechend hat er unter der Präsidentenkrise gelitten. Kaum aus dem Amt geschieden, erkrankte Hagebölling schwer.

Inzwischen hat er sich wieder einigermaßen erholt. Jeden Freitag Vormittag von 9.45 Uhr bis 11.15 Uhr hält der 60-jährige Jurist und Honorarprofessor an der TU Braunschweig eine Vorlesung über „Staat und Wirtschaft“. Für die Stadt Wolfsburg und den Landkreis Helmstedt hat er gerade ein Gutachten zu deren geplanter Fusion vorgelegt. Für den 26. Februar bereitet Hagebölling beim Deutschen Feuerwehrverband einen Vortrag mit dem Thema „Anerkennungskultur in der Feuerwehr“. Klingt dröge, aber Lothar Hagebölling ist vielen Beteiligten einen ganzen Schritt voraus. Er hat sein „Leben danach“ schon geordnet. Über das davor verliert er kein einziges Wort.

Egon Geerkens

Ab und zu verlässt er sein Schweizer Exil in Luzern, fährt er doch wieder nach Deutschland, wo er erst alle Zelte abgebrochen und auch die letzte Immobilie verkauft hatte. Mal zieht es ihn nach Berlin, wo es so spannend ist. Mal auch nach Hannover, wo seine Schwester lebt und wo der ganze Mist, so sieht er es, ja angefangen hat: mit einer Anfrage im niedersächsischen Landtag zu den „Geschäftsbeziehungen“ zwischen Egon Geerkens und Christian Wulff. Ist es ein Geschäft, wenn ein väterlicher Freund seinem Schützling Geld leiht? Wenn er ihn berät bei der Finanzierung eines Hauses? Egon Geerkens jedenfalls empfindet das als pure Selbstverständlichkeit. Für ihn hat Christian Wulff dem Niedersachsen-Parlament im Februar 2010 nicht die halbe Wahrheit gesagt, sondern die ganze: keine Geschäftsbeziehung zu Egon Geerkens und seiner Frau Edith. Christian Wulff, das hat er mehrfach zu Protokoll gegeben, auch in diesen Tagen, sei und bleibe ein Freund der Familie.

Manfred Schmidt

Er hatte am 30. Juni die große Party geschmissen, als Christian Wulff Präsident wurde, in seiner „Residenz“ am Pariser Platz, mit Blick aufs Brandenburger Tor. Auch für Schmidt, jedenfalls für sein Unternehmen, sein Geschäftsmodell, bedeutete die Präsidentenaffäre das Aus. Wenn man in diesen Tagen versucht die „Manfred Schmidt Media S.L.“ zu erreichen, landet man im Nichts. Keine E-Mail wird beantwortet, auch das Telefon wird nicht bedient, nur die Internet-Präsenz beweist, dass es da einmal etwas gab: „Organisation und Umsetzung hochwertiger VIP Networkingevents“. Der „Nord-Süd-Dialog“ zum Beispiel, mit dessen Hilfe die Landesregierungen von Niedersachsen und Baden-Württemberg zwischen 2007 und 2009 ein bisschen Glanz und Glamour an Leine und Neckar holen wollten. Wegen der Umstände dieser Promi-Partys mitten in der Grauzone zwischen Politik und Wirtschaft ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover derzeit gegen den 63-Jährigen. Die Entscheidung über eine Anklage wird für die kommenden Wochen erwartet. Schmidt selbst hat sich bis dahin erst mal eine Auszeit verordnet, die er vorwiegend in Bangkok verbringt.

Olaf Glaeseker

Man sieht ihn jetzt schon hin und wieder auf den mittleren, auch auf den etwas größeren Bühnen dieser Republik. Ein Neujahrsempfang beim niedersächsischen Rundfunksender Radio ffn in Hannover, ein Besuch bei den Filmfestspielen in Berlin. Olaf Glaeseker, der einstige Wulff-Pressesprecher und engste Vertraute, hatte sich zurückgezogen auf seine Steinhuder Tauchstation. Angefasst, auch enttäuscht von seinem „siamesischen Zwilling“ (Wulff). Jetzt wagt sich Glaeseker zurück in die Öffentlichkeit. Gefasster, weniger hadernd. Die Pläne, sein Leben mit Wulff in Buchform zu veröffentlichen, hat er vorerst beiseite geschoben. In ein paar Wochen will der Ex-Zehnkämpfer eine Entscheidung fällen, wie es beruflich weitergehen soll. Das Übergangsgeld, das er seit Dezember 2011 bekommen hat, läuft demnächst aus. Glaeseker wird sich selbstständig machen oder in der Kommunikationsabteilung eines Großunternehmens anheuern.

Mit Wulff, seinem einstigen „Alter Ego“, verbindet Glaeseker nur noch das Warten auf die Entscheidungen der niedersächsischen Justiz. Seit einem Besuch des wulffschen Geburtstags-Barbecues im Juni vergangenen Jahres haben die beiden keinen Kontakt mehr. Falls die Staatsanwaltschaft Klage gegen Glaeseker erhebt wegen Bestechlichkeit im Zusammenhang mit dem „Nord-Süd-Dialog“, dann sieht man sich vor dem Landgericht in Hildesheim wieder.

Und all die Anderen?

Die meisten, die mit dem „Fall Wullf“ zu tun hatten, mussten einen Schritt zurücktreten. Petra Diroll zum Beispiel, die nach Glaesekers Demission noch zwei Monate Sprecherin des Bundespräsidialamtes war, steht inzwischen in Diensten der Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer. David McAllister, Wulffs Nachfolger als Ministerpräsident in Hannover, nutzte am Ende auch die Distanz nichts, die er schnell zwischen sich und seinen früheren Förderer gelegt hatte. Er wurde hauchdünn abgewählt und ist jetzt einfacher Abgeordneter in Hannover. Gernot Lehr, Wulffs Anwalt auch in der laufenden juristischen Auseinandersetzung, musste sich wegen seiner misslungenen Krisen-Kommunikation viel Kritik anhören. Er arbeitet als Rechtsanwalt in Bonn und schweigt eisern. Kein öffentliches Wort auch von Peter Hintze, dem Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Er hatte Wulff vor einem Jahr als einziger Christdemokrat bis zuletzt verteidigt. Keine Äußerung ist zudem von jenem Mann zu vernehmen, dem Wulffs Rückzug eine neue Karriere ermöglichte: Bundespräsident Joachim Gauck.